Sven Heß im Aufwind?

Für den Bürgermeisterkandidaten der Grünen gibt es bei seinem zweiten Anlauf nur positive Voraussetzungen

Das beste Kommunalwahlergebnis mit 25,4 Prozent seit Bestehen der Galf, die Atom-Katastrophe in Japan sowie das Fluglärminferno seit Oktober könnten sich für den 52-Jährigen wahlentscheidend auswirken.

Von Niklaus Mehrfeld

Flörsheim. Bei der Vorstellung von Galf-Bürgermeisterkandidat Sven Heß ging es nicht nur um diese Personalie. Vielmehr war es der Galf ein Bedürfnis, auf die derzeitige Befindlichkeit der Flörsheimer einzugehen sowie auf ihre eigenen Empfindlichkeiten hinzuweisen. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Renate Mohr, zog erst einmal denjenigen Leuten den Zahn, die der Galf Absprachen mit der CDU oder SPD unterstellen. "Es gibt keine Gespräche mit CDU oder SPD. Solche Gedanken sind uns nicht gekommen", versicherte Renate Mohr. Dass Sven Heß nun als Konkurrent von Michael Antenbrink (SPD) sowie Markus Ochs (CDU) ins Rennen um den Chefposten im Rathaus geschickt wird, hat für die Galf-Frontfrau vor allem einen Grund: "Die Bevölkerung erwartet das von uns." Schließlich sei die Galf bei den zwei Bürgerentscheiden zur Umgehung erfolgreich gewesen. Die besondere Gemütslage der Flörsheimer – die seit einigen Jahren wegen der umstrittenen und schließlich abgelehnten Umgehungsstraße sowie seit Oktober wegen der Fluglärm-Belastungen stimmungsmäßig in einem Tief sind – will Renate Mohr genau erkannt haben. Ein Flörsheimer sollte deshalb kandidieren, ein Verwaltungsfachmann dazu. Diese beiden Eigenschaften vereint bekanntlich der 52 Jahre alte Diplom-Verwaltungsfachwirt Sven Heß. Renate Mohr machte klar, was sie als Flörsheimerin an den beiden Konkurrenten von Heß vor allem stört: "Sie haben dieses Heimatgefühl nicht." Deshalb habe die Galf eigentlich nicht lange überlegen müssen, wer am 3. Juni bei der Bürgermeisterdirektwahl antreten soll.

Der derart gelobte Sven Heß zählte seine Pluspunkte auf. Er sei ein echter Flörsheimer. Zudem habe er seine Verwaltungsausbildung einst in der Stadtverwaltung Flörsheim begonnen. Seit 20 Jahren engagiere er sich in der Politik. Außerdem sei er sich sicher, dass er viel bewegen könne. Deshalb wolle er Bürgermeister werden. Damit würde sich für ihn der Kreis schließen, der mit der Verwaltungslehre in Flörsheim begonnen habe. Dass ein Rathauschef das Sagen hat, trotz eines konkurrienden hauptamtlichen Stadtratskollegen, ist für Heß klar. Denn im Gegensatz zu den ehrenamtlichen Kommunalpolitikern halte ein Rathauschef die Schalthebel der Macht in seinen Händen. "Ein Bürgermeister hat immer einen Informationsvorsprung vor den Ehrenamtlichen, die nach Feierabend die Akten wälzen müssen", meint Sven Heß. Außerdem sei die Zeit nun reif für einen Galf-Kandidaten. In vielen anderen Städten gebe es ja schon hauptamtliche Grünen-Politiker. Im Main-Taunus-Kreis seien dafür als Beispiele Hattersheim und Eschborn genannt. In Frankfurt am Main ist schon eine ganze Armada an Grünen-Politikern in hauptamtlichen Positionen tätig. "Die Zeiten haben sich geändert", stellte Heß zufrieden fest. Überhaupt, er ruhe gelassen in seiner Mitte, werde bald Opa und sei für neue Aufgaben bereit. Nach den guten Wahlergebnissen für die Galf sei von den Kreis- sowie Landes-Grünen die Aufforderung an die Flörsheimer Freunde erfolgt, für die Bürgermeisterdirektwahl einen Bewerber zu stellen.

