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Film-Blog: Schweigepflicht

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Einfach mal die Klappe halten: John Krasinski (links) führt Regie und spielt die Hauptrolle im Monster-Movie A QUIET PLACE. Foto: Paramount Pictures Einfach mal die Klappe halten: John Krasinski (links) führt Regie und spielt die Hauptrolle im Monster-Movie A QUIET PLACE.

Baulärm, Bahnlärm, Fluglärm: nicht selten wünscht man sich eine ruhigere Welt herbei. Doch wie schon Oscar Wilde formulierte: Wenn die Götter uns strafen wollen, erhören sie unsere Gebete. Auf radikale Weise setzt diesen Gedanken der Film A QUIET PLACE (US 2018, R: John Krasinski) um, der am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt.

Dabei handelt es sich um ein Monster-Movie mit atemberaubend hoher Schock-frequenzEffektivität, das sich auch als zynisches Plädoyer gegen Lärmbelästigung lesen lässt: Ein Bengel spielt darin mit einem Spielzeugraumschiff herum. Es blinkt in allen Farben und dudelt eine nervtötende Melodie. Zwei, drei Takte verklingen, ehe ein Alien-Monster von links in Rugby-Spieler-Manier angerauscht kommt – und ganz schnell wieder Ruhe einkehren lässt.

Ruhe ist in den vergangenen Jahren in einigen Filmen der letzten Jahre eingekehrtin den Fokus gerückt. In DON’T BREATHE (US 2018, R: Fede Alvarez) steigen junge Diebe in das Haus eines Blinden ein und versuchen, ihn unbemerkt auszurauben. Doch er weiß sich zu helfen. PLEMYA (The Tribe, UA/NL 2014, R: Myroslav Slaboshpytskyi) schildert gaänzlich ohne gesprochenes Wort das von Gewalt und Kleinkriminalität geprägte Leben gehörloser Jugendlicher in einem ukrainischen Internat.

Gehörlos ist auch die Schriftstellerin, die im Home-Invasion-Film HUSH (Still, US 2016, R: Mike Flanagan) Opfer eines maskierten Killers wird. Und in ALL IS LOST (US 2013, R: J.C. Chandor) kämpft Robert Redford als einsamer Segler nach einem Zusammenstoß mit einem Container auf hoher See gegen den Untergang. Sein einziger Kommentar in 106 Minuten Film: „Fuck!“ Die Liste ließe sich weiterführen.

In A QUIET PLACE ist hingegen mal wieder Post-Apokalypse angesagt: Blinde Monster sind als Engel des Todes auf die Erde herabgestiegen und hauen alles kurz und klein, was nicht die Klappe hält. Warum? Weil sie böse sind.
Evelyn (Emily Blunt) und Lee (John Krasinski, gleichzeitig Regisseur des Films) haben das verstanden und Familie und Farm im ländlichen Upstate New York auf maximal 40 Dezibel getrimmt: Flüstern etwa oder barfuß über ausgestreute Sandwege laufen, ist gerade noch erlaubt. Sprechen, geschweige denn Rufen, tödlich. Der Motor des alten Pick-Ups darf nicht mehr aufheulen, er taugt nur noch als Abenteuerspielplatz für den Sohn Marcus. Was die Abbotts aus der Not heraus erschaffen, ist auch eine kommunenartige Utopie: autark, abgeschieden und mit Schweigepflicht versehen.

Ihr Glück im Unglück: Die älteste Tochter Regan ist gehörlos. Die fünfköpfige Familie wusste sich deswegen schon vor der Götterdämmerung, mit Gebärden zu verständigen.

Die ständige Angst der Abbotts davor, ein Geräusch irgendeiner Art zu verursachen und so in den sicheren Tod zu gehen, überträgt sich auf den Kinogänger. Der Film funktioniert ganz durch die Sinnlichkeit des Kinos. Jedes Rascheln, jedes geflüsterte Wort und jeder schallgedämpfte Schritt auf Sand ist zu hören. Und wenn die Stille einmal lauter durchbrochen wird, wenn etwa ein Glas zerbricht oder ein Schrei unvermeidlich ist, ist klar, auf was man sich gefasst machen muss. Der Jump-Scare, der Schock-Effekt, der erst auf nervenzerreißende Stille setzt und dann mit einem schnellen Schnitt oder einer schlagartigen Bewegung begleitet von einem überlauten Geräusch die Gefahr ins Bild „springen“ lässt, wird hier ohne Erbarmen für das Publikum ausgereizt. Und das funktioniert verdammt gut.
Genau darin liegt jedoch auch die Grenze von A QUIET PLACE. Letztendlich weiß man eben, auf was man sich gefasst machen muss. Der Film erschrieckt, aber er überrascht nicht.

Auf A QUIET PLACE wird dieses Jahr ein weiterer Horrorfilm ins Kino kommen, in der eine Famililme von blinden Kreaturen gejagt wird:. THE SILENCE (US 2018, R: John R. Leonetti) basiert anders als John Krasinkis Film jedoch auf Roman gleichen Namens. Zweimal die gleiche Prämisse in einem Jahr: Stille scheint in der Tat Konjunktur zu haben in der Filmbranche.

 

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