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Kolumne: Trump als Chance?

Bewirkt Donald Trump auch Gutes? Spätestens seit der Amtseinführung des New Yorkers gilt es als chic, ihn als eine Mischung aus Dracula und Schwachkopf darzustellen. Diese Charakterisierung ist oberflächlich. Dummheit genügt nicht, um ein Milliardenvermögen zu verdienen und um zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt zu werden. Wenn sogenannte Experten behaupten, Trumps Aufmerksamkeitsspanne betrage maximal zwei Minuten, dann halten sie ihr Publikum für dumm oder sie haben keine Ahnung, worüber sie reden. Wer selbst öffentlich geredet hat, ein Interview gegeben oder einer Pressekonferenz beigewohnt hat, weiß, welch hohe Konzentration dies erfordert.

Rafael Seligmann Bild-Zoom
Rafael Seligmann

Anderseits tut Donald Trump fortwährend Dinge, die nicht „normal“ sind. Unter seiner Führung haben die USA das Pariser Klima-Abkommen zur Begrenzung der Umweltschäden gekündigt. Donald Trump beschimpft langjährige Verbündete der Vereinigten Staaten wie Großbritannien. Die Europäische Union bezeichnet er als Gegner, gar als Feind. Dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un dagegen bescheinigte Trump, ein feiner und kluger Mann zu sein, nachdem er ihn zuvor ein Monster genannt und ihm mit einem atomaren Krieg gedroht hatte.

Das iranische Regime bezeichnet der amerikanische Präsident als Übel und den Vertrag über eine atomare Begrenzung der ständigen Sicherheitsratsmitglieder plus Deutschland mit Teheran klassifizierte Trump als „schlechtesten Deal aller Zeiten“.

Der US-Präsident zögert nicht, einen Handelskrieg mit China zu entfachen und droht zugleich der EU mit einer ähnlichen Auseinandersetzung. An der Grenze zum südlichen Nachbarn Mexiko möchte Trump eine viertausend Kilometer lange Mauer bauen. Den Worten des autoritären russischen Präsidenten und Krim-Besetzers Putin traut der amerikanische Präsident offenbar eher als den eigenen Geheimdiensten.

Diese und andere verstörende Umstände sollten jedoch nicht vergessen lassen, dass der amerikanische Präsident eine Reihe vermeintlicher Gewissheiten hinterfragt, auf offensichtliche Fehler hinweist und neue Wege zu gehen bereit ist, die bedenkenswert sind. Jahrzehntelang haben die Vereinigten Staaten die Freiheit Westeuropas garantiert. Ohne den Beistand Washingtons hätten die Osteuropäer sowie die Ostdeutschen Anfang der neunziger Jahre ihre Freiheit nicht wieder erlangt.

Doch kaum war die Bedrohung durch Russland anscheinend für immer abgewendet, schraubten die Europäer ihre Verteidigungsausgaben drastisch zurück. Besonders die Deutschen taten sich mit dieser „Friedensmaßnahme“ hervor. Man sprach von westlicher Solidarität. Im Ergebnis aber zahlten die Amerikaner pro Kopf dreimal soviel für Verteidigung wie die meisten Europäer. Trumps Worte sind drastisch, doch in der Sache hat er recht, wenn er die Europäer, vor allem die wohlhabenden Deutschen, auffordert, doch bitte mehr Geld für ihre Verteidigung auszugeben.

Das amerikanische Handelsdefizit gegenüber China beträgt jährlich 500 Milliarden Dollar. Peking begrenzt die Rechte fremder Investoren, fordert selbst jedoch unbegrenzten Zugang zu ausländischen Märkten. Selbst im Handel mit der EU werden die Amerikaner teilweise bis heute benachteiligt. Iran wiederum nutzt das Kernwaffenabkommen als Vehikel, um seine Nachbarn zu bedrohen, statt abzurüsten.

Donald Trump benimmt sich mitunter wie ein Marktschreier. Seine harsche Art verletzt die Konventionen und zerstört Erbhöfe. Doch Zerstörung kann durchaus kreativ sein und neue Chancen eröffnen.Die Beteiligten werden auf diese Weise gezwungen, alte Regeln zu überprüfen und der neuen Zeit anzupassen. Europa wird enger zusammenrücken müssen. Und Trump muss lernen, Gegebenheiten zu berücksichtigen und Allianzen zu pflegen. Sonst erleidet er in den USA und weltweit Schiffbruch.

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