Die hellen Wolken der Stadtplanung

Professor Albert Speer arrangiert sich beim Neujahrsempfang mit Fluglärm und sieht gute Perspektiven für Liederbach

Die Farben Blau und Gelb dominierten gestern beim Jahresauftakt – der Frankfurter Experte malte das eine oder andere rosarote Szenario dazu.

Liederbach. Fast eine Stunde war es mucksmäuschenstill in der Liederbachhalle. Nur gleich zu Beginn sorgte Albert Speer für Lacher im mit mehr als 300 Gästen voll besetzten Saal. "Ich gehören zu den glücklichen Menschen, die kein Handy haben", verriet der renommierte Frankfurter Städteplaner beim Neujahrsempfang der Gemeinde. Mit neuer Technik habe er "nichts am Hut", sagte Speer, um sogleich doch kurz den Laptop zu bedienen und seine Präsentation mit dem Titel "Die Entwicklung der Metropolregion – Herausforderung für Liederbach" zu starten.

Eine kleine Enttäuschung für die Bürger schob der Chef des Planungsbüros mit mehr als 100 Mitarbeitern voran: "Ich werde nicht im Detail vorschlagen, was in Liederbach zu verändern ist." Das sei Aufgabe der Studie, bei der "wir mitten im Nachdenken sind". Die Ergebnisse sollen im Frühsommer bei einer zweiten Bürgerversammlung vorgestellt werden. "Es ist wichtig, dass jemand kommt und die Betriebsblindheit, die jeder hat, aufbricht. Das versuchen wir auch in Liederbach zu machen."

Speer ist überzeugt, dass die Gemeinde mit ihren "hervorragenden Voraussetzungen" ihren Platz in der Region ausbauen werde, wenn sie sich "langfristig und nachhaltig, weltoffen und geschichtsbewusst" präsentiere. Der Professor ermunterte die Bürger, sich daran zu beteiligen: "Wir sind sehr daran interessiert, den Dialog mit Ihnen zu verstärken." Zuvor hatte Parlamentschefin Karin Schneider bedauert, dass die Beteiligung am ersten Bürgerforum hätte größer sein können. Sie geht nun davon aus, dass spätestens der Speer-Vortrag neuen Schub gibt.

Dass seinem Büro Speer & Partner der Ruf vorauseile, vor allem an "großen, weltbewegenden Projekten zu arbeiten", widerlege die aktuelle Arbeit in der kleinen Vortaunusgemeinde. Zwischen der Liederbach-Einleitung und den Perspektiven der Gemeinde am Schluss hatte Speer eine Weltreise der Städteplanung unternommen und landete weich in der Region. Speers erste Station war China, wo sein Büro seit zehn Jahren tätig ist. Das Reich das Mitte sei das beste Beispiel für die Entwicklung, die weltweit bis 2030 eine Milliarde Stadtbewohner voraussagt – davon fast ein Drittel in China. Aktuell leben rund 50 Prozent der Menschen in den Metropolen, in 20 Jahren dürften es bereits 80 Prozent sein, berichtete Speer. "In den Megacities fällt die Entscheidung zur Zukunftsfähigkeit der Menschheit. Sie sind Risiko und Chance zugleich", folgerte er.

Nach einem kurzen Abstecher in Amerika und Köln – wo das Büro einen Masterplan für die Innenstadt erstellt hat – "flog" Speer mit den gespannt lauschenden Gästen in die Rhein-Main-Region mit dem "Herz" Frankfurt. Der Städteplaner sprach sich deutlich für die polyzentrische Struktur mit kurzen Wegen ins Grüne aus. Er plädierte für den Erhalt der Landwirtschaft und den Wandel der Lebensstile. "Wir müssen anders mit der Umwelt umgehen" – für diesen Satz gab es spontanen Applaus. Nicht das Wachstum in der Fläche sei entscheidend, "sondern in der Qualität", schrieb er den Gästen ins Stammbuch. "Das ist auch in der Politik noch nicht so ganz angekommen." Zudem erschrecke ihn das Schneckentempo so mancher Genehmigungsprozesse.

Nach einer Studie seines Büros im Auftrag des Landes vor 20 Jahren sei die Region durch "fehlende Visionen, fehlendes regionales Bewusstsein und die Konzeptionslosigkeit der Gemeinden" gekennzeichnet. Der Veränderungsprozess habe er jetzt so langsam einsetzt, berichtete Speer. Die Kölner seien so stolz auf ihre Stadt, "dabei ist Frankfurt viel schöner", hat zumindest er vergleichend festgestellt. Nicht alle Gäste im Saal wollten unterschreiben, dass "man einen Frankfurter selten loben hört". Natürlich spannte Speer einen Bogen zu seiner vor zwei Jahren präsentierten Studie "Frankfurt für alle", die allerdings den Zusatz "Rhein-Main" tragen müsste. Ihm ist es wichtig, "die Emotionen der Bürger in die Planungen einzubeziehen, dann gelingt es, etwas Besonderes zu machen". Und zwar bei allen fünf Schlüsselthemen: von der Bildung und der Nachhaltigkeit über die grüne Region, etwa mit den Krifteler Erdbeeren, bis zur Mobilität ("Im Radverkehr stecken wir noch sehr in den Anfängen, und die Regionaltangente muss endlich gebaut werden") und der Kulturregion.

Speer ist als Bürger von Sachsenhausen mittendrin in diesem Prozess. "Die Flugzeuge landen direkt über meinem Haus. Da ich aber jede Woche mindestens einmal im Flugzeug sitze, muss ich es akzeptieren. Der Flughafen ist einer der größten Motoren der Region. Da müssen wir Kompromisse für alle finden", sagte er – und erhielt eine Tasche mit Liederbach-Literatur und einem Nele-Neuhaus-Roman für seine Reisen. wein

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