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Jugenfrei: Mutter und Enkelin

Meine Enkeltochter heißt Hannah. Am vergangenen Donnerstag kurz vor Mitternacht funkte mir mein Schwiegersohn aus Israel Bilder meiner Tochter Emily mit ihrem soeben geborenen Säugling. Am folgenden Morgen rief ich mein Kind an, um ihr zu gratulieren. Emily meinte, sie und ihr Mann hätten beschlossen, dem Mädchen den Namen Hannah zu geben.

Mir schossen die Tränen in die Augen. Meine Mutter wurde 1905 in Galizien, im Osten Österreich-Ungarns, geboren. Sie war das zehnte Kind der Malka Hauser-Schechter. Hannahs Leben glich einer Kette von Verlusten. Als sie vier Jahre alt war, starb ihr Vater Meir. Um den Lebensunterhalt zu bestreiten, war ihre Mutter Malka gezwungen, eine Schenke zu betreiben. 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Russland griff Österreich-Ungarn in Galizien an. Eine Granate schlug in den Keller des Hauses ein, in dem sich Malka Hauser mit ihren Tochter Esther, deren Mann und Kind sowie der kleinen Hannah aufhielten. Esther und ihre Familie waren auf der Stelle tot. Hannahs Haare brannten. Großmutter erstickte mit einem Kissen die Flammen.

Da die Not ständig zunahm, zog Malka Hauser 1918 bei Kriegsende mit Hannah nach Berlin, wo ihre älteste Schwester Sima mit ihrer Familie lebten. Dort beendete Hannah als beste Schülerin die Hauptschule. Doch ihrer Mutter fehlte das Geld, um ihrer klugen Tochter den Besuch einer höheren Schule zu ermöglichen. Stattdessen musste Hannah Geld als Textilarbeiterin verdienen. Wenige Jahre später erkrankte Malka Hauser. Hannah pflegte sie bis zu ihrem Tod im Februar 1924. Danach zog sie zu ihrer Schwester Sima Goldmann und deren Familie. Dort blieb Hannah nichts übrig als vor und nach ihrer Berufstätigkeit als unbezahltes Hausmädchen auszuhelfen. Während alle ihre Neffen das Gymnasium besuchten, schuftete Hannah in einer Textilwerkstatt und danach im Hause.

Ihre soziale Not trieb Hannah zur KPD. Sie glaubte, die Kommunisten würden die Werktätigen erlösen. Stattdessen entschied sich die Mehrheit der Bevölkerung Anfang der 30er Jahre für die Nazis. Hannah sah, wie Juden in der Öffentlichkeit misshandelt wurden. So floh sie 1934, ein Jahr nach der Machtübernahme der Nazis, nach Palästina. Doch dort herrschte die britische Mandatsmacht, die den Zuzug der Juden in ihre biblische Heimat streng begrenzte. Hannah musste sich illegal im Land aufhalten. Das bedeutete, ständig Angst zu haben. Denn wenn die Engländer sie fassten, würde sie nach Deutschland abgeschoben werden.

1940, ein Jahr nach Ausbruch des Krieges in Europa, verliebte sich Hannah in Ludwig Seligmann aus Bayern. Sie heirateten. Damit hatte die Illegalität für Hannah ein Ende. Sie und Ludwig lebten und arbeiteten in Tel Aviv. Endlich fand Hannah die Geborgenheit einer Familie. Bei Kriegsende erfuhr Hannah, dass alle ihre Angehörigen in Europa von den Nazis ermordet worden waren. Die Trauer um sie verdunkelte ihre Seele für den Rest ihrer Tage.

Zwei Jahre später wurde ich geboren. Mutter war bereits 42 Jahre alt. Sie klammerte sich mit aller Liebe an mich. Diese Zuneigung wärmte, doch gelegentlich war sie sehr beengend. Ludwig hatte beruflichen Erfolg als Angestellter. Aber Mutter drängte ihn zur Selbstständigkeit. Dabei scheiterte Ludwig. 1957 standen meine Eltern vor dem Nichts. Vater wollte wieder in seine deutsche Heimat zurückkehren. Hannah wehrte sich. Nie wieder wollte sie ins „Land der Mörder“. Doch die Not ließ keinen Ausweg. Meine Eltern kehrten nach Deutschland zurück.

Vater fand in München wieder Arbeit und Anerkennung. Doch Mutter blieb in ihren Ängsten gefangen. Sie übertrug ihre Furcht auf mich. Ständig warnte mich Hannah, ich würde scheitern. Das Leben sei grausam. Gegen Hannahs Ängste kam Ludwigs Zuversicht kaum an. Als Vater 1975 unversehens starb, verstärkte sich Mutters Schwermut. Sie mahnte mich, mein Studium abzubrechen und in einem „ordentlichen Beruf “ zu arbeiten. Wider ihrer Erwartung beendete ich mein Studium und lud Hannah zur feierlichen Verleihung meines Doktorats ein. So strahlend hatte ich sie noch nie erlebt. Es war, als ob alle Ängste und alle Trauer von ihr abgefallen wären. Ihr Rafi hatte es geschafft!

Ich wünsche meiner Enkelin Hannah, dass sie in ihrem Leben mehr Glück haben wird als meine Mutter, nach der sie benannt ist. Möge ihr Gott stets beistehen und die Mitmenschen ihr gewogen sein.

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