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Die Ängste verstehen

God’s own country“, „Gottes Land“, pflegen die Amerikaner ihre Heimat zu nennen. Und auf vergleichbare Weise haben viele Deutsche die Vereinigten Staaten kennengelernt. Als Macht der Freiheit, deren GIs Hitlers Wehrmacht niederrangen und Deutschland die Demokratie bescherten. Zudem profitierten meine Eltern und ich als Kind von den Fresspaketen, die mein Onkel Maurice uns nach dem Krieg in unregelmäßigen Abständen sandte. Gelegentlich fand sich zwischen den Dosen ein grünweißer 20-Dollar-Schein.

In der Schule lernten wir, dass die USA und ihre Truppen in Europa unsere Unabhängigkeit bewahrten. Doch als ich mich für amerikanische Geschichte zu interessieren begann, erfuhr ich, dass die Vereinigten Staaten nicht heiliger waren als andere Staaten. Wie die jedes Landes besitzt auch die Geschichte der USA dunkle Kapitel. Die amerikanischen Pioniere haben unzählige Indianer vertrieben, verhungern lassen oder umgebracht. Da war kein Platz für Indianer- und Cowboyromantik. Derweil erblühten die Südstaaten nicht zuletzt dank der afrikanischen Sklaven. Ich kannte den Roman „Onkel Toms Hütte.“ Nun erfuhr ich, dass es sich dabei um millionenfach erlittene Wirklichkeit handelte. Doch Millionen Soldaten aus den Nordstaaten hatten unter der Führung von Präsident Abraham Lincoln im Bürgerkrieg (1861–1865) ihr Leben für die Befreiung der Sklaven eingesetzt.

Seither standen die Amerikaner zumeist aufseiten der Freiheit. Als Schüler verfolgte ich 1963 den Deutschlandbesuch Präsident Kennedys am Fernsehschirm. Noch heute sehe ich den jugendlichen US-Politiker in der geteilten Hauptstadt vor dem Schöneberger Rathaus seinen unvergesslichen Satz sagen: „Ich bin ein Berliner.“ Zwei Dutzend Jahre später, 1987, sprach erneut ein amerikanischer Präsident in Berlin. Ronald Reagan appellierte damals an den sowjetischen KP-Chef: „Mister Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!“

Wenn den Deutschen – und Amerikanern! – damals jemand gesagt hätte, dass ein Bewerber um das Amt des US-Präsidenten, noch dazu aus der „Großen Alten“ Republikanischen Partei Abraham Lincolns, versprechen würde, als Amtsträger eine Mauer zum Nachbarland Mexiko zu errichten, wäre er mit Fug und Recht als Irrer abgestempelt worden. Dieser Wahnsinn ist eingetreten. Donald Trump geht mit seiner verrückten Idee um Wählerstimmen hausieren. Und Millionen jubeln ihm zu. Sind diese US-Bürger verrückt geworden? Keineswegs. Diese Menschen haben Angst. Ebenso wie die Mehrheit der britischen Wähler im vergangenen Sommer, als sie für den Brexit, den Austritt ihres Landes aus der EU, stimmten. Diese Leute fürchten sich vor den zugereisten Fremden. Sie ängstigen sich davor, dass die Zuwanderer ihnen ihre Arbeitsstellen wegnehmen und dass die Herkommenden ihre Städte unsicher machen und Terror nach Europa und Amerika bringen werden.

Gesellschaftliche Ängste sind nicht neu. Sie sind den deutschen Auswanderern ebenfalls begegnet. Sie waren keine Terroristen. Doch es gab genügend Nazis unter ihnen. Es nützt nichts, Fremdenangst als irrational abzutun. In Amerika genauso wenig wie in Deutschland. Doch die stetig anschwellende soziale Unruhe in unseren demokratischen Ländern zeigt eine entscheidende Aufgabe der verantwortungsbewussten demokratischen Politiker auf, einerlei, ob im „Gottesland“ Amerika oder in Deutschland, England, Frankreich: Für den Fortbestand der Freiheit ist es entscheidend, dass die Bürger das Gefühl haben, dass die Politiker, aber auch Beamte und Journalisten ihre Belange und Ängste ernst nehmen. Sie müssen versuchen, unser Leben sicher zu machen. Dies ist die Voraussetzung für das Gelingen der Demokratie. Ansonsten werden die Trumps und Le Pens mit ihrer Angstmache zunehmenden Erfolg haben.

(sel)
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