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Kolumne "jugendfrei": Des Lebens ganze Fülle

Von Es hat auch sein Gutes, nicht berühmt und erfolgreich zu sein. Dieser Tage las ich die nach seinem Ableben veröffentlichten "unvollendeten Erinnerungen" des famosen Regisseurs Helmut Dietl: "A bissel was geht immer".

Dietl war objektiv vom Schicksal verwöhnt. Er war hochintelligent, sah gut aus und, für jede Karriere ganz wichtig: Der Film-Mann verstand es, sich optimal in Szene zu setzen.

Dietls Fernsehserien bewiesen eine ungewöhnliche Beobachtungsgabe gepaart mit Feingefühl, ironischem Humor und eine Zuneigung für die Menschen, vor allem jene seiner Heimatstadt München. Kein Wunder, dass Dietls Filme erfolgreich wurden. Bald weit über die weiß-blaue Metropole hinaus.

Den deutschlandweiten Durchbruch schaffte Dietl mit seiner Serie „Kir Royal“. In dieser Filmfolge nahm der Regisseur die Eitelkeiten der Münchener Schicki-Miki-Gesellschaft durch die Augen des Klatsch-Reporters Baby Schimmerlos augenzwinkernd auf den Arm. Zu dem Erfolg trugen nicht zuletzt die Dialoge des genialischen Schriftstellers und Drehbuchautors Patrick Süskind (Er schrieb den Weltbestseller: „Das Parfum“), die hervorragenden Schauspieler an ihrer Spitze Franz Xaver Kroetz, Senta Berger, Mario Adorf bei und nicht zuletzt die Musik von Konstantin Wecker. Alles stimmte. Vor allem Dietls Idee, Kroetz als Society-Schreiber durch Münchens geltungssüchtige Society wanken zu lassen. Deutschlands Fernsehzuschauer konnten sich über die aufgedrehten Münchner amüsieren, die sich in einer neureichen Residenzstadt weltmännisch aufführten.

Danach drehte Dietl mit „Schtonk“ eine Satire über die gefälschten „Hitler-Tagebücher“. Der Film wurde ein grandioser Erfolg. Der Stoff über Geldgier kombiniert mit Nazi-Grusel-Schlüsselloch-Perspektive reizte zum Lachen. Ein Film über ein Münchner Prominenten-Lokal und dessen überdrehte Gäste wurde vom Publikum ebenfalls gutgeheißen. Kein Wunder! Dietl kannte die Handelnden wie kein Zweiter – er war Teil von ihnen. Von seinen Triumphen verwöhnt, wagte sich der Filmmeister aus München mit „Zettl – unschlagbar charakterlos“ an den Berliner Auftrieb. Der Film scheiterte grandios. Er musste scheitern, denn Dietl veralberte die alt-neue Hauptstadt, die er kaum kannte.

Der Misserfolg tat Dietl ungewöhnlich weh. Er verfiel in Depressionen. Verständlich. Denn wer als Himmelsstürmer jahrzehntelang auf den Wolken des Ruhms und des Gelingens schwebte, hat vergessen wie bitter eine Niederlage auf dem Boden der Tatsachen schmeckt.

Wir Normalsterblichen dagegen kennen das Scheitern. Auch wenn wir noch so oft Fehlschläge erlitten, wollen wir uns nicht an ihr Aroma gewöhnen. Das Misslingen riecht schlecht – es stinkt. Dennoch haben Niederlagen langfristig gesehen auch ihr Gutes. Wir sind gezwungen, aus unseren Fehlern zu lernen. Schuld waren nicht immer die anderen oder Pech. Wir selbst haben die Sache ungenügend angepackt und vermasselt. Wenn wir das nächste Mal gewinnen wollen, müssen wir möglichst alle Fehler vermeiden.

Die Erfolgsverwöhnten dagegen haben vergessen, dass auch sie scheitern können. Sie gehen von Siegen aus, verlernen die Vorsicht, aber auch die Genugtuung des Gewinnens – das ihnen Normalzustand geworden ist. Wir Durchschnittsmenschen aber wissen nur allzu schlecht, wie sich die Niederlagen anfühlen. Daher genießen wir es umso mehr, wenn wir nach vielen Anstrengungen gewinnen – wie beispielsweise zuletzt die Tennisspielerin Angelique Kerber. Wenn wir wieder einmal verlieren, verfallen wir kaum in Depressionen, denn wir haben gelernt, wieder aufzustehen und wissen, dass wir mit ein wenig Glück das nächste Mal gewinnen können. Wir verstehen es des Lebens ganze Fülle zu genießen.

Der Journalist und Historiker Rafael Seligmann schreibt in seiner Kolumne über seine Erfahrungen im Alter.
Frühere Kolumnen sind als Buch erschienen: „Jugendfrei. Aus Erfahrung klug“,
Societäts-Verlag, 144 Seiten, 12,80 Euro.

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