George im Wunderland

Die Musikdoku „Living in the Material World“ nähert sich dem Ex-„Beatle“ George Harrison auf erstaunlich persönliche Weise

Meisterregisseur und Rock-’n’- Roll-Chronist Martin Scorsese hat eine Dokumentation über das Leben des 1997 verstorbenen George Harrison gedreht. Sie ist eine würdige, unaufgeregt erzählende Hommage an den oft verkannten und nur vermeintlich "stillen Beatle" geworden.

Von Michael Forst

George Harrison mit seiner Gitarre in den Abbey-Road-Studios.Manchmal erfasst ein einziges Foto das Wesen eines Menschen besser als Stunden bewegter Bilder. Astrid Kirchherr, frühe Wegbegleiterin aus den Hamburger "Starclub"-Zeiten der "Beatles", hat so einen Moment in einer Schwarz-Weiß-Aufnahme eingefangen und enthüllt ihn vor Scorseses Kamera: Die blutjungen John Lennon und George Harrison stehen im Maler-Atelier ihres gerade tragisch gestorbenen Bassisten Stuart Sutcliffe. In Lennons verlorenem Blick steht tiefe Verzweiflung – in Harrisons warmen Augen die Sorge um den trauernden Freund neben ihm.

Es spricht für die Klugheit und Uneitelkeit des Filmemachers Martin Scorsese, dass er für diesen bestimmenden Moment einem anderen, wenn auch verwandtem Medium den Vortritt lässt. Und es ist Zeichen seiner Meisterschaft, dass auch der "Beatles"-Kenner nach den dreieinhalb Stunden seiner Dokumentation, die nur auf DVD und Blue-Ray (Arthouse) zu sehen ist, berührt und beeindruckt zurückbleibt.

Nur noch Krümel übrig

Denn eigentlich muss sich jeder Filmemacher, der sich heute noch der Geschichte der legendären "Fab Four" annimmt, wie ein als Letzter ans Kuchenbuffet Gekommener fühlen. Spätestens, seitdem 1995 die umfassende "Anthology" erschien, die die Geschichte der erfolgreichsten Band aller Zeiten über 11 Stunden lang ausbreitet, sind nur noch Krümel übrig.

Definierender Moment: Fotografin Astrid Kirchherr machte diese Aufnahme von den trauernden John Lennon (l.) und George Harrison Anfang der 60er Jahre in Hamburg.Doch zum einen vernachlässigt Scorsese bewusst die Karriere des "stillen Beatle" zugunsten seines Lebens – und zeigt dieses weniger im Spiegel hinlänglich bekannter Ereignisse, sondern seiner geistigen Entwicklung vom naiven Liverpooler Jungen hin zu einem Mann, dessen Spiritualität durch seinen hintergründigen Humor immer reizvoll austariert blieb.

Zum anderen hat ihm Harrisons Witwe Olivia gewissermaßen die Schlüssel zu den Privatgemächern ihres mit 58 Jahren an Lungenkrebs verstorbenen Mannes überlassen. Der Zuschauer hört Briefe Harrisons, gelesen von seinem Sohn Dhani, geschrieben an seine Mutter während des legendären Selbsterfahrungstrips der "Beatles" in Indien; mit einem Fischaugen-Objektiv gefilmte Selbstporträts sowie eine Aufnahme der ersten Sitar-Stunde mit Ravi Shankar: "Die erste Person, die mich beeindruckt hat – weil sie nicht versucht hat, mich zu beeindrucken", sagt Harrison über Shankar.

Die mühsame künstlerische Emanzipation von den lange übermächtig scheinenden Bandkollegen John Lennon und Paul McCartney ist ebenso beschrieben wie die musikalische Wertschätzung durch seinen Freund Eric Clapton: "George nahm den Rhythm-and-Blues, den Rockabilly, und schuf etwas Neues daraus."

Es gibt eine schwärmerischer Beschreibung seines ersten LSD-Trips ("Wir fühlten uns wie Alice im Wunderland"), beunruhigend nahe Aufnahmen eines Solokonzertes von 1974, die einen ausgebrannten Künstler zeigen und weitere Wertschätzung durch Mitglieder der befreundeten britischen Komikertruppe Monty Python.

Verstörende Schnitte

Ein sanft säuselnder Lobgesang ist die Doku trotz der spürbaren Sympathie Scorseses für seinen Protagonisten dennoch nicht geworden. Zu abrupt sind die Rhythmen des Films gestaltet, zu verstörend manche Gegenüberstellung von Bild und Ton gehalten: Deutsche Fliegerstaffeln bombardieren England zu den Klängen von Harrisons Solo-Meisterwerk "All Things Must Pass". Klänge prallen auf Stille, Öffentliches in harten Schnitten auf Privates – wie um dem Janusköpfigen in Harrisons Persönlichkeit zu entsprechen.

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