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Jugendfrei: Die Jüngeren sollen sich politisch engagieren

Der Sieger der morgigen Wahlen zum Bundestag steht bereits fest: wir älteren Bürger. Nicht aufgrund vorgeblicher Privilegien, sondern weil wir erfahren haben, wie hoch der Preis der Freiheit ist. Nebenbei haben wir den heutigen Wohlstand geschaffen – von dem die nachfolgende Generation profitiert.

Der Spruch „Die Freiheit hat ihren Preis“ ist mit den Jahren bei allzu vielen Jüngeren zum Lippenbekenntnis geschrumpft. Während wir Älteren, so lange wir können, zur Wahl gehen oder unser Wahlrecht zumindest per Briefwahl wahrnehmen, sinkt die Wahlbeteiligung der folgenden Altersgruppen kontinuierlich. Je jünger die Bürger sind, desto weniger machen sie sich die Mühe, an der Abstimmung teilzunehmen.

In zahllosen Initiativen und Veranstaltungen wird um die Jungwähler gebuhlt. Die Parteien stellen zunehmend jüngere Kandidaten auf, damit sich die Erstwähler von ihnen angesprochen fühlen. Sie werben in den sozialen Medien um Stimmen. Rundfunk und Fernsehen etablieren spezielle Sendungen, mit deren Hilfe die jüngeren Frauen und Männer informiert und gelockt werden, sich an den Wahlen zu beteiligen. Stichwort: „Bestimmt, wer Eure Interessen im Bundestag vertritt.“ Die Antwort lautet bei einer zunehmenden Zahl der Jungen wie gehabt: „Null Bock auf Politik.“ Dagegen hilft auch nicht die Forderung, das Wahlrecht auf 16 Jahre herunter zu setzen. Im Prinzip eine gute Idee. Wie gerne hätten wir mit 16 gewählt und versucht, die Politiker zu beeinflussen, unsere Forderungen, beispielsweise nach kleineren Klassen und einer individuelleren Berufsausbildung, durchzusetzen.

Das war in den 60er Jahren ein Traum. Seit Jahren ist es Wirklichkeit. In Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und vier weiteren Bundesländern können sich schon die 16-Jährigen an den Kommunalwahlen beteiligen. In Bremen und Brandenburg dürfen sie sogar den Landtag mitwählen. Dürften. Denn mehr als die Hälfte übt ihr Wahlrecht nicht aus. Sie bleiben lieber Zuhause. Sollen sich doch die Alten die Mühe machen.

Stimmt! Wir Älteren unterziehen uns gerne der Mühe. Denn wir wissen, hier geht’s um unsere Zukunft und die unserer Nachkommen. Das beschränkt sich keineswegs auf das Wählen. Politik wird zunächst in den Parteigremien gemacht. Die Mitglieder der Parteien sind im Schnitt 60 Jahre alt. Die Jüngeren sind dazu aufgerufen, sich persönlich stärker um ihre Belange zu kümmern. Tun die meisten aber nicht. Denn sie wissen, wir Älteren werden schon für sie sorgen. Nicht nur, indem wir für sie Häuser bauen und ihnen später vererben, für ihre Ausbildung sorgen und sparen. Auch in Parteien und Parlamenten setzen wir uns für die Jugend ein. Wozu sich also selbst anstrengen, wenn wir es für sie erledigen?

Seien wir nicht ungerecht. Die Jüngeren haben sich auch Parteien geschaffen. Die Grünen beispielsweise. Eine wichtige Partei. Sie zwang die etablierten politischen Bündnisse, ja die gesamte Gesellschaft, sich nach den Aufbaujahren der Bundesrepublik endlich mit den natürlichen Grundlagen unseres Daseins auseinanderzusetzen. Wir sollten uns nicht darauf beschränken, den deutschen Wald zu besingen, sondern seinen Bestand ebenso sichern wie den der gesamten Umwelt. Doch die Damen und Herren der ersten grünen Generation sind bereits in Rente wie Otto Schily oder sie müssen altersbedingt aufhören wie Christian Ströbele. Und die Jungen? Immer weniger zieht es zu den Grünen. Cem Özdemir und Claudia Roth sind nicht mehr taufrisch. Wo bleibt das umweltpolitische Engagement der Jüngeren?

Die Grüne Marieluise Beck wird nicht mehr für den Bundestag kandidieren ebenso wie der Konservative Norbert Lammert oder SPD-Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries. Jüngere werden nachziehen und sich profilieren. Doch die Basis der politisch Engagierten bei den Jüngeren wird immer schmaler. Und damit auch die Grundlage unserer Demokratie.

Das mangelnde politische Engagement der Jüngeren ist nicht dramatisch, doch besorgniserregend. Uns Älteren bleibt als Aufgabe, unsere Nachkommen darauf hinzuweisen, dass das Mittun unentbehrlich ist. Das ist leicht gesagt in einer Zeit, deren Techniker das autonome Auto anstreben. Nicht nur das soll ohne Fahrer auskommen. Auch die meisten technischen Geräte, ja sogar die Investitionen. Doch am Ende muss der Mensch über seine Zukunft entscheiden. Im Privatleben wie in der Politik. Ich wünsche, dass unsere Kinder dies rasch begreifen, sonst wird die Lektion für sie ebenso hart wie für unsere Eltern.

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