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Lernen, Nein zu sagen

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Das Wort „Nein“ hat nur vier Buchstaben. Doch jede Verneinung bedeutet eine Herausforderung des menschlichen Selbstwertgefühls. Wir wollen geliebt werden. Die einfachste Voraussetzung dafür ist ein „Ja“. Man tut etwas, was Vater, Mutter, Freunden, Lehrer, Ehepartner, kurz dem Gegenüber genehm ist. Denn Nein-Sager werden nicht gemocht.

Die Vorteile des Ja-Sagens dagegen werden einem bereits als Kind eingetrichtert. Wenn man „brav“ ist, gibt es eine Belohnung. Sich den Wünschen der Eltern zu verweigern dagegen wird bestraft. Meine Mutter war liebevoller und klüger. Sie wurde selten laut und so gut wie nie handgreiflich. Doch wenn ich ihr nicht gehorchte, entzog sie sich mir. Hannahs Zärtlichkeit aber war die Droge meiner Kindheit. Um keinen Preis wollte ich darauf verzichten. Daher tat ich, was sie von mir verlangte.

Doch irgendwann gelang es mir in meinen Jugendjahren, wie den meisten, mich von Vater und Mutter zu emanzipieren. Das hat weniger mit der spannenden Geschichte von König Ödipus zu tun als vielmehr mit der Tatsache, dass man von seinen Eltern bedingungslos geliebt wird. So fand ich die Kraft, meinen Weg entgegen den Erwartungen von Hannah und Ludwig zu gehen und meiner Neugier zu folgen: Geschichte und Politische Wissenschaften zu studieren. Bald sollte ich meine berufliche Leidenschaft entdecken. Ich wurde Journalist und arbeitete bei einer großen Tageszeitung. Das bedeutete Stress und permanente Konkurrenz. Eine Ehe folgte und bald kam unser erster Sohn zur Welt. Die zunehmenden Konflikte meines Daseins versuchte ich in meinem ersten Roman zu verarbeiten.

In dieser angespannten Lebensphase erreichte mich ein Brief meines Doktorvaters aus München. Er bot mir die Stelle eines Akademischen Rates an. Objektiv war das der Pfad zu einer verheißungsvollen Laufbahn. Ich würde dem Trubel des Redaktionsalltages entfliehen und stattdessen an der Universität Beschaulichkeit und Ruhe finden. Lehren bereitet mir Freude. Ich wäre als Beamter abgesichert und nach der Fertigstellung meiner Habilitationsschrift auf dem Wege zur Professur. Und das in meiner Heimatstadt München. Zudem mochte mich mein Hochschullehrer sehr. Er war mehr als mein akademischer Vater. Ich bewunderte seine Weltläufigkeit, seine Gewandtheit und sein gewinnendes Auftreten. Dennoch zögerte ich. Denn tief in meinem Inneren wusste ich, dass eine Rückkehr an die Uni für mich zu spät kam. Meine Passionen waren Journalismus und Bücherschreiben.

So sagte ich höflich ab. Doch damit gab sich mein Professor nicht zufrieden. Er rief mich an, lud mich nach München ein. Hier ließ er seinen ganzen Charme und seine Überzeugungskraft spielen. „Sie sind für die Akademia geschaffen“, schmeichelte er mir. Ich hatte Scheu, dem verehrten Lehrer zu widersprechen. So sagte ich zu.

Es kam, wie ich geahnt hatte. Ich kam vom Journalismus und von der Literatur nicht los. Geschichte interessierte mich weiterhin, doch der träge akademische Betrieb voller Eitelkeiten langweilte mich zunehmend. Ich hatte mich darauf aus Bequemlichkeit eingelassen, vor allem aber, weil ich nicht Nein sagen wollte.

Auf diese Weise musste ich lernen, Nein zu sagen. Der Preis waren vier vertane Jahre an der Hochschule. Es ist unangenehm, Nein zu sagen. Aber wenn man es nicht fertigbringt, verliert man die Herrschaft über das eigene Leben.

 

Der Journalist und Historiker Rafael Seligmann veröffentlicht jeden Montag seine Kolumne, in der er über seine Erfahrungen im Alter schreibt.
Frühere Kolumnen sind als Buch erschienen:
„Jugendfrei. Aus Erfahrung klug“,
Societäts-Verlag, 144 Seiten, 12,80 Euro.

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