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Kolumne von Rafael Seligmann: Das Smartphone einmal weglegen

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Den Inhalt dieser Kolumne habe ich über mehrere hundert Kilometer hinweg telefonisch mit der Redaktion dieser Zeitung abgestimmt und sie dann per Internet an die Zeitungsmacher gesandt. Wir leben im Zeitalter der zunehmend enger werdenden Kommunikation. Das Smartphone begleitet uns andauernd. Damit sind wir ständig erreichbar.

Jeder kann uns anrufen und uns per E-Mail, WhatsApp, Facebook, Skype, Twitter etc. in Bild, Film, Nachricht erreichen. Niemand zwingt uns, die Botschaften anzunehmen – niemand außer der eigenen Neugierde. Ich bekenne mich zu meiner Neugier. Sie ist menschlich. Ja, wir wurden erst zu Menschen, weil wir außergewöhnliches Interesse für das Geschehen um uns herum zeigten. Und zeigen! Das ist die Geschäftsgrundlage der Kommunikationsindustrie. Heute ist alles Kommunikation. Also fortwährende Verbindung und Austausch. Aber ist es wirklich so, wie uns Wirtschaft, Wissenschaft, Medien, Werbung und Psychologen demonstrieren? Ich habe da meine Zweifel. Das beginnt morgens bei der Fahrt ins Büro.

In der S-Bahn zeigen die meisten Fahrgäste kaum mehr Interesse für ihre unmittelbare Umgebung. Stattdessen starren sie gebannt auf das Display ihres Smartphones. Manche lesen Nachrichten, die meisten aber hören Musik oder betrachten Bilder und Videos.

Sind das Beobachtungen eines älteren Mannes, der aus der modernen Zeit gefallen ist? Dieser Tage sah ich den Film „Menschen, die ich nicht bin“ der israelischen Regisseurin Hadas Ben Aroya, die auch die Hauptrolle spielt. Das bemerkenswerte an dem Streifen ist das Alter der Filmmacherin: Sie ist gerade 26. Der Film kreist um das Leben einer niedlich aussehenden Teilzeitkraft einer Werbeagentur. Als junge, selbstbewusste Frau trägt Joy – was englisch Spaß bedeutet – ständig ihre Kommunikationsinstrumente mit sich herum: Handy und Laptop. So ist sie permanent „online“, also mit ihren Mitmenschen verbunden.

Aber diese virtuelle Verbindung genügt der Suchenden keineswegs. Joy sehnt sich nach tatsächlicher, menschlicher Liebe, nach Zärtlichkeit, zumindest nach Beachtung. Für dieses Bedürfnis haben die Kommunikationsprofis längst Abhilfe ersonnen: Partnerschaftsplattformen. Joy nutzt sie.

Auf diese Weise lernt sie den Studenten Nir kennen. Der redet schlau über die Philosophin Hannah Arendt und anderes daher. Nir schwätzt gerne. Joy dagegen sucht körperliche Liebe. Dies ist für den Möchtegernphilosophen nur zweitrangig. Um seiner Ruhe willen gibt der Studiosus schließlich dem Drängen der Frau auf seine Weise nach. Doch er macht sie nicht glücklich, dagegen findet er selbst seine Erfüllung im fortwährenden Geschwätz. Die akademische Schaumschlägerei genügt Joy nicht. So setzt sie ihre Suche beim Handwerker Oren fort. Doch der Klempner passt Joys stürmischen Anforderungen ebenfalls nicht. Ebenso ergeht es ihr in einer Discothek. Die Tänzer dröhnen sich mit Musik und Alkohol zu. Die Suche nach menschlicher Nähe oder gar Verständnis bleibt hier vergeblich.

Deprimiert kehrt Joy nach Hause zurück. Sie setzt ihre Kommunikationsinstrumente ein, um einen Weg aus ihrer Verlassenheit zu finden. Doch die jungen Herren, an die sie ihre Hilferufe sendet, sind unfähig und unwillens, ihr in der Not beizustehen. Ein Galan lässt sich schließlich erweichen. Er erscheint bei Joy, doch als er merkt, dass sie mehr braucht als Gerede, verlässt er sie sogleich wieder.

Am Ende lässt die Frau ihr Handy zu Hause und besucht einen alten Freund. Endlich hat sie begriffen, dass das Dasein mehr verlangt, als zu telefonieren und zu mailen.

Leben heißt Tun. Das Smartphone taugt nicht als Ersatz.

 

Der Journalist und Historiker Rafael Seligmann veröffentlicht jeden Montag seine Kolumne, in der er über seine Erfahrungen im Alter schreibt.
Frühere Kolumnen sind als Buch erschienen:
„Jugendfrei. Aus Erfahrung klug“,
Societäts-Verlag, 144 Seiten, 12,80 Euro.

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