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Kolumne: pias Potpourri

Die Gluthitze dauert Ihnen schon viel zu lange? Keine Sorge. An allerhöchster Stelle kümmert man sich bereits um dieses Problem. Denn der Sommer wird von der Europäischen Union schon sehr bald abgeschafft.

Die Gluthitze dauert Ihnen schon viel zu lange? Keine Sorge. An allerhöchster Stelle kümmert man sich bereits um dieses Problem. Denn der Sommer wird von der Europäischen Union schon sehr bald abgeschafft.

Na gut, eigentlich will die EU die Bürger nur über die Sommerzeit abstimmen lassen – nach den krummen Gurken bekanntlich das größte Problem des Abendlandes. Aber das Übel muss endlich mal an der Wurzel gepackt werden – und ohne Sommer wäre die Sommerzeit schließlich gar nicht nötig. Ohnehin hat diese Jahreszeit ihre Alleinstellungsmerkmale, ihre „Unique Selling Points“, ja schon verloren. Nicht nur bei Waldbränden , sondern auch bei der großen Koalition brennt inzwischen ständig die Hütte. Und auf Grund des Klimawandels ist es fast ganzjährig warm und zu trocken. Wo es früher hieß: „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“ muss es jetzt heißen „Eine Mücke macht noch keine Pfütze.“

Daher dehnt sich der Sommer inzwischen so weit ins Unendliche aus wie die Amtszeit von Recep Tayyip Erdogan , der seit der jüngsten Wahl und Verfassungsänderung inzwischen fast alle Gewalten in seiner Person vereint. Das gilt im pingeligen Europa gleich wieder als Einschränkung der Demokratie – deswegen verließ Erdogan-Groupie Mesut Özil nach einem moralischen Scharmützel die Fußball-Nationalmannschaft. Denn Moral wird im Sport sehr hoch gehalten! So dürfen zwischen Doping, Korruption, Millionengeschäften und Weltmeisterschaften in autoritären Staaten nicht auch noch Diktatoren bekuschelt werden. Denn die tragen selten ein Trikot mit richtigem Werbelogo.

Dennoch hat Erdogans Dauerherrschaft auch einen sehr romantischen Aspekt. Schließlich vermittelt der Alleinherrscher seinem Volk immer wieder: „Wähle mich, als wäre es das erste Mal.“

Wie lange das erste Mal von CSU-Chef Horst Seehofer zurückliegt, können unterdessen selbst Prähistoriker nicht mehr herausfinden. Gemeint ist natürlich: Das erste Mal, als er Bundeskanzlerin Angela Merkel angriff. Diese sagte zum brandgefährlichen Sommerstreit auf der thematisch ausgedörrten Politikbühne: „Die Tonalität war sehr schroff.“ Und Deutsche aus Nord und Nordost wissen: Dieser Seitenhieb ist das brandenburgische Äquivalent zur sizilianischen Vendetta.

Aber um jegliches Seehofer-Mobbing zu vermeiden, müssen folgende Irrtümer klargestellt werden, bevor sie entstehen können. Erstens: Bei der gerade verbotenen Organisation handelt es sich nicht um eine CSU-Ortsgruppe namens Ismaning Germania, sondern um die Rockergruppe Osmanen Germania . Und zweitens: Das gefährliche Wesen, das im Untergrund lauert und fast täglich das Sommerloch füllt, ist mitnichten Horst Seehofer. Sondern der Killerwels von Offenbach. Insgesamt aber haben Sommerloch-Tiere gegen unberechenbare Politiker leider kaum noch Chancen. Wer kann schon wohlig gruselnd einen Kaiman im Badesee fürchten, wenn der auf einem Gipfel ausgesetzte US-Präsident Donald Trump nach dem Weltfrieden schnappt? Natürlich ist seine Aggression verständlich. Schließlich haben feindliche Kommunisten an einem Abend einen Werbebanner über dem Erdtrabanten aufgehängt und Menschen damit weltweit fasziniert. Fake-News-Astronomen verharmlosten das allerdings als Blutmond .

Der Sommer hat sich also bisher nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Daher sollte er freiwillig zurücktreten und statt der Sommerzeit die Flexi-Zeit eingeführt werden. Dann sind Verspätungen für Zeit-Flexitarier endgültig Ansichtssache und Erstattungen von Bahn oder Fluggesellschaften obsolet.

Was aber wird, wenn Sommer und Sommerloch wegfallen, mit den rituellen Sinnlosdebatten? Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hat da glücklicherweise eine Alternative. Er will dafür sorgen, dass Bürger bald mit einer Smartphone-App Funklöcher melden können. Dann ist jeder in der Lage, das zu tun, was Politiker bisher im Sommerloch machen: Einfach in der Funkstille mal etwas lossenden – und wenn es nicht ankommt, fühlt man sich im Recht.

(rolfs)

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