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Kolumne: Jugendfrei

Was habe ich aus meinem Leben gemacht? Diese Frage und die Suche nach einer Antwort überfielen mich unvermittelt am vergangenen Freitagabend. Während ich mich darauf vorbereitete, meinen neuen Roman in einer Berliner Buchhandlung vorzustellen, sprach mich ein gepflegter älterer Herr mit vertrauter bayerischer Mundart an. Er heiße Wolfgang Stitzl und habe als „Wolfi“ einst die Herrnschule in München besucht, in der ich, wie er wisse, ebenfalls Schüler gewesen war. Herr Stitzl zog eine Klarsichthülle hervor und reichte mir zwei Fotokopien von Klassenbildern aus dem Jahre 1958. Ein Bild zeigte seine Klasse, das andere, wie ich sofort erkannte, die meine.

Die Gesichter meiner Mitschüler der 4a vor knapp sechzig Jahren erkannte ich sogleich wieder. Unwillkürlich nannte ich die Namen meiner einstigen Klassenkameraden. Während ich die Mädchen und Buben aufzählte und klammheimlich stolz auf mein Langzeitgedächtnis war, erschrak ich. Denn nicht nur Harald Dallmeiner, der Junge zu meiner Rechten, war längst tot. Auch ein Dutzend weiterer Buben um mich herum lebt nicht mehr. Darunter mein enger Freund Josef, der erst vor drei Jahren dahingegangen war. Sein Ende hatte mich arg mitgenommen. Der so begabte, liebenswerte Junge und spätere Mann war mit Mitte sechzig verstorben. Er hatte wenig aus seinen vielfältigen Talenten gemacht. Das wusste er und grämte sich darüber.

Doch trifft das nicht auf fast alle Menschen zu? Die Natur, Gott, die Eltern beschenken uns mit so vielen Gaben. In seiner Jugend denkt kaum ein Mensch daran, dafür dankbar zu sein, dass sie oder er gesund, ohne Beschwerden, kurz, dass sie unbeschwert leben können. Doch mit den Jahren nehmen die Herausforderungen zu. Es gibt so viel zu entdecken und Frauen oder Männer zu lieben. Und da soll man sich auf seine Ausbildung oder sein Studium konzentrieren? Jahrelang?

Selbst wenn man die Ausbildung absolviert hat, steht man stets vor neuen Hindernissen. Angelegenheiten, die man mit viel Mühe, Energie und Idealismus eingefädelt hat, klappen nicht. Konkurrenten machen das Rennen. Man begeht Fehler. Ärgert sich darüber. Ich brauchte lange Zeit, bis ich begriffen hatte, dass Fehler unvermeidlich sind. Nur Tote machen keine Fehler. Wer lebt, macht ständig etwas falsch. Daraus soll man lernen. Leben heißt lernen.

Später erfährt man, dass es Schlimmeres gibt, als gelegentlich unrichtig zu handeln. Es sind die Geschehen, auf die wir keinen Einfluss haben, die uns am meisten schmerzen. Wenn die Eltern oder enge Freunde sterben. Unfälle, Krisen, Krankheiten. Man ist ohnmächtig. Es gibt keinen Weg, Schmerz, Trauer, Angst zu vermeiden. Das soll auch so sein. Doch mit der Zeit habe ich gelernt, mein Leben als eine Kette von Herausforderungen anzusehen. Es gibt Momente des Glücks. Es gilt, sie zu genießen und mit anderen zu teilen. Und es gibt Perioden des Pechs. Keiner kann ihnen entkommen. Mit den Jahren habe ich begriffen, dass ich am besten mein Leben meistern kann, indem ich mir und anderen Mut mache. Die Furcht, gelegentlich die Angst, kann ich auf diese Weise nicht vermeiden. Doch indem ich mir und den mir Nahestehenden, darunter meinen Lesern, Mut mache, gewinne ich immer wieder Hoffnung. Sie gibt mir das Gefühl, mein Leben zu genießen.

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