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Rafael Seligmann: Liebe ist stärker als Vernunft

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Je älter ich werde, desto mehr fasziniert mich die Liebe. Niemand weiß genau, was die Liebe ist. Ihre Bestandteile sind Selbstlosigkeit, Egoismus, Opferbereitschaft, Besitzgier, Eifersucht, Großzügigkeit, Verschwendungssucht, Euphorie, Niedergeschlagenheit und tausend andere Phänomene. Doch sobald es einen „erwischt“, weiß man, dass man liebt. Dabei ist Liebe keineswegs untrennbar mit Erotik verbunden. Ich liebe meinen Enkel Eviatar, meine Schildkröten und meinen Hund Schomer. Mein Herz geht auf, wenn ich das Kind, aber auch, wenn ich die Tiere sehe.

Gemäß dem Talmud, dem religiösen Regelbuch der Juden, darf man Menschen nicht mit Tieren vergleichen. Mag sein. Doch ich muss gestehen, dass meine Freude, meine Genugtuung über das Wiedersehen der geliebten Lebewesen momentan gleich ist. In einigen Jahren wird sich das ändern. Eviatar wird eine menschliche Persönlichkeit entwickeln und dann wird auch meine Liebe zu ihm anders sein. Doch im Moment ist er einfach niedlich.

Zurück zur Liebe von Mann und Frau. Diese ist die spannendste Form der Liebe und die rätselhafteste. Nehmen wir das Verhältnis zwischen meinem Freund Leon und seiner Frau Maren. Vor dreißig Jahren war es eine Liebesheirat – zumindest vonseiten der Frau. Sie nahm den Hochzeitsschwur, „Bis dass der Tod Euch scheidet“ ernst. Der leichtlebige Leon dagegen freute sich, dass er eine attraktive und vermögende Frau geehelicht hatte. Ihr Geld ermöglichte es Leon, ohne Hast sein Medizinstudium zu beenden und anschließend eine gut eingeführte Praxis in einem reichen Stadtteil zu erwerben. Der charmante Arzt erntete regen Zulauf und verdiente viel Geld. Davon erwarb er Mietshäuser. Deren Verwaltung bereitete so viel Arbeit, dass Leon seine Arztpraxis teuer verkaufte und sich fortan auf das Immobiliengeschäft konzentrierte – vor allem aber auf das sogenannte „gute“ Leben.

Zum schönen Dasein gehörte für Leon auch eine Geliebte. Das amouröse Abenteuer wurde bald bekannt. Maren war unglücklich. Doch unverdrossen stand sie zu ihrem Mann. Ich versuchte, Leon zu überreden, zu Frau und Kindern zurück zu kehren. „Eine Frau wie Maren wirst du nie wieder finden“, mahnte ich den Freund. Das wisse er, meinte Leon. „Meine Frau ist klug und gutmütig und vermögend. Vor allem ist sie mir unbedingt treu. Sie wird mich nie verlassen. Egal, was ich anstelle“, wusste er. Ich begriff, dass Leon die unbedingte Liebe und Hingabe seiner Frau ausnutzte, um sie zu betrügen. Die Freundinnen Marens wollten sich nicht mit ihrer grenzenlosen Liebe, die sie „altmodisch“ und „antifeministisch“ nannten, abfinden. Doch Maren blieb fest. „Nennt es, wie ihr wollt. Ich bleibe meinem Mann treu. Egal, was mein Leon tut“. Leon tat einiges. Nachdem er von seiner Geliebten verlassen worden war, kehrte er zu Maren zurück. Nur, um sich nach einigen Monaten wieder einer neuen Gespielin zuzuwenden und mit ihr zusammen zu leben.

Doch als Leon in einer geschäftlichen Krise steckte, half ihm Maren ohne zu zögern. Daraufhin kehrte er reumütig wieder zu seiner treuen Frau zurück. So lange, bis sich seine wirtschaftliche Lage erneut stabilisiert hatte. Dann nahm er seine Seitentätigkeit erneut auf. Maren duldete und litt.

Es wäre unrecht, Marens Verhalten als dumm, abhängig oder unbelehrbar abzuwerten. Sie liebt ihren Mann. Und sie lebt, anders als viele vermeintlich moderne Menschen, was die Bibel predigt: Stärker als der Tod ist die Liebe. Zumindest stärker als die Vernunft.

Der Journalist und Historiker Rafael Seligmann veröffentlicht jeden Montag seine Kolumne, in der er über seine Erfahrungen im Alter schreibt. Frühere Kolumnen sind als Buch erschienen: „Jugendfrei. Aus Erfahrung klug“, Societäts-Verlag, 144 Seiten, 12,80 Euro.

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