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Eine verschworene Gemeinschaft

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Wir sind auf den Hund gekommen. Vor gut fünf Jahren haben wir einen Labrador erworben. Genauer gesagt, der Welpe hat uns erwählt. Während meine Frau Lily und ich beim Züchter den Wurf von zehn(!) Hundebabys betrachteten und Erwägungen anstellten, für welchen wir uns entscheiden sollten und warum, etwa „Hündinnen sind ruhiger als Rüden“ oder „Sollen wir ein agiles Tier nehmen oder lieber einen ruhigeren Gesellen wählen?“, hatte Schomer, obgleich er noch keinen Namen hatte, längst seine Wahl getroffen.

Während seine Geschwister die Mutter umlagerten und versuchten, an ihren Zitzen zu saugen, wuselte das braune Fellbündel zu uns herüber. Schomer winselte nicht um Zuneigung. Er gesellte sich schlicht zu uns. „Ein selbstbewusstes Kerlchen“, bekannte Lily und sprach das Offensichtliche aus: „Scheinbar mag er uns.“ Um sicherzugehen, nahm ich das propere Hundilein auf den Schoss. Wir beschnüffelten uns gegenseitig und stellten fest, dass wir uns gut riechen konnten. Nicht anders erging es meiner Frau mit dem zukünftigen Schomer. Trotz des bestandenen Geruchstests wiederholte Lily ihre Einwände. „Er ist ein Rüde. Er hat offensichtlich einen dominanten Willen und er ist der Dickste aus dem Wurf – das heißt, er hat sich bei seiner Mutter gegen alle seine Geschwister durchgesetzt ... Das Gleiche wird er bei uns tun ...“ Prophetische Worte.

All diesen Bedenken zum Trotz entschieden wir uns unverzüglich für „unseren“ Welpen. Nicht nur, weil uns Schomers Wahl schmeichelte. Mir gefiel der kleine Hund auf Anhieb, und sein Selbstbewusstsein imponierte mir erst recht. Der natürliche Impuls, sich für das zu entscheiden, was uns gefällt, darauf zuzugehen und es zu erlangen suchen, wird uns dank bürgerlicher Erziehung früh abgewöhnt. Hier wird der Mensch dressiert – nicht das Tier. Der Wille des kleinen Labradors dagegen war noch ungebrochen. Und ich nahm mir vor, dass es dabei bleiben sollte. Ich wollte ein zufriedenes Tier. Dass zum Miteinander von Herr und Hund auch ein Mindestmaß an Disziplin gehört, wollte ich vergessen. Da Lily sah, dass ich mich in das Hündchen verliebt hatte, stellte sie ihre Bedenken ein und freute sich mit mir.

Mit seinem spontanen Ungestüm und seiner grenzenlosen Energie stellte Schomer in kürzester Zeit unsere wohlgeordnete Wohnung auf den Kopf. Hinzu kam, dass der Kleine erst stubenrein erzogen werden musste. Das gelang Lily in kurzer Zeit. Schomer wurde seinem hebräischen Wächternamen gerecht. Von Anbeginn passte er auf unsere Seelen auf. Der Hund spürt sogleich den Anflug einer Missstimmung und bringt es fertig, uns stets über Kummer und Krankheiten zu trösten. Lily ist Schomers unbestrittene Herrin. Nur ihr folgt er bedingungslos – falls er nicht einem seiner zahlreichen Impulse nachgibt. Etwa Katzen verbellen oder sie anspringen – um im letzten Moment zurückzuzucken. Oder ballspielenden Kindern die Kugel abzujagen und so kräftig hineinzubeißen, dass die Luft aus ihr entweicht. Ein kleines Hundekämpfchen macht auch Spaß.

Lässt man diese und noch eine Reihe weiterer „Kleinigkeiten“ beiseite, dann hat sich Schomer zum Wonnekind der Familie entwickelt. Ansonsten erfolgt unweigerlich Lilys Mahnung an Schomer und mich, das „Raufen“ bleiben zu lassen. Kommen wir auf die Idee, ihrer Order zu folgen, langweilt sich die gute Frau und beginnt von sich aus, den Hund zu hänseln, der gerne das Geplänkel aufnimmt. Bei Spaziergängen und Wanderungen ist Schomer unverzichtbar. Er ist ein eifriger Begleiter, passt aber auf, dass ich dabei keine körperlichen Verrenkungen wie ein 20-Jähriger mache. Haben wir Gäste, gestaltet Schomer das Unterhaltungsprogramm. Wenn er es allerdings übertreibt, muss er in ein separates Zimmer isoliert werden, wie ein durchgeknallter Bundestrainer. Beide kehren jedoch bald zurück, um sich mit Sicherheit erneut danebenzubenehmen. Wenn ich nach einigen Tagen nach Hause zurückkehre, wie soeben nach der Frankfurter Buchmesse, dann fühlt sich Schomers Anspringen fast so gut an wie der Begrüßungskuss meiner Frau. Kurzum, wir sind eine verschworene Gemeinschaft.

 

Der Journalist und Historiker Rafael Seligmann schreibt in seiner Kolumne über seine Erfahrungen im Alter. Frühere Kolumnen sind als Buch erschienen:
„Jugendfrei. Aus Erfahrung klug“,
Societäts-Verlag, 144 Seiten, 12,80 Euro.

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