Tod auf der Rennpiste

Unfallfahrer beteuert, Ampel sei gelb gewesen – Nachbarn warnten schon lange vor der Gefahr

Einen Tag nach dem tödlichen Unfall eines Fünfjährigen auf der Königsteiner Straße stehen die Anwohner unter Schock. Die Ermittlungen der Polizei dauern an.

Unterliederbach. Am Unfallort legten Trauernde Grablichte, Blumen und Stofftiere nieder. Fotos: Hans Nietner Die ersten Trauernden kamen schon am Abend des Unfalls. Nahe der Ampel, an der am Donnerstagabend ein fünfjähriger Junge sein Leben verlor, legten sie Grablichte, einen Rosenstrauß, ein Kuscheltier nieder. Am Straßenrand liegen noch die letzten Glassplitter. Auf Fahrbahn und Bürgersteig zeugen die leuchtend roten Markierungen der Polizei vom Unfallhergang, der noch nicht endgültig aufgeklärt ist. Bremsspuren sind hingegen nicht zu erkennen.

Hergang unklar

Gegen 16.30 Uhr wollte eine Mutter mit zwei Kindern, sie sollen aus Griesheim kommen, den Überweg überqueren. Es sind nur ein paar Meter, bis die Königsteiner Straße zur B 8 wird und die erste Auffahrt zur A 66 abzweigt. Auf dem Bürgersteig wartete die Mutter mit ihrem fünfjährigen Sohn und dessen dreijährigem Geschwisterchen, bis die Ampel für Fußgänger auf Grün schaltete. Als der Junge die grüne Ampel sah, rannte er über die Straße und wurde von einem herannahenden Mercedes, gesteuert von einem 19-Jährigen, erfasst. Der Fahrer überholte zwei bereits an der Ampel wartende Fahrzeuge auf der zweiten Fahrspur, wollte sich wohl die Wartezeit sparen. Der Fünfjährige wurde durch die Wucht des Aufpralls rund 30 Meter weit geschleudert. Im Krankenhaus erlag er seinen Verletzungen. "Uns liegen einige Zeugenaussagen vor, nachdem die Ampel für den Autofahrer rot gewesen sein soll. Er selbst sagt aber, sie habe noch Gelb gezeigt", sagt Polizeisprecher André Sturmeit. Ungeklärt ist bislang auch noch, ob der Unfallfahrer zu schnell unterwegs war. "Es gibt da eine Aussage, er sei ,auffallend schnell‘ unterwegs gewesen. Aber da muss man immer vorsichtig sein." Dass Drogen oder Alkohol bei dem Unfall eine Rolle gespielt haben könnten, sei hingegen inzwischen so gut wie auszuschließen. Die Mutter des Kindes und das dreijährige Geschwisterchen wurden nach dem Unfall von einem Seelsorger der Polizei betreut. Berichte, nach denen sich der Unfallfahrer zunächst vom Unfallort entfernt haben soll, konnte die Polizei nicht bestätigen.

Noch am Abend wurde die Unfallstelle von den Beamten der Polizei vermessen und dokumentiert. Nun soll sich in den kommenden Wochen ein Gutachter ein umfassendes Bild machen, wie es zum Tod des Fünfjährigen kommen konnte. "Der wird den Unfall rekonstruieren, das dauert erfahrungsgemäß aber eine Weile", sagt Sturmeit. Bis endgültig geklärt ist, ob der Fahrer zu schnell unterwegs war – an der Unfallstelle ist Tempo 50 – wird es also noch dauern.

Gefahr war bekannt

Für die Anwohner und Nachbarn spielt das aber kaum eine Rolle. Sie wussten schon lange um die Gefahr, haben immer wieder gewarnt. "Das ist schon ein paar Jahre her, da habe ich schon gesagt, das an der Ampel ein Blitzer her muss", sagt Abdul Karadag (47), der ein Fachgeschäft für Fliesen an der Unfallstelle betreibt und vor dessen Hausfassade die Grablichte, Blumen und Stofftiere zum Gedenken an den kleinen Jungen liegen. Die Strecke sei als Rennpiste bekannt. "Hier sehen viele die Ampel und wollen schnell noch drüber. Und dann geben sie noch mal Gas." Als der Unfall passierte, war er nicht selbst in seinem Geschäft. "Meine Mitarbeiterin hat mich angerufen und war völlig fertig, die stand richtig unter Schock."

Auch andere Nachbarn meinen, es sei nur eine "Frage der Zeit gewesen, bis mal was passiert." Anita Sellin wohnt nur ein paar Häuser von der Unfallstelle entfernt. "Hier sieht man dauernd, das es irgendwo eng wird", sagt sie. Sie habe jedoch weniger damit gerechnet, dass es an der Ampel zu einem Unfall kommt, als vielmehr an der Bushaltestelle wenige Meter weiter vorne. "Da laufen viele einfach über die vierspurige Fahrbahn."

Wie Anita Sellin und Abdul Karadag geht es auch Wolfgang Stillger, der auf der anderen Straßenseite wohnt. "Ich bin immer noch geschockt", sagt Stillger, der sich seit langer Zeit für Tempo 30 auf der Königsteiner Straße einsetzt. "Wenn auch primär wegen der Lautstärke", wie er eingesteht. Aber, so Stillger, mit der Reduzierung der Geschwindigkeit gehe auch eine Verminderung der Unfallgefahr einher. "Es wäre zu einfach zu sagen, dass dieser Unfall nicht passiert wäre, wenn die Autos auf der Königsteiner Straße langsamer fahren würden. Aber vielleicht wäre es ein Anfang." Die Unfallstelle selbst habe er am Tag des Unfalls nur von der anderen Straßenseite aus gesehen. "Bei dem Aufgebot an Polizei war klar, dass etwas Schlimmes passiert sein musste." Eine Frau habe noch versucht, den Jungen wiederzubeleben, sei ihm erzählt worden.

Stillger will angesichts des Unfalls keine Forderungen stellen, sieht für eine Entschärfung der Verkehrssituation aber die Stadt Frankfurt und das Land Hessen in der Pflicht. Und auch Heinz Alexander, der Vorsitzende des Regionalrats Unterliederbach, wandte sich noch gestern mit einem offenen Brief an Verkehrsdezernent Stefan Majer (Grüne). "Wir alle hier in Unterliederbach sind entsetzt", so Alexander. Die Verkehrsdisziplin sinke stetig, das Überfahren von roten Ampel werde immer mehr zur allgemeinen Übung. Es sei nun Zeit, "endlich zu handeln." Im Zuge der "Verkehrssicherheitswochen" sei es auch wichtig, die Fahrzeugführer zur Beachtung der Verkehrsvorschriften anzuhalten. "Als Vorsitzender des Regionalrates Unterliederbach biete ich unsere Unterstützung zu gemeinsamen Aktionen in Unterliederbach an", so Heinz Alexander. Vom Verkehrsdezernat war am gestrigen Tag keine Stellungnahme zu dem Angebot zu erhalten. göc

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