Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Titelbild Mainova Marathon Laufsport - alles rund um den Mainova IRONMAN Frankfurt 2017 Frankfurt am Main 32°C

Lebbe geht weider

Fast alle kennen den Zustand. Doch fast niemand spricht darüber – und wenn, dann nur indirekt. „Schwarzer Hund“ nannte Winston Churchill seine Niedergeschlagenheit. Er versuchte den unangenehmen Gemütszustand mit Whisky zu ersäufen. Churchill war einer von unzähligen Menschen, dem Depressionen vertraut waren. Frauen und Männer durchleiden ein oder mehrmals Zustände der seelischen Niedergedrücktheit.

Es gibt kein Generalrezept, seelische Tiefs zu überwinden. Denn jeder Mensch hat eine einzigartige Seele, die durch unterschiedliche Ereignisse verletzt wird. Die häufigsten Auslöser sind Schicksalsschläge wie der Tod von Angehörigen oder engen Freunden, Krankheit, der Verlust des Arbeitsplatzes, berufliche oder persönliche Niederlagen, das Ende einer Ehe oder eines Liebesverhältnisses. Dagegen helfen weder schottischer Whisky noch französischer Rotwein oder deutsches Bier.

Doch es gibt Abhilfe gegen Niedergeschlagenheit. Ich weiß, wovon ich rede, denn wie fast jeder erwachsene Mensch habe ich Trauer, Niederlagen und Bedrückung erlebt – und auf meine Weise überwunden. Jeder kennt Trauer: Eltern, ältere Menschen sterben. Das sagt und schreibt sich einfach. Doch als ich erleben musste, wie mein Vater, einst ein leidenschaftlicher Sportler, dem keine Anstrengung vermeintlich etwas anhaben konnte, in späteren Jahren von Diabetes und einer Herzkrankheit geschwächt und hinfällig wurde, zog es mir das Herz zusammen. Doch ich musste Zuversicht ausstrahlen und Ludwig Lebensmut geben. Als er erwartet, doch plötzlich verstarb, überfiel mich eine innere Leere. Mechanisch erledigte ich die notwendigsten Tätigkeiten.

Erst nach Monaten, als ich Vaters Aufzeichnungen über seine Jugend las, überwältigte mich der Schmerz. Ich musste lange weinen. Danach war mir, als ob meine Seele erfrischt worden war. Kummer und Trauer lösten sich. Die lange Krankheit meiner Mutter und ihr hohes Alter gaben mir Gelegenheit, mich noch zu ihren Lebzeiten an ihren Verlust zu gewöhnen.

Damals war mir bewusst, dass meine erste Frau und ich nicht zusammenpassten. Wir hielten die Ehe nur wegen der Kinder aufrecht. Doch das war auf Dauer unerträglich. Die endliche Scheidung bedeutete für mich zunächst den Verlust der geliebten Kinder im Alltag. Ich lebte nur für die Wochenenden und die Ferien, in denen der kleine Ludwig und Yael-Emily bei mir waren. Jeder Abschied fügte uns dreien große Pein zu. Wir gaben uns die Hand und riefen gemeinsam: „Familie Seligmann!“ Doch nachdem sie weggefahren waren, fühlte ich mich erstarrt, zu aktivem Tun unfähig. Es dauerte lange, ehe ich lernte, mich stattdessen auf unser nächstes Beisammensein zu freuen.

Erst als ich meine Frau Elisabeth kennen lernte, fand ich eine Partnerin, die mir die Liebe und das Verständnis gab, das mir seither jene Festigkeit gibt, Schmerz und Verluste besser zu verkraften – ich glaube, dass auch ich ihr helfen kann. Aber eine gute Beziehung ist keine Versicherung gegen Niederlagen, Krankheiten und Trauer. Ich musste begreifen, dass, bei aller Solidarität, jeder seine Schmerzen alleine durchmachen muss, die Partner können allerdings beistehen.

Zuletzt fand ein Buchprojekt, in das ich meine ganze Kraft und meinen Geist gesteckt hatte, keinen Verlag. Das schmerzt. Doch ich will nicht resignieren. Mein Leben hat mich gelehrt, nach Niederschlägen wieder aufzustehen und die Herausforderungen aufzunehmen. Nicht zuletzt auf der Frankfurter Buchmesse, wo ich meinen ersten Verlag, Eichborn, fand und später Elisabeth kennen lernte. „Lebe geht weiter“, wie Eintracht-Trainer Stepanovic wusste.

Zur Startseite Mehr aus Jugendfrei

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse