Wie Arid Uka am Flughafen zum Mörder wurde

Mit Kopfschüssen hat Arid Uka zwei US-Soldaten aus nächster Nähe getötet. Zwei andere verletzte er lebensgefährlich. Als er auf einen fünften Amerikaner zielte, versagte seine Pistole. Die Einzelheiten des Anschlags vom Frankfurter Flughafen.

Am Freitag soll das Urteil im Prozess um Arid Uka gefällt werden. (Archivbild) Arid Uka verlässt am 2. März 2011 um kurz vor 13.30 Uhr die Wohnung der Eltern in einem Hochhaus in Frankfurt-Sossenheim und fährt mit dem Bus zum Flughafen. Der 22-Jährige ist an diesem Mittwoch aber nicht einfach auf dem Weg zu seinem Aushilfsjob im Postzentrum. Bewaffnet mit einer Pistole und zwei Messern hält der im Kosovo geborene Frankfurter nach US-Soldaten Ausschau.

Die Pistole - über deren Herkunft der frühere Gymnasiast schweigt - hat er zusammen mit zehn Patronen und den Messern in einem Rucksack verstaut. Sein Dienstausweis sowie etwas zu Essen und zu Trinken findet sich auch darin. Das mit einem Dutzend Patronen bestückte Magazin der Waffe steckt in Ukas Bauchtasche. Während der Busfahrt zum Flughafen hört er auf seinem MP3-Player Lieder, die den Märtyrertod preisen und zum bewaffneten Kampf aufrufen - viele davon auf Arabisch.

Uka ist stark aufgewühlt, er hat das Gefühl, «irgendetwas tun zu müssen» gegen die Gräueltaten, die US-amerikanische Soldaten nach seiner Überzeugung der Zivilbevölkerung im Afghanistan antun. Beim Surfen im Internet ist er am Abend zuvor auf ein Video gestoßen, in dem US-Soldaten vermeintlich eine muslimische Frau vergewaltigen. Er hält den Ausschnitt - eine Szene aus einem amerikanischen Antikriegsfilm - für echt. Uka, der wenig soziale Kontakte hat, viel vorm Computer sitzt und seinen Eltern vormacht, das Abitur bestanden zu haben, reagiert geschockt und kann sich bis zum nächsten Morgen nicht beruhigen.

Im Ankunftsbereich von Terminal 2 des Flughafens setzt sich der junge Erwachsene zunächst hin, hält nach US-Soldaten Ausschau und wartet zugleich auf seinen Schichtbeginn bei der Post. Kurz vor 15.00 Uhr sieht er den ersten Soldaten - unbewaffnet und in Zivil. Andere folgen. Uka will sicher gehen, schnorrt - obwohl Nichtraucher - eine Zigarette und fragt nach dem Einsatzort der Soldaten. Er erfährt, dass sie aus London kommen und über Ramstein auf den Weg nach Afghanistan sind. Das ist ihm genug. «Er war sich sicher, dass er seinen Kriegsgegner direkt vor sich hatte», formuliert dies die Bundesanwaltschaft später.

Uka beobachtet, wie insgesamt 16 unbewaffnete Soldaten nach und nach vom Terminal zu einem Bus der Luftstreitkräfte vor der Halle E gehen und ihr Gepäck im Inneren des Busses verstauen. Dabei beschäftigt er sich mit seinem Handy. Die Amerikaner, die bis auf den Busfahrer alle in Zivil sind, haben den Eindruck, der Junge in dem Kapuzenpullover telefoniert oder schreibt SMS. Uka wartet bis die Soldaten in den blauen Militärbus eingestiegen sind - bis auf einen. Dann dreht er sich um, holt das Magazin aus seiner Bauchtasche und lädt die Pistole im geöffneten Rücksack.

Hinterrücks - aus ein bis zwei Metern Entfernung - schießt er gegen 15.17 Uhr dem Soldaten, der ihm die Zigarette gab, in den Kopf. Der 25 Jahre alte verheiratete Vater zweier Kleinkinder, Nicholas J. A., stirbt an dem Kopfsteckschuss. Uka ist nicht zu stoppen. Er steigt in den Bus ein und schießt - wie im Rausch - aus einem halben Meter Entfernung dem Fahrer auf seinem Sitz in den Kopf. Der 21-Jährige Zachary R. C. ist sofort tot.

Uka macht weiter, geht in den Bus hinein, vorbei an den ersten Reihen, die mit dem Gepäck belegt sind, und feuert auf Kopf und den Oberkörper eines 21-jährigen Soldaten - Edgar V. wird von den Kugeln getroffen und sehr schwer verletzt. Jetzt ist Kristoffer P. S. dran: Uka schießt wieder zweimal und verletzt ihn lebensgefährlich. Eine Kugel bleibt im Schädel des jungen Familienvaters stecken, der wohl nie wieder dienstfähig sein wird.

Trevor D. B., der eine Reihe hinter Kristoffer P. S. sitzt, ist der nächste. Wie oft Uka während seines Attentats «Allahu Akbar» (Gott ist groß) gerufen hat, lässt sich hinterher nicht mehr genau klären. Mit ausgestreckten Armen hält er Trevor die Waffe unmittelbar vors Gesicht und drückt zweimal ab. Nur weil sich eine Patrone verfängt, bleibt der 22-Jährige unverletzt. «Für all das hat er vermutlich weniger als eine Minute gebraucht», stellt Nebenkläger-Anwalt Marcus Traut später in seinem Plädoyer fest.

Als seine Pistole klemmt merkt der Attentäter, dass es vorbei ist. Er dreht sich um und flüchtet aus dem Bus. Sein letztes Opfer Trevor läuft hinterher, rutscht auf dem Blut seines Kameraden aus und ruft: «Er ist ein Terrorist, er hat meine Freunde erschossen.» Zwei Beamte der Bundespolizei nehmen Uka im Flughafengebäude fest, der sich zunächst noch versucht, mit einem Messer zu wehren.

An die Tat kann sich Uka später nach eigener Aussage nicht genau erinnern. Er wisse nur noch, wie sein erstes Mordopfer zu Boden fiel. Danach habe er einen Filmriss - bis zur Festnahme. Da sei er sehr erschöpft gewesen.

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