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Zu wenige suchen Hilfe: 17 500 Frankfurter betroffen: Alarm-Krankheit Alkoholsucht

Man redet nicht darüber, man stempelt Alkoholkranke als charakterschwach ab. Das ist falsch und fatal. Patienten, Pfleger und Ärzte im Agaplesion Markus Krankenhaus klären auf.
Oberärztin Sonja Thiemann (von links), Krankenpfleger Vincent Franke und Chefarzt Christoph Fehr mit einem Patienten im Gespräch. Foto: Leonhard Hamerski Oberärztin Sonja Thiemann (von links), Krankenpfleger Vincent Franke und Chefarzt Christoph Fehr mit einem Patienten im Gespräch.
Frankfurt. 

Hollywood-Star und Oscar-Preisträger Ben Affleck (44) hat seinen 1,3 Millionen Fans auf Facebook geschrieben: „Ich habe eine Therapie für Alkoholsucht abgeschlossen.“ Ein mutiger Schritt, den nicht viele wählen. Die meisten der 17 500 Alkoholkranken in Frankfurt tarnen und verstecken sich aus Angst vor Mobbing. „Die Behandlungsquote ist viel zu gering“, sagt Dr. Christoph Fehr (47), Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Agaplesion Markus Krankenhaus, frustriert. „Selbst Hausärzte tun die Krankheit oft als Willensschwäche ab.“

Kampf gegen Vorurteile

Fehr hat zum Thema „Ursachen der Alkoholerkrankung“ habilitiert und kämpft täglich mit Vorurteilen. „Alkoholismus setzt sich aus Anlage und Umweltfaktoren zusammen.“ Bei Diabetes würden 60 Prozent der Erkrankten behandelt, bei Alkohol weniger als 20 Prozent. „Das ist schlimm und die Alkoholpolitik in Deutschland ist lax. Das funktioniert in Schweden besser. Da gibt es keine Werbung.“ Während hier im Durchschnitt 10,5 Liter reiner Alkohol pro Kopf im Jahr getrunken würden – das sind etwa 220 Liter Bier – seien es in Schweden acht Liter reiner Alkohol pro Kopf. „Das Komasaufen Jugendlicher in Deutschland hat sich in den vergangenen 15 Jahren verdoppelt von 10 000 auf 20 000 Fälle, auch wenn es seit fünf Jahren stabil bleibt“, sagt der Fachmann, der sich täglich mit Süchtigen befasst.

Auf Station 32 A wird entgiftet und therapiert. An dem hellen Flur mit Pflanzen und orangenen Farbtupfern an der Wand reihen sich Zweibettzimmer mit Blick auf den Ginnheimer Spargel oder in den Park. Sitzgruppen, Bibliothek und ein Fernseher stehen den Patienten zur Verfügung. „Alkoholentzug ist der gefährlichste Drogenentzug überhaupt“, sagt Fehr. Krämpfe drohen, Erbrechen, Ersticken oder Delirium. Medikamente helfen den bis zu 20 Patienten dabei, dass keine dieser Symptome auftreten, sie werden rund um die Uhr beobachtet. Thomas G. (58) ist einer von ihnen. Seit zwei Wochen ist der Angestellte hier, bereits entgiftet und psychologisch gestärkt. „Das darf keiner wissen, dass ich hier bin, sonst wird bei der Arbeit böse geredet“, sagt er und greift zu einem Glas Wasser.

Wodka statt Wasser

„Dieser Rausch, der früher schon mit zwei Bier da war, den wollte ich immer wieder. Das ging irgendwann nicht mehr. Aus Bier wurde Wein, daraus Schnaps. Am Bett stand bei mir Wodka statt Wasser und meine Traurigkeit wurde immer größer. Im Job habe ich geschauspielert – das können alle Alkoholiker. Und zu Hause habe ich geweint“, sagt der muskulöse Mann und es treten ihm Tränen in die grünen Augen. „Nie mehr Suff. Das ist zu schlimm, das Herz wird so schwer, dass man gar nicht mehr leben will. Ich werde mich wieder eingliedern lassen, die Selbsthilfegruppe ,Treffpunkt’ im Haus jeden Mittwoch besuchen und mich nicht mehr aus der Bahn bringen lassen, obwohl da schon der Geruch von Alkohol oder ein leeres Glas im Schrank ausreichen kann.“

Oberärztin Dr. Sonja Thiemann(40) und Pfleger Vincent Franke (27) begleiten ihn ebenfalls. Der körperliche Entzug dauert bis zu einer Woche, danach wird stabilisiert, Struktur ins Leben gebracht. Gespräche, Aktivitäten, Spaziergänge, Austausch mit anderen folgen. „Alkoholsucht zeigt das ungeschönte Leben. Jeder Beruf, jedes Alter und jede Herkunft ist dabei. Jeder Patient mit seiner ganz eigenen Geschichte“, sind sie sich einig. Vom Jugendlichen bis zum 92-Jährigen reiche die Bandbreite. „Es ist schön, ihnen zu helfen und sie wieder in ein zufriedenes Leben zu führen.“ Rückfälle gebe es durchaus, auch das gehöre zum Krankheitsbild. Stolz ist das Team darauf, dass ihre Patienten nach Entzug und Entwöhnungstherapie zu 45 Prozent den Kampf gegen den Alkohol gewinnen. „Jeder kann alkoholkrank werden. Am meisten gefährdet sind die, die am meisten vertragen“, so Fehr.

Regelmäßige Treffen

Am Dienstag, 21. März, können sich Betroffene und Angehörige von 13 – 18 Uhr bei der Veranstaltung „Integrierte Suchthilfe“ in der Aula, Haus F, im Agaplesion Markus Krankenhaus, Wilhelm-Epstein-Straße 4, über Hilfe und Selbsthilfe in ganz Frankfurt und Umgebung informieren.

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