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Menschlichkeit in New York

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Die Menschen auf dem Land sind freundlich, die in Städten sind verschlossen. So lautet zumindest ein Allgemeinplatz. Wenn man in einem Dorf Menschen begegnet, wird man in der Tat auch von Fremden begrüßt. Das passiert einem in der Großstadt in der Regel nicht. Es wäre auch schwierig. Denn ob auf der Frankfurter Zeil, dem Kurfürstendamm in Berlin oder dem Londoner Trafalgar Square befindet man sich tagsüber inmitten von Menschenmassen – da müsste man unentwegt grüßen.

In der Stadt nehmen sich die Menschen in der Regel weniger Zeit als auf dem flachen Land. Während man sich im Dorf oder in Kleinstädten Ruhe gönnt und das Leben voranzieht wie ein träger Fluss, herrscht in den Metropolen vielfach Hektik. Frauen und Männer scheinen andauernd in Eile, sie hetzen zur Arbeit, ins Fitnessstudio, selbst zum Besuch von Freunden. „Eins zwei drei im Sauseschritt eilt die Zeit, wir eilen mit“, reimte einst Wilhelm Busch.

Wir sollten jedoch nicht den Fehler machen, von der Hektik der Großstadt auf die Hartherzigkeit ihrer Bewohner zu schließen. Das ist schlicht falsch! Vor kurzem wurde ich in New York eines besseren belehrt. Glücklicherweise. New York, speziell das nimmermüde Manhattan, mit endlosem Verkehr, Wolkenkratzern, Wall Street gilt zu Recht als Herz der Zivilisation. Mit all seinen Schattenseiten. Die Menschen scheinen ständig in Bewegung. Mit verschlossenen Gesichtern eilen sie von Termin zu Termin. Selbst vor der Metropolitan Opera und den Theatern des Broadway, den zahllosen Bars herrscht Gedränge.

New York erscheint vielen als Zentrum eines hartherzigen, rücksichtslosen Dollar-Kapitalismus. Doch auch in Manhattan leben Menschen, die keineswegs schlechter sind als die in den verklärten Dörfern. Als ich von einem kurzen Spaziergang in der Oase der Ruhe des Central Parks in die 5th Avenue einbog, sah ich einen Bettler zusammengesunken vor einem Luxusgeschäft sitzen. Ich schob ihm verschämt zwei Dollarnoten hin und eilte weiter. Dann blieb ich stehen, besann mich eines besseren, kehrte um und steckte ihm erneut Geldscheine zu. Als ich weiterziehen wollte, ergriff mich eine ältere Dame bei der Hand und bedankte sich überschwänglich bei mir. Warum? „Weil Sie inmitten dieses Hexenkessels Mitgefühl bewiesen haben.“

Stunden später kaufte ich in einem Supermarkt ein. Nachdem ich mit einem Geldschein bezahlt hatte, reichte mir ein älterer Kassierer lächelnd meine Banknote. Sie hatte sich mit einem weiteren Schein verklebt, den mir der Herr zurückgab. Als ich ihm eine Belohnung geben wollte, wies er dies mit den Worten zurück: „Das ist mein Job.“ Der Mann hatte sich seine Würde bewahrt – inmitten New Yorks.

Ehrlichkeit, Mitgefühl, Menschlichkeit sind keine Frage des Standortes. Davon kann sich jeder von uns in den Bahnhofsmissionen und entsprechenden Einrichtungen der Städte überzeugen, wo größtenteils Freiwillige ihre Arbeit leisten. Vor einigen Tagen half der frühere Bundespräsident Joachim Gauck einen Tag lang in einer Berliner Bahnhofsmission aus.

Und wie es auf dem vielfach idyllisch beschriebenen Land mitunter tatsächlich zugeht, beschreibt der unvergessene bayerische Volksdichter Oskar Maria Graf in seinem Buch „Der harte Handel“. Unter dem Deckmantel von Religiosität regieren Heuchelei, Geiz und Erbarmungslosigkeit. Nicht nur! Auch in Kleinkötz gibt es mit Sicherheit ebenso anständige Menschen wie in New York.

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