Klicken Sie aufs Bild, um über eine Karte zu Meldungen Ihrer Region zu gelangen.
Der Piraten-Hauptmann
Ernst-Joachim Preussler steht an der Spitze des Kreisverbandes einer aufstrebenden Partei
Lange hat er nichts von Parteipolitik gehalten. Jetzt führt er eine an. Auch sonst ist der Hattersheimer ein Mann der Gegensätze.
Von Hanspeter Otto
Hattersheim. ![]()
Ernst-Joachim Preussler vertritt eine radikale Position, wenn es ums Internet, das Lieblingsthema der Piratenpartei, geht: „Soll doch jeder alles sehen. Wenn jeder alle Daten und Informationen haben kann, kann auch niemand mehr etwas verbergen.“ Foto: Maik Reuß Eigentlich, sagt Ernst-Joachim Preussler, sei er ja recht konservativ. Aber revolutionäre Visionen dürfe man ja auch haben. Wobei seine Revolution nichts mit Marx, Engels und dem Kommunismus zu tun hat, sondern eher damit, wie die Gesellschaft im Zeitalter des Internets aussehen könnte und sollte. Eigentlich, sagt Preussler, habe er mit Politik ja wenig zu tun, mit Parteien und so, aber 2009 ist er unter die Piraten gegangen, und seit kurzem ist er Vorsitzender des Main-Taunus-Kreisverbandes.
Preussler stammt aus dem Hochtaunus, ist 42 Jahre alt, hat nach dem Abitur Informatik studiert und arbeitet heute als Systementwickler. Und er hat als Zweitstudium, für einen gemeinhin als "Nerd" bezeichneten Computerfreak höchst ungewöhnlich, Politik belegt. Mit 16, 17 sei sein politisches Interesse geweckt worden, Helmut Schmidt habe er als ersten richtigen Staatsmann wahrgenommen. Nach dem Abitur machte er Zivildienst in einer Einrichtung für Betreutes Wohnen für Behinderte. 20 Monate lang, "die längste Dienstzeit, die es je gab und noch mit Gewissensprüfung", sagt er und: "Das war ein politisches Bekenntnis."
Macht und Klüngel
Im Studium engagierte Preussler sich auch politisch, in der Fachschaft. Die parteipolitischen Hochschulgruppen vom RCDS bis zu den Jusos konnten ihm gestohlen bleiben. "Da muss man in die Partei, und da geht es dann nur noch um Macht und Klüngel", macht er aus seiner Abneigung gegen Parteien keinen Hehl. "Da muss man doch schon mit 14 rein, um Karriere zu machen." Ein Bekannter hat ihm erzählt, wie er als Jugendlicher von der Partei immer mehr vereinnahmt wurde. "Der wurde durch eine Art Kaderschmiede geschickt", gruselt sich Preussler noch heute. Der Bekannte habe aber als Lohn für das "Parteisoldatentum" ein Landtagsmandat versprochen bekommen. Die Parteien seien alle so, die Politik werde von wenigen Parteigrößen in Hinterzimmern ausgekungelt, der Bürger könne nur alle vier Jahre mal wählen.
Auch wenn Preussler damals mit den Grünen und manchen linken Ideen sympathisierte, spukte ihm damals schon die Idee einer Internetpartei durch den Kopf. "So was, wo man im Internet abstimmen kann, nachdem dort auch die Anträge öffentlich vorgestellt und diskutiert wurden", beschreibt er die Idee. Als 2006 die Piraten auftauchten, die genau diese Idee vertraten, hat er sie aber erst einmal mit Misstrauen beobachtet und ihnen manchen kritischen Kommentar auf die Internet-Seiten geschrieben.
Dass er 2009 Mitglied bei den Piraten wurde, hatte einen ganz konkreten Grund. Einen, den schon seit Jahrzehnten viele Menschen haben, wenn sie in einer Partei aktiv werden: "Ich sah meine Interessen gefährdet, meine Welt bedroht." Der Feind waren Politiker wie "Zensursula", Ursula von der Leyen, die mit "Stopp-Signalen" Kinderpornografie aus dem Internet verbannen wollte. Preussler hält das für ein ebenso ungeeignetes wie gefährliches Mittel: "Damit kriegt man die Seiten nicht aus dem Netz, aber es ist ein erster Schritt in Richtung staatlicher Zensur."
