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Kolumne "Sprechstunde": Das Gehirn erneuert sich

Von Schon die Vorstellung, dass unser Körper sich ein Leben lang verändern kann und man sich beispielsweise durch Engpassdehnungen wieder Bewegungsfähigkeiten antrainieren kann, die anscheinend verloren sind, fällt vielen Menschen schwer.

Nur Patienten, die beginnen, diese Übungen regelmäßig zu absolvieren, merken, dass es tatsächlich geht: Der Körper funktioniert besser, Schmerzen verschwinden, Bewegungen gehen leichter, es fühlt sich jünger an. Aber wie ist das mit dem Gehirn? Das Sprichwort „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ ist für die meisten Fakt. Und wenn jemand nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt ist und bleibt, dann hält man das für relativ unabänderlich. Und beide Überzeugungen bestätigen sich ja auch, von Ausnahmen abgesehen. Älteren fällt das Lernen immer schwerer und Schlaganfallpatienten sind meist dauerhaft eingeschränkt. Sind diese Parallelen nicht interessant? Ob Körper oder Gehirn – je älter, desto unfähiger und eingeschränkter. Die meisten halten das für unabwendbar.

Aber jetzt die gute Nachricht: Biologisch gesehen sind beide „Altersentwicklungen“ unnötig – zumindest längst nicht in diesem Ausmaß, in dieser erschreckenden Intensität, in der wir bei den meisten Menschen erleben, dass sie mit zunehmendem Alter immer mehr unter Schmerzen leiden, sich immer weniger bewegen können. Und dass Sie parallel dazu immer vergesslicher werden, das Denken und Konzentrieren immer schwerer fällt und Sie schlimmstenfalls dement werden. Sie müssen wissen: Auch Ihr Gehirn ist bis ans Lebensende lernfähig und verändert sich so wie Sie es durch Training anregen. Man nennt das „Neuroplastizität“. Die Überzeugung, das Gehirn würde in der Jugend die Verknüpfungen festlegen, und gewisse Gehirnfunktionen wären unwiederbringlich verloren, wenn diese Regionen durch einen Unfall oder Hirnschlag zerstört sind, hat sich als fataler Irrtum erwiesen.

Um Ihnen die volle Bedeutung dieser Tatsache zu vermitteln: Die Neuroplastizität geht so weit, dass sich sogar die Gehirne von Schlaganfallpatienten auch bei massiven Einschränkungen mit geeigneten Mitteln so umstrukturieren lassen, dass gute Chancen bestehen große Teile der Beweglichkeit und anderer Defizite wieder herstellen zu können. Hintergrund ist die erforschte Erkenntnis, dass letztlich nicht die zerstörten Gehirnregionen eine Genesung verhindern, sondern „Schockprogramme“ des Schlaganfalls, die danach nicht mehr abgebaut werden. Fast ehrfurchtsvoll muss ich erkennen, dass in unserem Spezialgebiet – der Schmerzentstehung – ganz ähnliche Vorgänge ablaufen.

(pbr)
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