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Die Narbe ist geblieben

Gelegentlich haben wir ein Rendezvous mit der Geschichte. Das bleibt uns im Gedächtnis und in unserer Seele haften. Gegenwärtig lesen und sehen wir viel über den 50. Jahrestag des Sechstage-Krieges von 1967 zwischen Israel und den arabischen Staaten. Über die brillante Strategie des einäugigen israelischen Generals Moshe Dajan, über die weltpolitischen Auswirkungen des Waffenganges, über das Leid der palästinensischen Bevölkerung, die israelische Besatzung und ähnliches.

Ich will hier meine privaten Empfindungen vor einem halben Jahrhundert und ihre Nachwirkungen schildern. Im Frühsommer 1967 war ich 19 Jahre alt. Ich war orientierungslos wie viele meiner Altersgenossen. Da ich zu wenig lernte, nahm mich meine Mutter Hannah nach der Mittleren Reife aus der Schule und steckte mich in eine Lehre. Ich sollte in einem Handwerksbetrieb den Beruf des Fernsehtechnikers erlernen. Doch das Metier berührte mich wenig. Mich interessierten junge Frauen, Geschichte und Politik. In der Firma tat ich meine Pflicht, lieferte die reparierten Fernsehgeräte aus und träumte vor mich hin.

Kurz nachdem ich am Morgen des 5. Juni in den Betrieb kam, wurde im Rundfunk bekannt gegeben, dass Israel von den Armeen Ägyptens und Syriens angegriffen worden sei. „Endlich werden die Juden vergast!“, kommentierte unser Geselle die Meldung. Mir war, als ob mir die Haut abgezogen würde. Allmählich kam zu meinen Schmerz flammender Jähzorn hinzu. Ich hatte das Bedürfnis, einen Lötkolben zu packen und ihn dem Hetzer ins Gesicht zu stoßen. Die Familie meiner Mutter war von den Nazis erschlagen worden und jetzt wagte es dieser Kerl, offen wieder die Ermordung der Juden zu fordern. Kein Mensch in der Firma protestierte dagegen!

Ich streckte meine Hand nach dem Löter aus. Doch etwas hielt mich zurück. Angst, selbst zum Mörder zu werden? Furcht, mich in einer Rauferei zu verlieren? Doch meine Wut, ja mein Hass waren überwältigend. Alle beobachteten mich und spürten meinen Zorn. Da erhob sich der Geselle, kam auf mich zu. Er legte mir seinen Arm um die Schulter und meinte ruhig: „Du musst dich nicht aufregen, Rafi. Dich habe ich nicht gemeint. Du weißt ja, dass ich dich mag. Aber die anderen. Die müssen weg. . .“ Ich stieß seinen Arm fort und rannte davon.

Als ich mich äußerlich beruhigt hatte, kehrte ich in die Werkstatt zurück. Unterdessen war der Meister eingetroffen und von dem Vorfall unterrichtet worden. Er nahm mich bei der Hand, führte mich zum Gesellen und meinte aufgeräumt: „Vertragt Euch wieder, Buben. Politik hat hier nichts verloren.“ Obgleich ich meinen Chef mochte, entflammte mein Zorn erneut. Wie konnte man den Wunsch nach der Vergasung von Menschen als Politik bezeichnen?

Ich zwang mich, äußerlich die Ruhe zu bewahren. Verweigerte aber einen Handschlag. Damals wurde ich erwachsen. Es hatte keinen Sinn, als Michael Kohlhaas gegen alle zu kämpfen. Oder alle zu hassen. Doch ich musste aus diesem Elendsort fort. Nach einer Weile verließ ich die Werkstatt, holte das Abitur nach und studierte Geschichte und Politik. Ich wollte die Vergangenheit begreifen und junge Leute lehren, sie zu verstehen. Das tat ich einige Jahre an der Uni. Dann begann ich zu schreiben. Gegen den Hass, für Verständnis. Aber die Narbe von damals ist geblieben.

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