Auf dem Fahrrad um die Welt

Holger Venino erlebte auf seiner Reise durch Europa, Asien und Südamerika viele Abenteuer

Viele träumen von einem solchen Trip ihr ganzes Leben. Ein Wickerer ist losgefahren – und legte auf seinem Rad 21 800 Kilometer zurück.

Von Thorsten Remsperger

Wicker. Die gelben Linien zeigen die Reiseroute. Von Peking flog Venino nach Buenos Aires. Von und zu den Flughäfen kam er mit Fähren und Zügen.	Grafik: FNPDie gelben Linien zeigen die Reiseroute. Von Peking flog Venino nach Buenos Aires. Von und zu den Flughäfen kam er mit Fähren und Zügen.	Grafik: FNP Jeden Tag seiner Reise war Holger Venino seinen Emotionen ausgesetzt. Er hat gelacht, vor allem gelacht. Er hat geweint, meistens vor Freude. Er hat geschimpft, er hat in sich geruht, er hat gegrübelt, er hat motiviert. Nur einmal in den 405 Tagen hat der Mann richtig Angst gehabt. Einmal hat er sich gefragt: "Was mache ich hier eigentlich?"

Am 10. März 2010 war Holger Venino noch zu 100 Prozent von dem überzeugt, was er macht. "Ei, wo wolle’ sie dann hin?", fragte der Herr in Ginsheim. In aller Früh, bei minus 3 Grad Celsius, mit der Tüte Brötchen unterm Arm. "Ei, nach China", rief ihm Venino zu. In der dicken Winterjacke, mit Sturzhelm auf dem Kopf, von seinem vollgepackten Fahrrad aus. Die Reaktion des Mannes war eine Mischung aus Verblüfftheit und einem "Auf den Arm nehmen, kann ich mich selbst". Dabei sagte der Reisende nur die Wahrheit.

Holger Venino, am Start seiner Tour 37, heute 39 Jahre alt, ist mit dem Fahrrad nach China gefahren. Das hat fünf Monate gedauert. Dann radelte er drei Monate durch China. Mit dem Flugzeug ging es von Peking weiter bis nach Buenos Aires. Vom südlichen Chile fuhr er schließlich acht Monate über die Anden bis nach Lima in Peru. Warum? Das wird der hoch aufgeschossene, gertenschlanke Mann am häufigsten gefragt.

Der eingefleischte Wickerer – in der Waldstraße aufgewachsen, dann nach Düsseldorf gezogen, aber bis heute dem Wickerer Vereinsleben verbunden – kann die Frage nicht beantworten. Dabei würde das Verb "erleben" völlig ausreichen. Venino, eine sanfte Erscheinung, der mit seinem Arm Schwung holt, bevor er Menschen die Hand gibt, wollte mehr erleben als nur im Alltagstrott zu sein, den sein anstrengender Beruf als Medizin-Techniker diktierte. Eigentlich wollte er seinen Job kündigen und nur durch Südamerika reisen. Bei der "Probefahrt" im Sommer 2009 durch Alaska erzählten ihm jedoch zwei Fahrrad-Reisende von der Seidenstraße, die durch Osteuropa und die ehemaligen Sowjetrepubliken bis nach China führt. Venino plante um. Kündigen musste er aber nur die Wohnung. Seine Firma kam ihm mit der Entlassung wegen der Wirtschaftskrise zuvor. Ein Wink mit dem Zaunpfahl.

16 Monate ist Venino mit dem Rad durch Europa, Asien und Südamerika gefahren. Dazu hat er natürlich Fakten parat. Für die eigene Erinnerung, für Freunde und vor allem andere Weltreisende hat er auf seinem kleinen Notebook Tagebuch geführt und die Eintragungen auf die seine Internetseite "http://www.bikeproject2010.de" gestellt.

Hexenschuss und Tollwut

Die Reise in Kurzform: Venino war in 20 Ländern, hat allein 21 800 Kilometer auf dem Rad zurückgelegt. In Ausnahmefällen fuhr er auch mal mit Fähre, Zug oder Bus. Er strampelte über etliche Bergpässe in 3000 oder 4000 Metern Höhe, durch Wälder und Wüsten. An seinem Fahrrad ging das Tretlager viermal kaputt, die Kette fünfmal, jede Felgen einmal, die Reifen unzählige Male. Alleine auf einer Fahrt im Norden Argentiniens hatte er sechs Platten.

Venino musste sechs Wochen wegen eines Hexenschusses, kurz nach der Ankunft in Argentinien, Pause machen. Er ist zweimal gestürzt, dabei holte ihn einmal ein chinesischer Lkw vom Rad, so dass er im Krankenhaus an der Lippe genäht werden musste. Einmal war Venino höhenkrank (im Hochland von Bolivien und Peru), einmal biss ihn ein tollwütiger Hund, einmal musste er zwei Tage am Stück ohne Essen auskommen und einmal ist er überfallen worden. Der Halbwüchsige, mit einem Messer bewaffnet, erbeutete seine Kreditkarte und ein wenig Bargeld. Das war in Lima, am Ende der Reise.

