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Jugendfrei: Warten und Hoffen

Während Sie diese Kolumne lesen, kennen Sie bereits das Ergebnis der französischen Präsidentschaftswahlen. Im Gegensatz zu mir. Ich schreibe diese Kolumne am Freitag und warte daher noch voller Spannung auf das Abstimmungsresultat in unserem Nachbarland. Denn vom Votum der Franzosen hängt die Zukunft Europas und damit unser aller Wohl ab. Das Warten ist ein Zustand, den wir alle hassen – zumal wenn wir auf eine wichtige Entscheidung warten.

Bereits als Kind lernte ich den unangenehmen Zustand des Wartens kennen – und fürchten. Wenn meine Mutter nachmittags für einige Stunden zur Arbeit ging, musste ich zumeist alleine zu Hause bleiben. Es war langweilig. Allzu gerne hätte ich Hannah daheim gehabt, um mit ihr zu schwatzen oder zu spielen. Da das Nichtstun unangenehm war, lernte ich, mich mit Spielen zu beschäftigen. Schließlich fing ich eines Tages eine streunende Schildkröte und besaß fortan auch als Einzelkind einen Spielkameraden. Doch abends wurde das Panzertier schläfrig. So nutzte ich als Fünfjähriger zwangsläufig die Zeit, um die Ziffern der Uhr zu begreifen. Fortan konnte ich am Verlauf des kleinen Zeigers erkennen, wie lange es noch dauerte, bis meine Mutter nach sieben wieder bei mir sein würde.

Doch bald begriff ich, dass ich nicht immer in der Lage war, die Zeit des Wartens selbst zu bestimmen. Das Ausgeliefertsein lernte ich während meiner Kinderkrankheiten kennen. Mutter und ich mussten tatenlos auf den Arzt warten. Ich hatte Fieber und Schmerzen. Hannahs gesungene Kinderlieder halfen dagegen wenig. Noch schlimmer war es im Krankenhaus. Besonders arg war, dass ich nicht wusste, wie lange ich krank und damit im fremden Hospital bleiben musste. Vor allem nachts. Da hatte ich Angst und litt unter Sehnsucht nach meinen Eltern. Im Laufe meines Lebens lernte ich, dass die Zeit des Wartens auf die Genesung eine der schlimmsten Prüfungen ist. Denn als Erwachsener begreift man: Es ist keineswegs zwangsläufig, von Leiden zu genesen. Dann müssen anstelle des Wartens die Geduld und die Hoffnung treten.

Doch die Hoffnung braucht Nahrung. Eine davon ist der Glaube. Doch Glauben kann man nicht befehlen. Man sollte „nur“ verstehen, dass nicht alles in der Hand des Menschen liegt, und auf Gott vertrauen. Darauf vertrauen und hoffen, dass es einen lieben Gott gibt, fällt jedem gelegentlich nicht leicht. Doch ob man glaubt oder nicht – eine Voraussetzung für menschliches Leben in Würde ist die Fähigkeit zu hoffen. Durch Hoffnung wird das Dasein erträglich, ja schön. Hoffnung sollte unser ständiger Begleiter sein. Selbst wenn die Lage ausweglos erscheint. Ich erinnere mich noch an das Grubenunglück von Lengede. Am 24. Oktober 1963 wurden Dutzende Bergleute verschüttet. Nach einigen Tagen gelang es, drei Kumpel in einer aufwendigen Bergungsaktion zu retten. Die Bergwerksleitung ging danach von 40 Toten aus. Man stellte die Bergungsarbeiten ein.

Doch die Angehörigen der vermissten Kumpels gaben die Hoffnung nicht auf. Tatsächlich verharrten unter der Erde noch elf Bergleute. Sie hatten keine Verbindung zur Außenwelt und fast nichts mehr zu essen. Die Tage verstrichen. Doch die Männer klammerten sich an die Hoffnung, dennoch gefunden zu werden. Und tatsächlich geschah das „Wunder von Lengede“. Nach zwei Wochen wurden die Vermissten geborgen.

Quälendes Warten und Verzweiflung lassen sich nur mit Hoffnung überstehen. Ich hoffe auf einen Sieg der Vernunft und der Menschlichkeit in Frankreich.

(sel)
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