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Vaters Bescheidenheit

Dieser Tage, am 1. Februar, wäre mein Vater Ludwig 110 Jahre alt geworden. Wie fast jeder Junge habe ich meinen Vater geliebt, trotz gelegentlichem Streit vor allem während meiner Pubertät. Und seit er 1975 plötzlich starb, vermisse ich ihn von Jahr zu Jahr immer stärker. Ludwig besaß ein Naturell, das ihn zufrieden mit seinem Dasein stimmte und seinen Mitmenschen Freude bereitete. Vaters Lebensbejahung war ihm in die Wiege gelegt. In seiner Gegenwart fühlten sich die meisten Menschen wohl. Er spürte, wenn es jemanden schlecht ging. Dann kümmerte er sich ohne zu zögern und ohne Aufhebens um die Bedrückten. Zumeist konnte er sie trösten.

Ludwigs Leben war wie das seiner Generationsangehörigen, die anfangs des 20. Jahrhunderts geboren wurden, durch die Zeitumstände manchen Schicksalsschlägen ausgesetzt. Als Junge erlebte er in der schwäbischen Kleinstadt Ichenhausen bewusst den Ersten Weltkrieg. Ende 1918 kehrte sein Vater Raphael nach vier Jahre an der Front als seelisch gebrochener Mann zurück.

Die Not der Inflation von 1923 nötigte seine Eltern, Ludwig vom Gymnasium zu nehmen, damit er als 16-Jähriger mithelfen konnte, seine Familie zu ernähren. Ein Jahrzehnt später war Ludwig gezwungen, aus seiner nunmehr von den Nazis regierten deutschen Heimat nach Frankreich zu fliehen. Im Elsass verdingte er sich als Knecht, ehe er erneut gezwungen war, sich einen anderen Fluchtort zu suchen. Vater landete in dem damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina, dem späteren Israel. In dem armen Land musste er sich durch harte Arbeit eine Existenz aufbauen. Daneben ernährte Ludwig auch seine ebenfalls nach Palästina geflohenen Eltern. Doch dem rauen Pionierland Israel war Vater nicht gewachsen. Immer wieder scheiterte er an der harschen israelischen Mentalität. Schließlich kehrte unsere Familie vor 60 Jahren nach Deutschland zurück. Vater war froh, wieder in seiner Heimat zu leben. Doch gleichzeitig gestand er sich ein, dass er in Israel gescheitert war.

„Ich war nicht stark genug für das schwierige Leben dort “, sagte mir Vater eines Abends unvermittelt. Damals begann ich nach meiner Lehre mit meinem Studium. „Aber du hast einen härteren Willen als ich. Du wirst die Herausforderungen des Lebens besser bewältigen als ich.“ Als er mir dies aussprach, wurde seine Stimme rau und ich sah Tränen in seinen Augenwinkeln glitzern. Auch ich war gerührt. Viele meiner Freunde klagten über ihre Väter, die sie als Vehikel ihres eigenen Ehrgeizes benutzten und damit vielfach überforderten. Ludwig dagegen hat mich nie angetrieben. Er liebte mich ohne Bedingungen.

Erst als erwachsener Mann war ich fähig, das Wesen von Vaters Zufriedenheit und seiner Beliebtheit vollständig zu begreifen.

Ludwig stellte keine überspannten Ziele an sich, daher erwartete er auch von niemand anderem Außerordentliches.

Ich selbst habe diese Bescheidenheit nie vollständig erreicht. Oftmals ließ ich mich von meinem Ehrgeiz steuern. Selbst wenn ich Erfolg hatte, gab ich mich nicht immer damit zufrieden. Ich setzte mir neue Ziele. Warum bin ich Vater nie gefolgt? Eine Ursache war wohl, dass meine Mutter Hannah immer etwas an meinem Tun auszusetzen hatte.

Vater dagegen wurde von seiner Mutter bedingungslos geliebt. So wie Vater mich liebte. Ludwig hatte einen glücklichen Charakter.

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