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Nicht alles wissen wollen

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Das Herrliche und zugleich Erschreckende an uns Menschen und an unserem Leben ist dessen vollständige Unberechenbarkeit. Wir wissen nie, was als Nächstes geschieht und wie sich unsere Mitmenschen verhalten werden. Versicherungsmathematiker sind in der Lage, präzise statistische Mittelwerte zu berechnen, doch was mit jedem Einzelnen von uns passiert, können sie nicht wissen. Liebe Leser, Sie ahnen, dass diese einleitenden Worte zu einem Geschehen führen, dessen Zeuge ich bin und das mich gegenwärtig seelisch beschäftigt und aufwühlt.

Unser Bekannter Simon war ein ungewöhnlich vitaler Mann. Der Enddreißiger besaß ein entschlossenes Auftreten, war geschäftlich erfolgreich, ein passionierter Segler und liebte es, Frauen und Männer mit seinem herben Charme für sich einzunehmen.

Auch mich. Vor zwei Jahren bot er mir an, mich in einer beruflichen Angelegenheit zu unterstützen. Seine Zuversicht war mitreißend, und so vereinbarten wir, nach den Weihnachtstagen unsere Pläne in die Tat umzusetzen. Zuvor wollte Simon noch einen Urlaub in China verbringen und danach einen kleinen chirurgischen Eingriff bei sich vornehmen lassen.

Als meine Frau und ich aus unseren Ferien heimkehrten, hörte ich, dass Simon noch im Krankenhaus weilte. Ich erfuhr, dass sich die Behandlung hinzog und Besuche unerwünscht waren. Erst nach Wochen sah ich ihn wieder. Er bat mich um Verständnis für sein zeitweiliges Abtauchen. Nach einigen Tagen trafen wir uns in einem Café, wo er mir von seinem Leidensweg berichtete. Der vermeintlich kleine Eingriff entpuppte sich als mehrstündige Operation.

Die Diagnose war niederschmetternd. Ein bösartiger Tumor mit einer Reihe von Tochtergeschwülsten. Die Nachbehandlungen zogen sich hin. Eine Chemotherapie folgte der nächsten. Nun war er auf Bewährung entlassen worden. Simon musste jeden zweiten Tag zur Chemotherapie ins Hospital.

Wie wurde er mit der Angst fertig, wollte ich wissen. „Ich hatte keine Angst, selbst als die Ärzte mir die Diagnose mitteilten. Ich bin kein ängstlicher Charakter. Ich fühle mich nicht niedergeschlagen oder unsicher. Doch die Behandlung nimmt mich körperlich sehr mit. Ich bin schwach“, berichtete mir Simon.

Wir versuchten, ihn so gut und weit wie möglich zu unterstützen. Vor allem seine Familie half ihm. Und es war eine Freude zu sehen, wie Simon langsam wieder zu Kräften kam. Wir begegneten uns jetzt häufiger. Eines Tages erzählte mir Simon, er habe wieder den Segelsport aufgenommen und „sogar schon eine kleine Regatta gewonnen“.

Er steckte voller Pläne. Doch als wir Monate später nach einem längeren Auslandsaufenthalt nach Hause kamen, erfuhren wir, dass der Tumor zurückgekehrt war. Komplikationen kamen hinzu. Die Behandlung musste ausgesetzt werden.

Ich besuche Simon gelegentlich. Er ist ruhig und versucht, Zuversicht auszustrahlen. Doch sein Blick straft seine Worte und Gesten Lügen. Simon weiß, dass seine Lebenszeit nach medizinischem Ermessen begrenzt ist. Diese Kenntnis verleiht ihm eine Melancholie. Er redet offen von dem Ende. Er hegt keine Zukunftspläne. Sein Wunsch ist, seinen Nächsten nicht zur Last zu fallen. Wir sprechen uns offen über alles aus. Doch der Tod ist ein ständiger Begleiter.

Das ist das Absurde an unserem Dasein. Wir alle verdrängen den Tod. Versuchen, fröhlich zu sein. Wollen nichts von unserem Ende wissen – obgleich es jeden Moment eintreten kann. Und Simon kann aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz wieder gesund werden. Wenn er mit meinem Hund Shomer spielt, dann verschwindet seine Traurigkeit. Wir müssen den Moment nutzen! Mehr weiß keiner von uns. Und das ist gut so.

Der Journalist und Historiker Rafael Seligmann veröffentlicht jeden Montag seine Kolumne, in der er über seine Erfahrungen im Alter schreibt. Frühere Kolumnen sind als Buch erschienen:
„Jugendfrei. Aus Erfahrung klug“,
Societäts-Verlag, 144 Seiten, 12,80 Euro.

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