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Jugendfrei: Nicht beschädigen!

Die jüngsten deutsch-israelischen Irritationen entsetzen mich. Denn beide Kulturen und Nationen sind untrennbar miteinander verbunden. Die Familie Seligmann kommt aus Bayern. Im Ersten Weltkrieg diente mein Großvater Isaak Raphael im bayerischen Heer. Dafür wurde er noch 1935 „im Namen des Führers und Reichskanzlers (Hitler)“ mit dem Verdienstkreuz für Frontkämpfer ausgezeichnet. Doch Großvater ließ sich nicht täuschen. Er kannte den Judenhass der Nazis, der sich in Parolen wie „Juda verrecke!“ äußerte. Er wusste, dass mein Vater Ludwig und sein Bruder Heiner bereits zwei Jahre zuvor im letzten Moment durch Flucht ins Ausland ihrer Verhaftung entgangen waren.

Daher wanderte Isaak Raphael mit Frau und ihren jüngeren Kindern rechtzeitig nach Palästina aus. Die übrigen Juden des Städtchens Ichenhausen dagegen vertrauten der deutschen Regierung. Bis auf einen wurden alle von den Nazis ermordet. Dennoch kehrte mein Vater Ludwig mit seiner Frau Hannah und mir 1957 in seine deutsche Heimat zurück. Damals war Antisemitismus in Deutschland noch weit verbreitet. Josef Mengele, der sadistische Judenmörder von Auschwitz, konnte dank der Deckung der Behörden wiederholt Günzburg, die Nachbarstadt Ichenhausens, besuchen.

Ab Anfang der 60er Jahre verbesserten sich die deutsch-jüdischen Beziehungen merklich. Ein Grund war, dass 1966 Israel und Deutschland diplomatische Beziehungen aufnahmen. Es gab vermehrten Jugendaustausch; Wissenschaftler, Touristen, Politiker besuchten einander. Die Menschen lernten sich besser kennen und schätzen. Israel wurde allmählich in Deutschland populär.

Im Laufe der Jahre aber nahm die Kritik an Israel zu. Vielen missfiel die Besetzung arabischer Gebiete nach dem Krieg von 1967 durch Israel. In den 80er Jahren stritten sich Israels Ministerpräsident Menachem Begin und der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt über beabsichtigte deutsche Waffenlieferungen in arabische Staaten. Davon abgesehen verbesserte sich das Verhältnis zwischen beiden Ländern stetig. Deutschland ist heute nach den USA das beliebteste Land in Israel. Bundeskanzlerin Merkel erklärte 2008 vor dem israelischen Parlament, Israels Sicherheit sei deutsches Interesse, darüber werde man nicht verhandeln.

Deutsch-israelische Regierungskonsultationen wurden vereinbart. Einmal jährlich trafen sich beide Ministerrunden, um die Beziehungen zwischen beiden Staaten auszubauen. Gleichzeitig kritisierte Berlin die israelische Besatzungspolitik immer schärfer. Das ist legitim. Unter befreundeten Regierungen ist Offenheit angebracht. Doch dass der Inhalt der deutschen Zurechtweisungen in den vertraulichen Gesprächen von deutscher Seite her die Presse gelangte, wurde in Israel moniert.

Vor Monaten sagte Bundeskanzlerin Merkel erstmals die deutsch-israelischen Regierungsgespräche ab. Begründung: Terminschwierigkeiten. Die deutsche Seite machte jedoch deutlich, dass dies Ausdruck der Kritik an Plänen für neue jüdische Siedlungen in den besetzten Gebieten ist.

Vergangene Woche reiste Sigmar Gabriel nach Israel. Gabriel ist wie kein deutscher Außenminister vor ihm dem jüdischen Staat zugetan. Bei seinem Besuch wollte Gabriel unter anderem mit Vertretern israelischer Bürgerrechtsorganisationen zusammenkommen, die die israelische Besatzungspolitik scharf verurteilen. Sie werfen der israelischen Armee Kriegsverbrechen vor. Daher versuchte Jerusalem, ein Treffen Gabriels mit diesen Organisationen zu verhindern, zumindest auch andere Gruppen daran zu beteiligen.

Der deutsche Außenminister ist frei, jeden zu treffen, den er mag. Israel ist eine Demokratie. Dass Regierungschef Netanjahu das Treffen mit Gabriel absagte, war unklug. Denn in einem offenen Gespräch hätte er die Haltung seiner Regierung deutlich machen müssen. Diplomatie muss diskret sein. Es steht zu viel auf dem Spiel. Das deutsch-jüdisch-israelische Verhältnis zuvorderst. Es darf unter keinen Umständen beschädigt werden.

(sel)
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