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Mein Abiturtraum

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Heute Nacht träumte mir, ich sei im Abitur gescheitert. Die Reifeprüfung legte ich 1971 ab. Ich war damals 23 Jahre alt. Denn nach der Mittelschule verließ ich die Penne. Der Ausdruck passte, denn, abgesehen von den Geschichtsstunden, langweilte mich der Unterricht dermaßen, dass ich vor mich hinträumte oder gelegentlich gar einschlief, was mein Banknachbar ausnutzte, um mich mit einem kräftigen Schlag gegen meinen Rücken unvermittelt zu wecken. Ich erwachte mit einem Aufschrei, was in der Jungenklasse Heiterkeit hervorrief.

Nachdem ich mit 17 endlich die „Mittlere Reife“ hatte, steckte mich Mutter als Lehrling in eine Fernsehreparatur-Werkstatt. Der Beruf interessierte mich ebenso wenig wie zuvor die Schule. Alleine die Kundenbesuche gefielen mir, denn hier lernte ich die unterschiedlichsten Menschen kennen. Am besten gefielen mir ältere einsame Frauen, die meinen Besuch nutzten, um mir aus ihrem Leben zu erzählen. Sie berichteten von ihren erwachsenen Kindern und vielfach von ihren gefallenen Männern. Obgleich sie viele Entbehrungen durchzumachen hatten, behielten sie ihren Lebensmut. Ich wollte einen Beruf ergreifen, in dem ich mit Menschen zu tun hatte statt mit TV-Geräten.

Einmal in der Woche musste ich zur Berufsschule. Die Materie langweilte mich noch mehr als der Unterricht in der Mittelschule. Um die zähe Zeit schneller zu überwinden, markierte ich auf einem Block die Minutenzahl des Unterrichts und strich jede Viertelstunde ein Stück ab. Eines Tages starrte ich entsetzt auf meine Skizze und begriff, dass ich dabei war, meine Lebenszeit zu verschwenden.

Kurz darauf traf ich einen ehemaligen Klassenkameraden, der mir berichtete, er hole auf dem Kolleg sein Abitur nach. Ich erzählte meiner Mutter, dass auch ich diesen Weg gehen wolle. „Du sollst nicht davon reden, sondern es tun!“, wies mich Hannah an. Am kommenden Tag meldete sie mich zur Aufnahmeprüfung an. Jetzt musste ich beweisen, dass in mir mehr steckte als ein Faulpelz!

Abends, nach der Arbeit, paukte ich für das Eingangsexamen zum Kolleg. Tatsächlich bestand ich die Prüfung auf Anhieb. Obgleich mich nach wie vor nur Geschichte interessierte, entwickelte ich mich dank gesteigerter Konzentration zum mittelmäßigen Schüler. Doch ein halbes Jahr vor dem Abitur übernahm eine neue Deutschlehrerin unseren Kurs. Ich verliebte mich augenblicklich in die kluge Frau und ihre warmen braunen Augen. Täglich sah ich die von mir Angebetete, war jedoch zu schüchtern, ihr meine Liebe zu gestehen. Doch als erfahrene Frau blieb der Germanistin meine Verliebtheit nicht verborgen. Sie lud mich zum Tee in ihr Haus ein. Das war die Gelegenheit, ihr meine Gefühle zu offenbaren, zumindest sich offen mit ihr auszusprechen. Doch wiederum war ich zu verschämt, ihr zu gestehen, was mich offensichtlich bewegte. Stattdessen schwatzte ich über Belanglosigkeiten.

Die Verliebtheit nahm mich vollständig gefangen. Meine Noten wurden ungenügend. So würde ich im Abitur scheitern. Doch im letzten Moment unterdrückte ich meine Gefühle und begann zu pauken. Zu spät? Nach quälendem Warten wurde ich zu meiner Überraschung zur mündlichen Prüfung zugelassen und schaffte diese. Ich hatte das Abitur bestanden. Die Lehre hatte ich zuvor übrigens auch noch abgeschlossen.

Aber wann immer ich seither vor einer wichtigen Entscheidung stehe, träume ich von meinem anstehenden Abitur, das ich am Ende irgendwie meisterte – wie mein Leben. Das zuversichtliche Erwachen begleitet mich stets. Ich habe meiner Lehrerin schließlich meine Liebe gestanden. Allerdings erst dreißig Jahre später. Zu spät.

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