Die Literaturpäpste vom Rosenberg

Mädchen und Jungen der Marxheimer Gesamtschule bewerten Vorab-Exemplare der Verlage

Die Schüler schreiben Rezensionen zu Buchneuerscheinungen und geben damit nicht nur ihren Mitschülern, sondern auch Verlagen und Literaturinteressierten wertvolle Tipps.

Von Michelle Spillner

Marxheim. Diese Schüler gehören zum Team der Lehrerin Susanne Schmidt-Hüniken (4.v. rechts), die Vorab-Exemplare und Neuerscheinungen von Buchverlagen rezensieren. Foto: Spillner Ein Buch als Vorab-Exemplar in den Händen zu halten, das auf dem Markt noch gar nicht zu haben ist, das ist schon etwas Besonderes. Solche Werke wie auch Neuerscheinungen oder Neuauflagen alter Literatur werden von rund 25 Schülern der Gesamtschule am Rosenberg auf Herz und Nieren geprüft. Die Schule gehört zu den zehn Schulen in Deutschland, die von Verlagen Novitäten zum Probelesen erhalten und dazu Buchbesprechungen verfassen, die richtungsweisend sind. Das Urteil der Schüler wird von der Schule zu Lesetipps zusammengefasst und nicht nur in der Schule ausgegeben, sondern auch auf der schuleigenen Homepage (http://www.gsamrosenberg.de) und der Landesarbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken in Hessen veröffentlicht. Außerdem erhalten die Verlage eine Rückmeldung zu den Werken – das ist die Bedingung für die kostenlose Lieferung der Bücherkisten.

Verlässliches Urteil

"Die Lesetipps der Schüler sind für uns von besonderem Wert", erklärt Dr. Renate Grubert vom cbj-Verlag der Bertelsmanngruppe. Vor allem die Urteile über noch nicht veröffentlichte Bücher fließen beim Verlag in die Planung ein.

Aber auch für den "gemeinen" Leser haben die Buchbesprechungen der Schüler einen ganz anderen Wert, als Rezensionen des Fachmanns. Was der Experte als literarisch gelungen beurteilen mag, muss noch lange nicht den eigenen Geschmack treffen. Auf den Geschmack ihrer Schulkollegen können sich die Gleichaltrigen verlassen. Etwa wenn die zwölf Jahre alte Hannah Urban den Roman "Bis unter die Haut" von Julia Hoban und Anja Galic als "gut" bezeichnet oder die 13 Jahre alte Nora Bössow "Sternkinder" von Mirjam Pressler über eine Kindheit im Nationalsozialismus als durchaus schwere Kost beurteilt, "die aber ziemlich gut geschrieben ist". Den Urteilen der Schüler kann man trauen, auch wenn das Gesamturteil mal nicht so gut ausfällt.

"Das Buch ,Stachelbeerjahre’ kann ich nicht empfehlen. Es ist ziemlich verwirrend", so die zwölf Jahre alte Katharina Summ. Und die 16 Jahre alte Sofie Steinmüller hat festgestellt, dass der Phantasieroman "Schimmer" doch wohl eher etwas für jüngere Leser ist. "Es ist eine sehr süße Geschichte. Da geht es um den ersten Kuss und so – sehr niedlich." Während Fabio Ammon "Du musst die Wahrheit sagen" mit seinen 16 Jahren doch eher Lesern ab 30 empfiehlt. Da passiere so viel zwischen den Zeilen, das man sich denken müsse und nicht unbedingt verstehe, so der Schüler.

Tipps in aller Welt

Rund 100 Bücher von unterschiedlichen Verlagen kommen immer Anfang des Jahres in der Gesamtschule am Rosenberg zur Rezension an. Die Schüler können sich aussuchen, welches sie sich vorknöpfen wollen. "Das ist freiwillig", so die Lehrerin Susanne Schmitz-Hüniken, die aber keine Probleme hat, freiwillige Rezensenten zu finden. Die Lesetipps werden immer zu den Sommerferien zusammengefasst – dieses Jahr wird es eine zusätzliche Lesetipp-Ausgabe zu den Herbstferien geben. Das ist ein guter Zeitpunkt für derartige Hinweise, und tatsächlich orientieren sich viele Schüler für die Wahl ihrer Urlaubslektüre am Urteil ihrer Schulkameraden. In den Lesetipps geben die Rezensenten kleine Inhaltsangaben, nennen Titel, Autor, Verlag und Preis ihres Rezensionsexemplars und schließen ihre Ausführungen mit einer Beurteilung. So hat der 13 Jahre alte Tim aus der siebten Gymnasialklasse das Buch "Ruf der Tiefe" vom Beltz und Gelberg Verlag im Sommer-Lesetipp 2011 wärmstens empfohlen: "Das ist ein toller Abenteuerroman, der mich sehr gut unterhalten, aber auch zum Nachdenken gebracht hat."

Der Wert der Rezensionen aus Hofheim bekommt derweil noch eine ganz andere Dimension. Über die Landesarbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken in Hessen werden die Tipps in alle Welt, beispielsweise auch nach Taiwan, in den Libanon, in die Schweiz und nach Dänemark weitergegeben. Die Schüler der Gesamtschule am Rosenberg haben es also mit in der Hand, ob ein Buch zum Erfolg werden kann oder nicht. "Und wenn es ein sehr hartes Urteil zu einem Buch gibt, dann lasse ich es auch noch mal von jemand anderem lesen", erklärt Susanne Schmitz-Hüniken die Verfahrensweise. Auch Lehrer haben sich bereits an der Aktion beteiligt und vor allem Sachbücher unter die Lupe genommen.

So profitieren Leseratten von der Vorarbeit der Schüler-Rezensenten, die Testleser selbst durch die Erweiterung ihres Horizonts, die Verlage durch die direkte Qualitäts-Rückmeldung und die Schule durch das Wachsen ihrer schmucken Schulbibliothek. Sie darf die Rezensionsexemplare behalten.

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