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Kino -– unersetzlich unerträglich

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Der Regisseur Michael Haneke hat kürzlich bei seinem Besuch des Deutschen Filmmuseums seine Carte Blanche vorgestellt, also eine Auswahl von zehn Filmen, die ihn besonders beeinflusst haben. Darunter war auch Pier Paolo Pasolinis SALÓ O LE 120 GIRONATE DI SODOMA (Die 120 Tage von Sodom, IT/FR  1975). Ein Film, der, wie Haneke selbst sagt, eigentlich unerträglich ist, weil er Gewalt und Diktatur so zeigt, wie sie ist und so ein markantes Zeichen gegen diese setzt. Gewalt sei bei Pasolini eben nicht konsumierbar wie in zahlreichen Action-Filmen, die weltweit für volle Kinos sorgen.

Das Kino hat wie kaum ein anderes Medium die Möglichkeit, unerträglich nahe ran zu gehen, um etwas deutlich zu machen, was aus der Ferne leicht zu übersehen ist. Das gilt auch für den letzten Film des großartigen Schauspielers Harry Dean Stanton: LUCKY (US 2017, R: John Carroll Lynch). Der Film handelt vom Alltag eines sehr alten Mannes (Stanton starb vergangenes Jahr im Alter von 93 Jahren) irgendwo im ländlichen Amerika. Beinahe auf Tuchfühlung zeigt die Kamera, wie sich Lucky rasiert, die Zähne putzt (und wie ihm dabei die Spucke aus dem Mund tropft), sie zeigt ihn beim Waschen des schlaffen Fleisches und bei seinen morgendlichen Yoga-Übungen in den Alt-Männer-Unterhosen. Sie begleitet ihn auf seinem staksigen Gang ins ein, zwei Kilometer entfernte Frühstücks-Diner und zeigt ihn, wie er jeden Morgen an einer Pforte inne hält und eine üble Verwünschung ausstößt. Sie zeigt ihn beim Gießen seiner Sukkulenten im sandigen Garten, beim Trinken seiner abendlichen Bloody Mary mit den Nachbarn in der örtlichen Bar oder beim Singen mexikanischer Mariachis auf einem Kindergeburtstag.

Und dann fällt Lucky eines Morgens beim Kaffeekochen einfach um. Auf seine an den Hausarzt gerichteten Frage, was ihm fehle, zuckt der nur mit den Schultern: „Ihnen fehlt gar nichts, Sie sind einfach alt.“ Und genau das zeigt der ganze Film in nahezu unerträglicher Intensität: Jeder Schritt, jedes Wort, jede Geste Luckys atmen das Alter und seine Lasten und als Kinobesucherin wünscht man sich leidenschaftlich, von derlei Mühsal verschont zu bleiben.

Am Ende sagt Lucky: „Alles ist vergänglich: Du, Du, Du, Du, ich und diese Zigarette, alles vergeht... in Schwärze, im Nichts. Und niemand ist verantwortlich, und am Ende bleibt Dir nur ... ungatz.“

Leider läuft LUCKY schon nicht mehr in den Frankfurter Kinos, da bleibt vorerst nur die Hoffnung auf den baldigen DVD-Start und, sich derweil mit anderen unersetzlichen Unerträglichkeiten zu trösten, die das Kino zu bieten hat. Zum Beispiel DIE GRÜNE LÜGE (AU 2018) von Werner Boote und Kathrin Hartmann. Der Film zeigt, wie Konzerne sich weltweit mit perfidem „Greenwashing“ ein Öko-Mäntelchen umlegen und dabei munter weiter die Umwelt zerstören – am Sonntag, 25. März, um 11:30 Uhr in der Harmonie, in Anwesenheit der Filmemacher Werner Boote und Kathrin Hartmann.

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