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Frankfurter Weg: 20 Jahre Fixerstube in Frankfurt: Ein Rückblick

Von Vor 20 Jahren wurde in Frankfurt der erste Drogenkonsumraum Deutschlands eröffnet. Heute gelten die anfangs umstrittenen Einrichtungen als unverzichtbar für die Suchthilfe.
»Eine wichtige Kämpferin für die Druckräume war Petra Roth«, sagt Wolfgang Barth. Der Veteran der Frankfurter Suchthilfe leitet den Drogenotdienst in der Elbestraße 38 im Bahnhofsviertel. HIer steht er in einem der Konsumräume.	Fotos: Chris Christes Bilder > »Eine wichtige Kämpferin für die Druckräume war Petra Roth«, sagt Wolfgang Barth. Der Veteran der Frankfurter Suchthilfe leitet den Drogenotdienst in der Elbestraße 38 im Bahnhofsviertel. HIer steht er in einem der Konsumräume. Fotos: Chris Christes
Frankfurt. 

Neulich hatte Wolfgang Barth mal wieder Besuch. Vier Politiker aus dem bayerischen Landtag kamen ins Frankfurter Bahnhofsviertel, um sich über die Arbeit des Drogennotdienstes in der Elbestraße 38 zu informieren. Barth ist Leiter der Einrichtung, zu der auch ein Drogenkonsumraum gehört. In dem gekachelten Zimmer, das der Volksmund schlicht „Drückerstube“ nennt, können sich bis zu zehn Drogenabhängige unter hygienischen Bedingungen Rauschgift spritzen. Die Utensilien, die sie brauchen, erhalten sie am Eingang: Spritze, Kanüle, Löffel, Tupfer, Kochsalzlösung, Ascorbinsäure.

 

Zahl der Toten gesunken

 

Die bayerischen Gesundheits- und Sozialpolitiker wollten der Frage nachgehen, ob ein Drogenkonsumraum auch in München und anderen Kommunen des Freistaats sinnvoll sein könnte. Dass sich Entscheidungsträger von auswärts für die als „Frankfurter Weg“ bekannte Drogenpolitik der Stadt interessieren, ist nach Barths Auskunft keine Seltenheit. Das Konzept, das auf den Säulen Prävention, Therapie, Überlebenshilfe und Repression fußt, hat sich zu einem Exportschlager entwickelt. Die anfangs umstrittenen „Drückerstuben“ gelten als wesentlicher Bestandteil.

Um den Erfolg des „Frankfurter Weges“ zu verdeutlichen, verweist Barth auf die offene Drogenszene der 1980er und frühen 90er Jahre: Damals hätten sich zwischen Hauptbahnhof und Taunusanlage täglich 600 bis 1000 Menschen aufgehalten, die öffentlich Rauschgift konsumierten.

Die Zahl der Drogentoten habe 1992 einen Höchststand erreicht: 147 Menschen seien an den Folgen gefährlichen Konsums gestorben. „In dieser Situation hat die Stadt die Entscheidung für die Auflösung der Drogenszene getroffen“, sagt Barth. „Die Maßnahme wurde mit großer Polizeipräsenz umgesetzt.“

Der Plan, die Junkies in Einrichtungen wie eine neue Substitutionsambulanz in der Elbestraße zu schicken und so dem System der Suchthilfe zuzuführen, ging nach Barths Worten zwar in vielen Fällen auf. „Allerdings taten die Leute dort genau das, was sie zuvor in der Öffentlichkeit praktizierten.“ Sie spritzten sich Rauschgift, „im Treppenhaus, auf der Toilette, im Hof und auch wieder auf dem Bürgersteig“. Die Mitarbeiter der Einrichtung hätten dann aus der praktischen Arbeit heraus die Notwendigkeit erkannt, Räume für den Drogenkonsum einzurichten.

„Eine wichtige Kämpferin für die Druckräume war Petra Roth“, erinnert sich Barth. Obwohl der politische Widerstand auf Bundesebene „immens“ gewesen sei, habe sie sich letztlich durchgesetzt. Auf kommunaler Ebene sei es gelungen, eine Allianz aus Polizei, Justiz, Politik und Drogenhilfe zu schmieden, so dass im Dezember 1994 mit dem „Eastside“ in der Schielestraße (Ostend) der erste Konsumraum eröffnet werden konnte. Im Mai und September des Folgejahres gingen das „La Strada“ in der Mainzer Landstraße und der „Druckraum“ in der Niddastraße an den Start. Im August 1996 folgte schließlich der Konsumraum des „Drogennotdiensts“ in der Elbestraße.