Die "Zensursula"
Auch wenn "Zensursulas" Ideen selbst in der eigenen Partei nicht unumstritten waren, für Preussler war das der Anlass, der Piratenpartei beizutreten, mit allen Konsequenzen. "Ich war bei Stammtischen dabei, habe Plakate geklebt, eben alles, was anfiel." Seine Lebensgefährtin akzeptiert das, sie sympathisiert selbst mit den Piraten, ist aber längst nicht so aktiv, wie Preussler, der inzwischen als Main-Taunus-Vorsitzender auch, wie er sagt, sein "Gesicht hinhalten muss."
Er sei Vorsitzender, weil er gebeten worden sei. "Ich bin nun mal etwas extrovertierter und rede gern." In der Partei mache jeder das, was er gut könne und machen wolle. "Da gibt es ganz Überzeugte, die sogar in orangefarbenen Klamotten rumrennen. Aber wir wehren uns nicht gegen Übertreibungen. Man muss mehr Toleranz üben, selbst gegenüber dem Bizarren, solange es nicht kriminell oder faschistisch ist", verkündet Preussler einen seiner Grundsätze.
Google Streetview
Eine feste Meinung zu jedem politischen Thema müsse man aber nicht haben. Das könne man ja im Netz ausdiskutieren, wenn man ausreichende Informationen habe. Er sieht keine Gefahren in der Datensammelwut vieler Behörden und Firmen. Das bei vielen umstrittene Google Streetview sieht er nur positiv: "Da kann man sich seine Reiserouten oder die künftige Nachbarschaft schon mal genau ansehen." Er fordert sogar radikal: "Soll doch jeder alles sehen. Wenn jeder alle Daten und Informationen haben kann, kann auch niemand mehr etwas verbergen." Andere Staaten wie Schweden seien da viel offener als Deutschland.
Gefahren im Internet sieht er eher bei allen Arten von Abzockern, die den Nutzern das Geld aus der Tasche ziehen. Beim Internetbanking beispielsweise und bei cleveren Anwälten, die illegalen Downloads nachjagen und wegen Verletzung des Urheberrechts klagen. "Dabei geht es gar nicht um die Interessen des Urhebers, sondern um Firmen, die die Rechte gekauft haben und die für sich behalten wollen. Es geht ums Geschäft."
Programme für jeden
Preussler ist Anhänger der "open sources", also von Programmen, die jedem offenstehen und von jedem, der es kann, weiterentwickelt werden können. Das Betriebssystem Linux ist so ein Fall. Preussler: "Wenn man ein System nicht kaufen kann, braucht man auch kein Geld dafür auszugeben. Und wenn man kein Geld ausgeben kann, wird es wertlos und überflüssig."
Auf Geld stützt sich aber Macht. Das Programm "open sources" lasse sich nicht nur auf Computer anwenden, meint Preussler, sondern eigentlich auf die gesamte Gesellschaft. Ein erster Schritt sei das "bedingungslose Grundeinkommen für jeden", das die Piraten fordern. "Man muss ja auch mal Visionen haben können, sagt Preussler zu diesem revolutionären System, obwohl er sonst durchaus konservativ und pragmatisch handelt – vom Auto bis zur Geldanlage und Altersvorsorge.
Sehr phantasievoll geht es dagegen bei Preusslers Hobbys zu. Er spielt für sein Leben gern Fantasy-Spiele, wurde bei einem Spiel sogar mal Vizeweltmeister. Aber auch wenn er für sein zweitliebstes Hobby, das Lesen, inzwischen E-Books nutzt ("das ist handlicher und ökologischer als Papier, da muss man keine Wälder für abholzen"), trifft er sich einmal pro Woche mit Freunden zum Spielen. Dann sitzen sie als Fantasie-Gestalten am realen Spielbrett, drehen die Würfel und schreiben Punkte mit einem Bleistift auf Zetteln auf. Elektronisch, findet Preussler, würde sich das falsch anfühlen.



Umfassend über den Lieblingsverein informieren lassen. Gratis. Und bequem per Mail.
Laufen - oder walken - Sie wieder mit für einen guten Zweck! An Christi Himmelfahrt, Donnerstag, 17. Mai 2012, fällt der Startschuss zum 14. HK-Kreisstadt-Lauf. Hier geht's zur Anmeldung!
Folge uns unter