Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Titelbild Mainova Marathon Laufsport - alles rund um den Mainova IRONMAN Frankfurt 2017 Frankfurt am Main 29°C

Mit offener Seele beobachten

Pablo Casals war der unbestritten beste Cellist des 20. Jahrhunderts. Der 1876 geborene Spanier war nicht nur talentiert, sondern auch immens fleißig. Selbst im hohen Alter übte Casals täglich mindestens vier Stunden sein Spiel. Als ein Schüler den 85-Jährigen fragte, „Meister, Sie sind der perfekte Cellist. Wieso gönnen Sie sich nicht ein wenig Ruhe, statt andauernd zu pauken?“, sah ihn Casals lächelnd an und erwiderte: „Ich habe den Eindruck, ich verbessere mich täglich.“ Der geniale Musiker musste nicht fürchten, dass sein Talent plötzlich verkümmern würde. Doch er wollte seinen spielerischen Glanz beibehalten.

Diese Erkenntnis gilt nicht nur für begnadete Musiker, sie betrifft uns alle. Wer seine Fähigkeiten über lange Zeit beibehalten will, muss diese ständig trainieren. Dabei erntet man einen doppelten Ertrag: Man schult seine Kenntnisse und empfindet dabei Genugtuung. Einerlei, auf welchem Gebiet man Können und Freude kombiniert – wobei Training nicht nur Freude ist, Disziplin ist hier unentbehrlich. Beim Sport ebenso wie in der Musik, in der Wissenschaft ebenso wie beim Kochen, Bergsteigen, Kegeln, Schachspielen oder im Umgang mit Menschen. Wer ein Jahr in der Einsamkeit verbracht hat, mag zu neuen Erkenntnissen gekommen sein – eine Stimmungskanone wird er indes nicht so schnell werden.

Aus den genannten Gründen ist es so wichtig, auch nach seiner regulären Lebensarbeitszeit im wohlverdienten Ruhestand nicht in eine vollständige Untätigkeit zu verfallen. Wir sind nicht mit der genialen Musikalität Pablo Casals’ gesegnet. Das ist auch unnötig. Doch jeder von uns besitzt seine spezifischen Talente und jeder von uns macht bestimmte Dinge gerne, die in der Regel nicht nur sie und ihn, sondern auch weitere Menschen erfreuen.

Niemand verlangt von uns, als Hobbymusiker aufzutreten. Doch wenn wir uns um unsere Enkel kümmern, ihnen beibringen, auf Tiere zu achten, und sie im Umgang mit Kreaturen unterweisen, dann bereitet das uns und den Kleinen Freude. Oder die spontanen Hilfsaktionen des Alltags. Es bereitet uns eine große Genugtuung, spontan Blinde, Ältere oder Behinderte über die Straße zu geleiten oder ihnen beim Einkaufen oder in Behörden behilflich zu sein. Dies erfordert kein spezielles Training – man muss lediglich mit offener Seele die Menschen um sich herum beobachten. Hinzu kommen die Talente, die einem Gott mitgab und die wir unseren Lebtag beruflich pflegen wollten und sollten. Jetzt dürfen wir. Es ist ein herrliches Gefühl, nicht mehr zu müssen – unsere Kenntnisse allein aus einem inneren Bedürfnis anzuwenden.

So ergeht es mir mit dieser Kolumne. Im Allgemeinen bereitet es mir Vergnügen, dieses Stück zu schreiben. Gelegentlich will mir nichts Rechtes einfallen. Doch bis Freitag muss ich immer meinen Beitrag fertig haben. Je näher es zu diesem Tag kommt, desto gründlicher beobachte ich meine Umwelt. Die Menschen, die Zeitungen, die Natur. Und wenn mir dennoch nichts einfällt, was meine Leser interessieren könnte, dann denke ich schlicht an sie: Sie. An die vielen Leserbriefe, vor allem von Frauen und Männern, die mir schreiben, dass sie auf meine Kolumne warten. Das ist der Durchbruch. Danach habe ich stets eine Idee. Ich übe schlicht meine Fähigkeiten, zu beobachten und zu berichten. Ich hoffe dabei in aller Bescheidenheit, stets ein Stück besser zu werden, so wie einst Meister Casals es anstrebte – und heute der unermüdliche Bob Dylan.

(sel)
Zur Startseite Mehr aus Jugendfrei

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse