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Kolumne "Jugendfrei" von Rafael Seligmann: Bürgerliche Verantwortung

Wie können wir helfen, den Frieden wieder sicherer zu machen? Ein Teil der Proteste gegen Donald Trump hat mit der Angst zu tun, der neue Präsident stelle aufgrund seiner Unberechenbarkeit eine erhöhte Gefahr für den Weltfrieden dar. Das sind Spekulationen. Man weiß lediglich, dass Donald Trump zu spontanen Reaktionen neigt, das heißt nicht, dass der neue Chef des Weißen Hauses eine höhere Neigung zur Kriegführung besitzt als andere Politiker.

Donald Trump teilt vielmehr das Glück der nach 1945 Geborenen in den westlichen Demokratien Europas und Nordamerikas, keinen Krieg aus eigener Erfahrung zu kennen. Ihm sind ebenso wenig wie den Menschen seiner Generation und den Jüngeren die durch Kriege verursachten Ängste, die Todesopfer, die materiellen Schäden und die Trauer um Angehörige persönlich bekannt. Dieses „glückliche“ Nicht-Erleben lässt manche Politiker unserer Zeit bereitwilliger Risiken eingehen, die zu politischen Krisen und dadurch zu Kriegen führen könnten.

Es ist bemerkenswert, dass unter den heutigen Staatsoberhäuptern in Europa und Amerika lediglich die greise Elisabeth II. von Großbritannien persönliche Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg besitzt. Die übrigen Politiker kennen Kriege lediglich aus Filmen und Dokumentationen. Von dem Wissen über die Fakten bis zur persönlichen Erfahrung der Panik und der Trauer aber ist es ein wesentlicher Unterschied. Das ist der Preis des langen Friedens – den wir gerne zahlen. Nun gilt es aber, Maßnahmen zu ersinnen und durchzusetzen, die den Frieden weiter stabilisieren. Die üblichen wirtschaftlichen Sanktionen, die in diesen Fällen angewendet werden, wie einst gegen das weiße Apartheitsregime in Südafrika, die islamistische Diktatur in Iran oder das von Präsident Putin regierte Russland, zeigen durchaus Wirkung, doch akute Krisen kann man damit nicht verhindern.

Entscheidend helfen bei der Verhinderung neuer bewaffneter Konflikte aber kann eine friedenserhaltende politische Kultur. Diese muss in den Schulen einsetzen. Die jungen Menschen müssen vielfältig darüber belehrt werden, dass Kriege mehr sind als ein heroisches Spiel. Waffengänge bedeuten vor allem Vernichtung und Leid. Es wäre jedoch naiv und ungenügend, die Kultur des Friedens auf junge Menschen zu begrenzen. Denn die Entscheidung über Krieg und Frieden treffen Politiker. Sie müssen genau über die Risiken eines Krieges, zumal einer nuklearen Konfrontation, belehrt werden. Von internationalen Gremien wie der Uno, aber auch Verteidigungsbündnissen wie der Nato, selbst von ihren eigenen Nachrichtendiensten. So waren während der Kuba-Krise von 1962 sowohl US-Präsident Kennedy wie Sowjetchef Chruschtschow über die verheerenden Nachwirkungen eines Atomkrieges genau unterrichtet. Kennedy erklärte öffentlich, selbst ein militärischer „Sieg wäre Asche auf unseren Lippen“. Und Chruschtschow berichtet in seinen Memoiren, er habe angezogen, ja in Hosen geschlafen, um jederzeit bereit zu sein, mit Autorität aufzutreten, um einen Atomkrieg zu verhindern. Beide hatten den Zweiten Weltkrieg an der Front erlebt. Kennedy als Marineoffizier, Chruschtschow als Politkommissar. Dieses zweifelhafte Privileg können die entscheidungsbefugten Politiker heute nicht vorweisen. Dennoch hängt von ihrem Tun das Schicksal ihrer Staaten, ja der ganzen Erde ab. Als wirkungsmächtiger Ersatz muss die Verantwortung der mündigen Bürger treten. Wir Staatsbürger sind der Souverän.

Die Verantwortung der Bürger darf keine politische Leerformel sein. Und war es bereits im vergangenen Jahrhundert nicht. Von alten Bildern und Filmen sowie aus Berichten wissen wir, dass die Menschen in den Staaten Europas im Sommer 1914 den Kriegsbeginn bejubelten. Bis auf die Älteren hatten sie keine persönlichen Erinnerungen an einen Krieg – der letzte Waffengang im Herzen unseres Erdteils war 1871 beendet worden. Dank einer markigen Staatspropaganda und martialischen Denkmälern wurde der Krieg als „wilde, verwegene Jagd“ dargestellt. Weihnachten sollte der heroische Akt beendet sein. Tatsächlich dauerte das Völkergemetzel vier Jahre. Es deformierte die Seelen Millionen Überlebender. Doch die Erinnerung an die Angst hatte sich festgesetzt. Als 1939 der Krieg einsetzte, brach in Gegensatz zu 1914 nirgends in Europa Jubel aus. Die Menschen waren allenthalben bedrückt. Sie wussten, dass sie ein langer Opfergang erwartete. Deshalb hielt es selbst der Nazidiktator Hitler als Verursacher des Waffenganges für angebracht, den deutschen Angriff als Verteidigungsakt umzulügen: „Ab jetzt wird zurückgeschossen!“ Obgleich die Bevölkerung ahnte, dass Hitler sie manipulierte, folgte sie seinen Befehlen. Nach dem Sieg über Frankreich 1940 gar mit Begeisterung, später bis zuletzt widerstandslos. Das darf nicht mehr passieren. Heute müssen wir alle unseren Politikern zeigen, dass Frieden für uns das höchste Gut ist und dass wir uns unter keinen Vorwänden in einen Angriffskrieg treiben lassen.

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