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Auch ohne Abi und Alkohol

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Ein Aspekt des Phänomens Martin Schulz ist dessen offener Umgang mit seiner Vergangenheit – konkret mit seiner überwundenen Alkoholkrankheit und seinem fehlenden Abitur. Beides berührt mich und erinnert mich an meine Jugend. So geht es offenbar vielen.

Mangelnde Leistungen zwangen mich nach der zehnten Klasse von der Schule abzugehen. Bereits auf der Mittelschule bekamen meine Mitschüler und ich die Verachtung der bürgerlichen Gesellschaft für einen Menschen ohne Abitur zu spüren. Unsere Lehrer schmierten uns ständig aufs Brot, dass wir Leute zweiter Klasse waren. Klassenlehrer Geiztsch drückte es ungeschminkt so aus: „Ihr leistet geistig nicht genug. Entweder ihr seid zu dumm oder zu faul oder beides. Als Mittelschüler werdet ihr immer bestenfalls die zweite Geige spielen. Ihr werdet immer einen Vorgesetzten haben“, – dass es eine Frau sein könnte, kam damals keinem Mann in den Sinn. „Stets wird ein Abiturient oder gar ein Akademiker euch sagen, was ihr zu tun habt.“

In unserem Lehrbetrieb waren wir Haupt- und Mittelschüler unter uns. Doch bei Klassentreffen der ehemaligen Grundschule spürten wir bald, dass wir von den Abiturienten nicht ernst genommen wurden. Eine Erfahrung, die sich allenthalben wiederholte. Im Tanzkurs, bei Behörden, bei Ferienseminaren, et cetera. Die Abiturienten und Akademiker waren dabei nie frech. Doch sie machten deutlich, dass uns die Bildung fehlte, um ein intelligentes Urteil abzugeben.

Mit welchem Recht wurden wir Volks- und Mittelschüler dermaßen verachtet? Vor dem Gesetz sind alle Bürger gleich, wir genießen gleiche Rechte und Pflichten. Das Abitur verleiht keine Klugheit. Lediglich ein gewisses Maß an Bildung. Diese kann sich jeder auch durch selbstständige Lektüre oder Fortbildungskurse aneignen. Es besteht kein Grund, jemanden ohne Abitur gering zu achten.

Die Herausforderungen des Lebens erfordern vielfach Tugenden, die man nicht im Gymnasium erlernen kann. Auch dies begriff ich während meiner Lehre. Mein Chef war ein überaus begabter Mann. Doch ihm fehlte der seelische Halt. Alkohol sollte ihm diese Stärke vorgaukeln. Das Trinken wurde ihm zur Sucht. Einige Mitarbeiter folgten den Trinkgewohnheiten ihres Bosses. Das Ergebnis war für alle verhängnisvoll. Unser Fahrer starb mit Mitte dreißig an einer Leberzirrhose. Der Chef wurde mehrmals wegen Trunkenheit am Steuer belangt, am Ende musste er in Haft. Der Betrieb wurde geschlossen, die Mitarbeiter entlassen. Der Alkohol war die Ursache einer Zuckererkrankung und des frühen Todes meines verehrten Chefs.

Während meiner späteren Berufsjahre erlebte ich immer wieder Alkoholiker. Menschen, die nicht fähig waren, dem Druck der Arbeit standzuhalten, wenn sie nicht einen bestimmten Alkoholspiegel erreicht hatten. Die einen tranken offen, andere versuchten ihre Sucht zu verheimlichen. Erst nach ihrem Tod erfuhr ich, dass die Frau meines Freundes ebenfalls alkoholkrank gewesen war. Nie hatte ich sie betrunken erlebt.

Martin Schulz verschweigt die Schwächen seiner Vergangenheit nicht. Dass er sie überwand und dennoch Erfolg hatte, spricht die Gefühle der Menschen an. Wir Älteren haben während unseres Lebens erfahren müssen, dass wir mit unseren Vorstellungen und Wünschen vielfach gescheitert sind. Verschweigen hilft nichts. Doch wenn wir offen damit umgehen, fühlen wir uns frei und erfahren Hilfe von zahlreichen Seiten. Martin Schulz zeigt den Menschen, dass sich das Leben auch ohne Abi und Alkohol bewältigen lässt. Mit Energie und dem Glauben an die eigenen Fähigkeiten.

 

Der Journalist und Historiker Rafael Seligmann veröffentlicht jeden Montag seine Kolumne, in der er über seine Erfahrungen im Alter schreibt.
Frühere Kolumnen sind als Buch erschienen:
„Jugendfrei. Aus Erfahrung klug“,
Societäts-Verlag, 144 Seiten, 12,80 Euro.

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