Die Titelseite der Höchster Kreisblatt vom 26.05.2012 als PDF zum Downloaden.
Der Volksmund sagt: Von nix kommt nix
Der Volksmund sagt: Von nix kommt nix. Homöopathen jedoch sehen das ganz anders. Denn die arbeiten im wesentlichen mit dem Prinzip der Hochverdünnung: Je dünner die Beweise für die Wirksamkeit der Homöopathie, desto populärer wird sie.
Auch mein Nachbar schwört darauf. Als ich neulich eine fiebrige Erkältung hatte, steckte er mir sofort irgendwelche Zuckerkügelchen zu. Ich nahm sie dankend an, warf sie bei mir Zuhause in den Mülleimer und ging ins Bett. Am nächsten Morgen wachte ich auf und die Erkältung war wie weggeblasen.
Als ich ihm ein paar Tage später gestand, dass ich seine Globuli weggeworfen habe, sagte er nur: «Glaubst Du mir jetzt endlich? Obwohl der Mülleimer fast sechs Meter von Deinem Bett entfernt steht, konnten die Kügelchen das Fieber innerhalb von nur einer Nacht verschwinden lassen!»
Vor einigen Jahren führte die Universität Bern die wohl umfassendste und seriöseste Studie zum Thema Homöopathie durch und heraus kam: Nichts. In den Präparaten ist nicht nur nichts drin, sondern auch nichts dran. Ihre Wirkung ist um keinen Deut besser als ein Scheinmedikament. Das verwundert nicht.
Besonders, wenn man sich etwas genauer mit der angeblichen wissenschaftlichen Grundlage der Homöopathie beschäftigt. Die basiert auf dem sogenannten Simile- oder auch Ähnlichkeitsprinzip.
Vor etwa 200 Jahren behauptete der deutsche Arzt Samuel Hahnemann, dass man eine Krankheit durch ein Mittel heilen kann, das bei einem gesunden Menschen ähnliche Symptome hervorruft.
Wenn etwa ein Patient unter starken Kopfschmerzen leidet, muss man etwas finden, was bei einem Gesunden genau die selben Kopfschmerzen verursacht. Zum Beispiel einen wuchtigen Schlag mit einer Dachlatte gegen den Hinterkopf. Natürlich nur in homöopathischen Dosen.
Und die sind extrem wichtig. In dem Präparat Belladonna D30 wird die Ausgangssubstanz durch ein Lösungsmittel wie Alkohol oder Milchzucker 30mal hintereinander verdünnt. Und zwar – James Bond lässt grüßen – nicht durch Rühren, sondern durch Schütteln.
Ab der 24sten Verdünnungsstufe ist jedoch kein einziges Belladonna-Molekül mehr in der Lösung. Braucht es auch nicht, sagt der Homöopath. Denn die Information des Wirkstoffes werde durch das Schütteln mit Hilfe einer «geistartigen Kraft» auf das Lösungsmittel übertragen.
Und weil das Lösungsmittel ein Gedächtnis habe, speichert es die Information und erinnert sich auch nach mehreren Monaten noch daran. Die geistartigen Kräfte der diversen Verunreinigungen, die durch das ständige Schütteln entstehen, werden wundersamerweise nicht potenziert. Das Mittel weiß anscheinend ganz genau, welche Geister es verstärken soll und welche nicht.
Ist das nicht faszinierend? Es gibt Menschen, die sitzen in geschlossenen Psychiatrien für weit weniger. Oder was würden Sie von einem Möbelverkäufer halten, der im Ausstellungsraum auf eine leere Ecke zeigt und feierlich verkündet: «Sehen Sie sich nur dieses wunderbare hochverdünnte Designermodell D30 an. Ein Esstisch ohne Beine, dem die Platte fehlt.»
Warum aber können dann trotzdem manche Homöopathen eindeutig messbare Heilungserfolge vorweisen? Weil der Mensch weit komplizierter funktioniert, als man ahnt. Zunehmend weisen Neurologen, Mediziner und Psychologen nach, wie stark der reine Glaube an eine Besserung den Heilungsprozess von Krankheiten beeinflusst.
Pure Überzeugung kann Schmerzen lindern, Asthma bessern oder Allergien mindern. Mit Scheintherapien lassen sich nachweislich erstaunliche Erfolge erzielen.
Leider gibt es neben diesem positivem Placebo-Effekt auch das Gegenteil. Den sogenannten Nocebo-Effekt. Also eine negative Reaktion auf ein wirkungsloses Produkt. Mein Nachbar besuchte vor einiger Zeit ein Andrew Lloyd Webber Musical und litt danach wochenlang an Phantomschmerzen.

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