Venino regt sich darüber nicht auf. Zu sehr ist der Wickerer von seinen Erlebnissen, die während seiner Abwesenheit so manches Gespräch in den Straußwirtschaften seines Heimatortes bestimmten, überwältigt. Wenn er differenzieren soll, sagt er: "Asien, das waren vor allem die tollen Begegnungen. Südamerika, das war vor allem die atemberaubende Landschaft."

Natürlich benötigte Venino für eine solche Reise ein gewisses Budget. Aber viel weniger Geld, als die Leute glauben. "Ich bin nicht als reicher Mann losgefahren und nicht als armer Mann zurückgekommen", sagt er. Der Grund ist die Gastfreundschaft in den bereisten Ländern. Ganz nebenbei hat er über das Internet Paten für seine Reise gewonnen, die insgesamt mehr als 2000 Euro für ein Kinderhilfsprojekt in Brasilien sammelten.

Die überwältigende Hilfsbereitschaft der Menschen nahm Venino in der Türkei das erste Mal wahr. Überhaupt ist die Reise für ihn, der nur die Zwischenstopps in Deutschland vorab geplant hatte, am Bosporus erst so richtig losgegangen. Dort lernte er die ersten der anderen weltreisenden Fahrradfahrer kennen. Davon gibt es mehr, als man denkt.

Fortan war der Wickerer nur noch selten alleine unterwegs. In der Türkei und den ehemaligen Sowjetrepubliken nahmen Venino und seine wechselnden Begleiter des öfteren Umwege, um nicht ständig zum Tee, zum Essen, zum Übernachten eingeladen zu werden. Wenn der Wickerer eine solche Einladung annahm, wollte und musste er in die Gespräche viel Zeit investieren. Gespräche, die oft nur aus Wortfetzen bestanden.

"Zum Unterhalten braucht man keine Sprache", sagt er. Man müsse nur irgendetwas sagen, zur Not auf Deutsch. Durch die Zeichen- und Körpersprache werde schnell klar, um was es geht. Venino merkte sich in den Landessprachen einzelne Wörter wie Brot, Butter, Honig, Zelt, Fahrrad. Für den Notfall. Oft genoss er es aber auch, gar nichts zu sagen und zeltete in der Abgeschiedenheit.

Von den Begegnungen mit Menschen, die fast immer viel ärmer waren als er, aber fast nie unzufrieden, wird sein Buch handeln, das Venino schreiben möchte. Beispielsweise von den wissensdurstigen Tibetanern in China, die ihm einen weißen Schal als Zeichen der Freundschaft umhängten. Beispielsweise von den lustigen Polizeibeamten in Georgien, die zwei Tage neben den Radfahrern Patrouille fuhren und einen riesigen Sack voll Lebensmitteln besorgten.

Großer Empfang in Peking

Beispielsweise von der kasachischen Schaffnerin, die ihn zunächst nicht im Zug bis nach Usbekistan mitfahren lassen wollte und später mit anderen Fahrgästen von Venino roten Tee eingeschenkt bekam, den die Leute noch nie zuvor getrunken hatten. Oder von seinem ehemaligen Chef, der seinen Wetteinsatz einlöste und ihn am ersten Ziel in Peking in einer Fünf-Sterne-Unterkunft empfing, mitsamt 150 klatschenden Hotelangestellten.

Oder von den vielen Kindern am Hindukusch, auf der afghanischen Seite der Grenze, die ihm in einiger Entfernung "Hello" zuriefen, ihm zuwinkten. Holger Venino hat so viele Erinnerungen von winkenden, freundlichen, lachenden Menschen. Nur einmal, da waren gar keine Menschen in der Nähe.

In jener heißen Juni-Nacht in Kasachstan, in der Karakorum-Wüste, östlich des Kaspischen Meeres, als er sich völlig alleine, auf 75 Kilogramm abgemagert, nicht aus dem gnadenlos überhitzen Zelt traute. Draußen sah er Schatten von Schlangen, hunderte Moskitos hätten sich über sein Blut gefreut. "Was mache ich hier eigentlich", fragte sich Venino. Doch Umkehren kam für ihn nicht in Frage. Es waren ja nur noch 2000 Kilometer bis Peking.

Mittlerweile ist Holger Venino angekommen. Er hat genug von der Weltreise, ist froh, seine Eltern und seinen Bruder wieder umarmen zu können, sich mit den Wickerern auf dem Weinfest unterhalten und ein paar Gläser Riesling getrunken zu haben. Er wird in den nächsten Wochen als Reiseführer jobben, nach Irland und Island fliegen. Danach möchte er unbedingt zurück in seinen alten Beruf.

Und die Quintessenz aus seiner Reise? Mehr Weisheit? Mehr Gelassenheit? Mehr Selbstbewusstsein? "Diese Klischees werden total überwertet", sagt Holger Venino und lächelt.

Jeden Tag ist er jetzt seinen Emotionen ausgesetzt. Er lacht, vor allem lacht er. Er weint, meistens vor Freude. Er schimpft, er ruht in sich, er grübelt, er motiviert. Holger Venino lebt. Ganz bewusst.

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