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Kolumne Rafael Seligmann: Mut – für sich und andere

Was ist das Wichtigste im Leben? Über diese Frage unterhalte ich mich oft mit meiner Frau. Wir leben beide bereits länger als sechs Jahrzehnte. Bei den Gesprächen wurde uns bald deutlich, dass diese Frage keineswegs ein Ältere-Leute-Problem ist, sondern eine Erwägung, die alle Menschen beschäftigt. Dies zeigte uns auch unser 25-jähriger Sohn Jonathan, der in Wien studiert und uns während der Feiertage besuchte. Wir unternahmen eine lange Wanderung und genossen die Aussicht.

Ich spürte, dass mein Sohn von einem Gedanken umgetrieben wurde: der Sinnfrage des Daseins. Dabei rief ich mir ins Gedächtnis, dass mich eben diese Problematik ebenfalls seit meiner späten Jugend beschäftigt.

Wahrscheinlich gibt es auf die Sinnfrage sieben Milliarden Antworten. So lange der Mensch denken kann, fragt er sich, was er mit seinem Leben anfangen soll. Auch wenn die Antwort dermaßen klug gedacht und formuliert ist wie Immanuel Kants (1724–1804) kategorischer Imperativ: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Die Weisheiten des Königsberger Philosophen lesen sich genussvoll. Doch wer ist tatsächlich fähig, sich stets danach zu richten? Auf das „stets“ aber kommt es an.

Einfacher erscheint mir das biblische Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Auch hier erhebt sich allerdings die Frage, ob man beispielsweise fähig und willens ist, Menschen, die bewusst Schlechtes getan haben, die andere verletzt haben, zu lieben.

Steigen wir vom hohen Ross der religiösen und philosophischen Gebote und Maximen herab in den Alltag von uns Normalmenschen. Auch wenn wir wollten, könnten wir nicht immerzu Verständnis für alles und jeden haben. Nach meiner Erfahrung kommt es vielmehr darauf an, den Mut zu haben, das für richtig Erkannte zu tun – obgleich es den vermeintlich einfacheren Weg des Abseitsstehens gäbe.

Ein geschichtliches Beispiel ist für mich Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Der Offizier begrüßte zunächst die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Doch als ihm deutlich wurde, dass der Krieg verloren war, er überdies seine Augen nicht länger vor den systematischen Verbrechen der Nazis verschließen konnte, entschloss sich Stauffenberg zum Widerstand gegen das NS-Regime. Er hätte sich nach seiner schweren Kriegsverletzung 1943 auf sein Landschloss zurückziehen und die unvermeidliche deutsche Niederlage abwarten können. Doch der Offizier wollte tatkräftig an der Beseitigung Hitlers mitwirken, denn ihm war klar, dass die Nazischlange weiterleben und Schaden anrichten würde, so lange ihr Führer lebte. Da sich niemand anderes dazu bereitfand, legte Stauffenberg schließlich am 20. Juli selbst die Bombe, die Hitler töten sollte. Der Krieger wusste, dass er damit sein eigenes Leben gefährdete. Tatsächlich scheiterte der Anschlag und Stauffenberg wurde am gleichen Tag erschossen. Das Risiko musste er eingehen. Denn wenn das Attentat gelungen wäre, hätte dies Millionen Menschen gerettet.

Glücklicherweise leben wir heute in Mitteleuropa seit mehr als 70 Jahren in Frieden. Unterdessen wurden und werden in Syrien Hunderttausende umgebracht und Millionen zur Flucht gezwungen. Doch der Alltag der Menschen in Deutschland ist trotz Friedens keineswegs eine Idylle. Ständig werden wir vom Leben herausgefordert. Sind wir bereit, anderen zu helfen? Es muss nicht gleich der gefährliche Beistand für Opfer von Gewalttätern sein. Es genügt, hilflose Menschen über die Straße zu führen, ihnen beim Einstieg in den Zug zur Seite zu stehen, Kinder und Fremde beim Lernen zu unterstützen.

Vor sechs Jahren hat der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg die Wehrpflicht ausgesetzt. Das war ein enormer gesellschaftspolitischer Fehler mit langfristigen Wirkungen. Ich spreche nicht von dem fehlenden Personal bei der Bundeswehr. Die jungen Männer und Frauen müssen auf dem Stellenmarkt teuer eingekauft werden. Es geht mir vielmehr um den Dienst aller jungen Menschen an der Gemeinschaft. Ja, aller. Männer und Frauen. Dies beschränkt sich keineswegs auf die Streitkräfte.

Wenn jemand meint, er könne nicht im Militär dienen, dann sollte man dies respektieren. Es gibt indessen genügend soziale Einrichtungen, die dringend Helfer brauchen. Vom Kindergarten über Krankenhäuser bis zu Pflegestationen. Diese gemeinnützigen Stätten sind alle auf Mitarbeiter angewiesen. Und umgekehrt ist es für die potenziellen Helfer eine bleibende Lehre, für andere da zu sein.

Das hat viel mit Mut zu tun. Zwar wurde der Wehrdienst ausgesetzt – und damit der Zivildienst. Doch freiwillig kann man den Menschen, die es nötig haben, weiterhin helfen – und damit sich selbst.

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