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Rafael Seligmann: Momentane Freude

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Je jünger man ist, desto mehr Freude hat man an seinem Geburtstag.

Beim ersten Mal allerdings begreift man noch nicht die Bedeutung des Tages, erfreut sich aber an seinen Geschenken. Der erste Geburtstag ist eher ein Fest für die Erwachsenen. Das wiederum wollte ich mir „schenken“. Also gab ich einen unaufschiebbaren Termin vor. Ergebnis war, dass ich den folgenden Tag ungestört mit meinem Enkel Eviatar verbringen konnte.

Morgens brachte meine Tochter Emily den Kleinen bei meiner Frau und mir vorbei. Wir gingen gemeinsam spazieren. Das ist an sich eintönig. Doch da ich den Kinderwagen schieben „durfte“, hatte ich Gelegenheit, meinen Stammhalter genau zu beobachten. Dabei stellte ich fest, dass das Jüngelchen bereits einen gesammelten Gesichtsausdruck gewonnen hatte. Das kleine Kind ist inzwischen fähig, sich auf seine Umwelt zu konzentrieren. Das wollte ich mir genauer ansehen. Ich überredete Emily, die folgenden Stunden gemeinsam mit meiner Frau einkaufend zu genießen.

Danach steuerte ich mit Eviatar ein kleines Café ohne Hintergrundmusik an, zog den Kleinen aus seinem Kinderwagen, setzte ihn auf meinen Schoß. Enkel und Opa musterten sich aufmerksam. Doch Eviatars Interesse erlahmte rasch. Er verlangte zu essen. Ich reichte ihm seine Babynahrung. Danach wollte der junge Herr gerne ruhen. Doch ich wollte mehr über meinen Enkel erfahren. So setzte ich ihn stützend auf den Tisch und zog ihn zu mir heran. Wie einst meine Kinder begann er nach meinem Schnurrbart zu greifen und daran zu ziehen. Ich pustete ihn an und bewegte meinen Kopf. Eviatar folgte meinen Bewegungen. Als er endlich meinen Schnauzer fest zu fassen bekam, jauchzte er auf. Ich schnitt eine Grimasse, der Junge versuchte meine Geste nachzuahmen. Als ihm dies in etwa gelang, lachte er.

Als nächstes reichte ich ihm die Gewürzgefäße sowie Löffel und Gabel. Eviatar benötigte keine spezielle Unterweisung. In wenigen Augenblicken hatte er begriffen, dass er aus den Streuern feines Pulver schütten konnte. Ich dachte nicht daran, es ihm zu verbieten. Stattdessen hielt ich ihm den Löffel hin. Salz träufelte hinein. Die Gabel diente dem Enkel gemeinsam mit dem Löffel als Schlegel. Er trommelte damit auf den Tisch. Als Eviatar davon genug hatte, warf er das Besteck weg. Ich trank meinen Tee aus, zahlte und packte das Büblein wieder in seinen Wagen.

In einem nahen Park spielte ich auf der Wiese mit Evi. Als Großvater hat man glücklicherweise mehr Zeit und Geduld für das Kind als einst zu Vaterzeiten. Derweil ärgerte sich Eviatar, weil ich ihn umwarf. Doch bald krabbelte er entschlossen auf mich zu. Denn ich hatte sein Geburtstagsgeschenk, eine flauschige bunte Stoffschlange ausgepackt. Mein Enkel griff danach und begann das lange Tier in seine Richtung zu wenden. Ich zog daran, er riss es in seine Richtung. Und hatte seinen Spaß daran. Der Denker Friedrich Nietzsche (1844-1900) beschränkte sich nicht damit, „mit dem Hammer zu philosophieren“. Er hatte vielmehr den Ernst der Kinder bei ihrem Spiel beobachtet. Ich selbst grübelte über die Zukunft des Kleinen. Wird es Eviatar ebenso wie unserer Generation in Mitteleuropa vergönnt sein, in einer langen Friedensära zu leben? Oder wird er in „interessanten Zeiten“ leben müssen, die die Chinesen fürchteten? Ich weiß es nicht. Doch während ich meinem lachend-spielenden Enkel zusah, beschloss ich, das Denken bleiben zu lassen und mich an seiner Gegenwart zu erfreuen.

Der Journalist und Historiker Rafael Seligmann veröffentlicht jeden Montag seine Kolumne, in der er über seine Erfahrungen im Alter schreibt.
Frühere Kolumnen sind als Buch erschienen:
„Jugendfrei. Aus Erfahrung klug“,
Societäts-Verlag, 144 Seiten, 12,80 Euro.

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