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Kolumne: Jugendfrei

Antworten auf indiskrete oder gedankenlose Fragen haben den Zweck zu verhüllen, statt zu erklären. So wollte ein Journalist vom französischen Mäzen Pierre Bergé wissen, ob er sich nach dem Tod seines Lebensgefährten, des Modeschöpfers Yves Saint Laurent, im Jahre 2008 nicht einsam gefühlt habe. Dazu muss man wissen, dass Bergé und Saint Laurent ein halbes Jahrhundert zusammen gelebt haben. Der Befragte entgegnete, nein, jedermann sei einsam. Das stimmt, zumindest bei oberflächlicher Betrachtung.

Alle Menschen müssen ihre Schmerzen alleine erleiden. Vom Augenblick der Geburt über lebenslanges Leid und Pein bis zum Tod. Doch wenn man über sein und das Leben seiner Mitmenschen nachdenkt, wird einem deutlich, dass man vor allem in Momenten des Schmerzes auf den Beistand anderer, vor allem liebender Menschen angewiesen ist und bleibt. Das beginnt mit der Geburt. Ja, den Schmerz der Geburt muss das kleine Lebewesen erdulden. Doch sobald es ans gleißende Licht gedrückt wird, warten in der Regel die helfenden Hände der Hebamme, um den Schock der Ankunft im irdischen Dasein zu mildern.

Kurz darauf wird man zum Säugling, indem man an den nährenden Busen der Mutter gedrückt wird, nach dem man sich ein Leben lang sehnen wird. Später wird man immer wieder von Pein gequält. Wie gut, dass die meisten sich im Schoß und in den Armen der Mutter oder der älteren Schwester ausheulen können. Den Schmerz des Hinfallens, den Schreck über eine Wunde und das eigene Blut muss man zunächst alleine ertragen. Doch dann braucht und erhält das glückliche Kind den Trost der Angehörigen. Wir alle wissen aus Erfahrung, wie sehr das hilft.

Ich bin überzeugt, dass die tröstenden Arme der Mutter und der älteren Geschwister ein wesentlicher seelischer Antrieb sind, sich später zu vermählen. Erotik kann man bei vielen erfahren, das Neue wirkt durchaus stimulierend. Einen festen Partner aber braucht man in guten Zeiten, um sich gemeinsam am Glück zu erfreuen, vor allem aber in schlechten Zeiten, um das „Leid zu teilen“, auf dass es zum „halben Leid“ zusammenschmelze.

Wenn die geliebte Gefährtin einen verlässt oder wenn sie gar aus dem Leben scheidet, schlägt einem dies eine schmerzhafte Wunde. Nach ihrem Vernarben bleibt eine unendliche Leere.

Warum hat Pierre Bergé dies nicht eingestanden? Um seinen Schmerz nicht öffentlich zu machen und so zu vermeiden, noch mehr darunter zu leiden. Wenn man das Interview mit ihm aufmerksam liest, erfährt man, dass Yves Saint Laurent wie die meisten fanatischen Künstlernaturen nur sich selbst – und sein Tun lieben konnte. Wie sehr muss man eine derartige Persönlichkeit lieben, um sich damit zu begnügen, stets der Gebende in der Gemeinschaft zu sein? Das tut jedem weh und macht sie oder ihn einsam. Aber die Macht der Liebe verleiht einem die Kraft, am Partner festzuhalten. Und ihr oder ihm stets beizustehen.

Genau das tat Pierre Bergé. Ohne seine Energie hätte Yves Saint Laurent seine genialen Visionen nie in der rauen Geschäftswelt der Modeindustrie verwirklichen können. Ohne ihn wäre es ihm unmöglich gewesen, seine häufigen Lebenskrisen, seine Abhängigkeiten zu überwinden. Pierre Bergé hat Saint Laurent Denkmale gesetzt. Seinen Schmerz aber behält er für sich.

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