Das städtische Drogenreferat berichtet auf Nachfrage, dass in den vier Druckräumen mit insgesamt 37 Plätzen im Jahr 2013 mehr als 191 700 Konsumvorgänge gezählt worden seien. 85 Prozent der fast 4470 Nutzer seien Männer gewesen. Barth sagt, dass der Konsum unter hygienischen Bedingungen dem Gesundheitsschutz diene: Früher sei der Tausch von Spritzen in der Drogenszene gang und gäbe gewesen, so dass es in großem Stil zu Infektionen, etwa mit HIV, kam. Als „niedrigschwellige Angebote“ hätten die Druckräume aber auch die Funktion, Konsumenten mit dem System der Drogenhilfe in Kontakt zu bringen. Oft würden Nutzer in andere Angebote weitervermittelt.

 

Nachbarn beklagen sich

 

Heroin sei nach wie vor das am häufigsten genommene Rauschmittel im Bahnhofsviertel, sagt Barth. Es folgten Crack und Medikamente. Die synthetische Droge „Crystal Meth“ spiele im Bahnhofsviertel aktuell keine Rolle, „weil der Zugriff auf Heroin und Crack gewährleistet ist“. Der „Drogennotdienst“ hat auch einen Raum zum Rauchen von Crack, den einzigen in Frankfurt. Barth betont, dass die Konsumräume nur ein Baustein des „Frankfurter Wegs“ seien. Die Substitutionsambulanzen und alle weiteren ambulanten und stationären Angebote seien ebenfalls sehr wichtig.

Nachbarn der Konsumräume beschweren sich immer wieder über größere Gruppen von Junkies auf der Straße. Barth nimmt das ernst. Ihm ist es wichtig, solche Probleme nicht totzuschweigen, und mit Kritikern im Gespräch zu sein. Eine gewisse Rolle bei den Beschwerden spiele der Alkohol in der Rauschgiftszene. „Früher war es unter Konsumenten illegaler Drogen verpönt, Alkohol zu trinken. Inzwischen hat der Mischkonsum aber stark zugenommen. Viele unserer Klienten stehen tagsüber mit einer Bierflasche auf der Straße.“

Barth betont aber, dass sich die Situation im Bahnhofsviertel in den vergangenen 20 Jahren „deutlich verbessert“ habe. In Frankfurt versorgen sich etwa zwischen 8000 und 10 000 Personen aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet mit illegalen Drogen; die Zahl derer, die pro Tag im Bahnhofsviertel unterwegs seien, liege derzeit bei 300 bis 400. „Auf der Straße konsumieren die wenigsten von ihnen, weil es die vier Druckräume gibt.“

Ein Fall aus seinen Jahrzehnten in der Suchthilfe hat Wolfgang Barth übrigens besonders beeindruckt: Steffi, eine junge Frau, die sich heroinabhängig auf der Szene aufhielt und über die Suchthilfe den Ausstieg schaffte. „Steffi holte ihre Mittlere Reife und das Abitur nach und schrieb sich an der Fachhochschule für Soziale Arbeit ein. Kurz darauf war sie tot.“

Obwohl Steffi von den Drogen losgekommen war, hatte ihr Körper nicht mehr mitgemacht – vielleicht eine Folge des jahrelangen Konsums.

Steffis Geschichte ist zwar sehr traurig, motiviert Barth aber immer wieder: „Sie zeigt, dass der Ausstieg aus der Drogenszene möglich ist, wenn jemand fest daran glaubt, dass er ihn schaffen kann und wir ihm helfen, diesen Weg zu beschreiten.“

 

Unsere zweiteilige Serie über Drogenkonsumräume setzen wir morgen fort. Dann lesen Sie einen Artikel über Melanie R. Sie hat den Ausstieg aus der Drogenszene geschafft – dank der Konsumräume und der Suchthilfe, wie sie selbst sagt.

Hier geht es zum zweiten Teil der Serie:

Früher war Melanie R. drogensüchtig und streifte täglich durchs Bahnhofsviertel. Heute studiert sie Soziale Arbeit und gönnt sich manchmal eine Pause im Café.	Foto: Rainer Rüffer
Ausstieg aus der Abhängigkeit Vom Leben nach dem Drogenrausch

Vor 20 Jahren wurde in Frankfurt der erste Drogenkonsumraum Deutschlands eröffnet. Heute gelten die anfangs umstrittenen Einrichtungen als unverzichtbarer Bestandteil der städtischen Suchthilfe. Melanie R. hat den Ausstieg aus der Rauschgiftszene geschafft – und führt das auch auf die „Drückerstuben“ zurück.

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