Ob ihr Fraktionskollege Sven Heß denn auch der Kandidat für den Posten eines hauptamtlichen Ersten Stadtrates sei, wenn die Wahl für dieses Amt anstehe, wurde Renate Mohr gefragt. Es gebe – neben Sven Heß – zwei oder drei geeignete Galf-Kandidaten, antwortete die Flörsheimerin. Doch auch für solch eine Konstellation – ein SPD-Bürgermeister plus einen hauptamtlichen Ersten Stadtrat von der Galf – werde sich die Galf nicht für etwaige Absprachen hergeben. Vielmehr wolle sich die Galf für die verschiedenen Sachthemen die jeweils notwendigen Mehrheiten sichern. Eine harmonische Übereinstimmung mit einem idealen Koalitionspartner sieht Renate Mohr derzeit nicht gegeben.

Es werde ein schwieriger Wahlkampf, erläuterte die Galf-Frau. "Wir wollen mit sachbezogenen Themen in den Wahlkampf gehen." Nach dem Ende der Fassenacht wolle die Galf mit den Aktionen beginnen, die viele Überraschungen bergen würden. Dass das Thema Fluglärm dem Galf-Kandidaten einen großen Aufwind geben könnte, soll anscheinend derzeit nicht groß thematisiert werden. "Mein Aufgabe ist es, beim Thema Fluglärm über die Parteigrenzen hinweg alle im Boot zu behalten", sagte Sven Heß. "Wir müssen das Feuer am Köcheln halten." Überhaupt: Als Bürgermeister favorisiere er einen kooperativen Führungsstil. Den Posten als Flörsheimer Rathauschef sehe er in einer Moderatorenrolle, "weil keiner die Mehrheit hat". Von sich und der Galf ist der Verwaltungsoberrat, der bei der Gemeinde Ginsheim-Gustavsburg arbeitet, überzeugt: "Wir haben starke Positionen, wir haben gute Inhalte." Ausdrücklich betonte Heß noch einmal, die Galf habe nicht vor, "Allianzen zu schmieden". Renate Mohr assistierte dem Galf-Kandidaten: "Wir haben nicht das Gefühl, einen Koalitionspartner in Aussicht zu haben, bei dem alles passt." Der Wahlkampf von Sven Heß soll nicht auf Konfrontationen mit den zwei Konkurrenten angelegt werden. "Es hat sich gezeigt, dass die Leute das nicht wollen." Ein kleines, aber schlagkräftiges Team, das ungewöhnliche Aktionen und Ideen umsetze, werde für den Wahlkampf verantwortlich sein. Außer dem Kandidaten Sven Heß sind das Renate Mohr, Peter Kluin sowie Oliver van Loon.

Nach Stuttgart 21, nach der Reaktor-Katastrophe in Japan und nach dem 21. Oktober, dem Eröffnungsdatum für die Nordwest-Landebahn, sehen sich viele Grüne bundes-, landes- und kreisweit im Aufwind. Wie lange der anhält, ist schwer einzuschätzen. Klar ist allerdings: Nach zwei gewonnenen Bürgerentscheiden, nach dem sehr guten Abschneiden bei der Kommunalwahl sowie nach dem Eintritt der Verlärmung von Flörsheim bei Ostwind und Ostwetterlage ist Sven Heß in einer aussichtsreichen Position. Selbst die Charakterisierung als kühler Technokrat, die ihm schon seit Beginn seiner politischen Laufbahn anhängt, kann diese für ihn positiven Attribute nicht verdecken. Denn der Kampf der Galf vor über 30 Jahren gegen die Startbahn West kann genau so wenig geleugnet werden wie der Kampf gegen die Nordwest-Landebahn. "Die Flörsheimer lassen sich nicht entmutigen", sagt dazu Sven Heß. Ob ihm die Flörsheimer zutrauen, die Zustände über den Dächern der Mainstadt zu ändern, ist eine heikle Frage. Ein Patentrezept hat niemand. So wird es für die Flörsheimer spannend sein zu sehen, mit welchen Forderungen Sven Heß in den Wahlkampf ziehen wird. Ein Reiz-Thema kann befriedet werden: Unter die Weilbacher Verdrießlichkeit zur Verkehrsplanung soll ein Schlussstrich gezogen werden. Die kleine Umgehung sei mittelfristig eine sehr gute Lösung, erklärte Sven Heß.

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