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Fachwerk für das Dom-Römer-Areal: 500 Jahre altes Holz für die Frankfurter Altstadt

Von Die Goldene Waage wird in Westfalen geschnitzt: Zimmerer und Holzbildhauer arbeiten derzeit in Lemgo an der Fachwerkkonstruktion für die aufwendigste Rekonstruktion in der neuen Altstadt.
Guido Kramp, Geschäftsführer des Altbau-Spezialisten Kramp & Kramp, präsentiert stolz den Eckpfeiler, der als erstes Element der Goldenen Waage bereits fertiggestellt ist. 	Fotos: Oliver Krato, dpa / Günter Murr Bilder > Guido Kramp, Geschäftsführer des Altbau-Spezialisten Kramp & Kramp, präsentiert stolz den Eckpfeiler, der als erstes Element der Goldenen Waage bereits fertiggestellt ist. Fotos: Oliver Krato, dpa / Günter Murr
Frankfurt/Lemgo. 

Alle Kritiker des Altstadt-Projekts können beruhigt sein: Das Holz, aus dem die Fachwerk-Konstruktion der originalgetreuen Nachbauten entsteht, ist wirklich historisch. 300 bis 500 Jahre alt sind die Balken, die in einer großen Halle des Zimmerbetriebs Kramp & Kramp im westfälischen Lemgo lagern. Sie stammen aus Gebäuden, die abgerissen wurden, ein Spezialhändler hat sie geliefert.

„Nur mit altem Holz kriegt man die typische Patina hin“, erläutert Guido Kramp, der das auf Altbausanierung spezialisiert Unternehmen zusammen mit seinem Bruder leitet. Jetzt machen die Eichenbalken eine zweite Karriere im bedeutendsten Fachwerkbau, der in der Frankfurter Altstadt rekonstruiert wird: der Goldenen Waage direkt am Dom. Rund 40 Kubikmeter „Recycling“-Holz werden für das sichtbare Fachwerk verbaut. Nur für die nicht sichtbaren Elemente wird auf gut gelagertes Neuholz zurückgegriffen.

Bilderstrecke In Lemgo entsteht Frankfurts Altstadt-Fachwerk
Unermüdlich setzt Holzbildhauermeister Wolfgang Koch (61) sein Werkzeug an. Er gehört zu jenen Spezialisten aus Lemgo, die der Stadt Frankfurt helfen, die historische Altstadt wiederauferstehen zu lassen. Die Experten aus Nordrhein-Westalen bauen das Fachwerk für eines der einst prachtvollsten Häuser der Renaissance-Altstadt nach. Unsere Bilderstrecke zeigt Impressionen aus der Werkstatt.Der Eckträger der Goldenen Waage, den Wolfgang Koch bearbeitet, ist eine Kopie des Originals, das im Historischen Museum aufbewahrt wird.Dieser Hammelkopf wird die rekonstruierte Goldene Waage zieren. Es handelt sich eine Anspielung auf den Erbauer des Orginalgebäudes, den Kaufmann Abraham van Hamel.

7 Millionen Euro Kosten

 

Rund 7 Millionen Euro kostet es, den prachtvollen Renaissance-Bau, der später als Café und Museum genutzt wird, originalgetreu nachzubauen. Etwa 700 000 Euro davon entfallen auf die Zimmerarbeiten, die sich Kramp & Kramp in der Ausschreibung gesichert hat. Das Unternehmen hat außerdem den Auftrag für die Fachwerkkonstruktion des Rebstockhofs direkt neben dem Haus am Dom bekommen.

Seit Anfang des Jahres schneiden Zimmerer und Restauratoren in einer eigens gemieteten Halle Balken zurecht, ein Holzbildhauer kümmert sich um die prächtigen Verzierungen. Für Projektleiter Maik Ebert (34) ist das Routine. Der Zimmermeister und geprüfte Restaurator hat schon mehrere Fachwerkhäuser saniert, kennt sich mit den historischen Handwerkstechniken aus. „Wir versuchen, das Gebäude so originalgetreu wie möglich zu rekonstruieren“, sagt er. Auf alte Fotos und Pläne kann er dabei zurückgreifen. Nur ein einziges Holzteil der Goldenen Waage hat den Krieg überlebt: Ein 3,50 Meter langer Eckpfeiler, der im Historischen Museum aufbewahrt wird. Die Restauratoren durften sich ihn ein paar Wochen ausleihen, um eine Kopie herzustellen.

Die Häuser können erst Ende 2017 bezogen werden

Beim Bau der 35 Altstadt-Häuser läuft alles weitgehend nach Plan. Derzeit werden die Erdgeschosse gebaut, schon im nächsten Jahr sollen die meisten Gebäude fertig sein.

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Schwierige Logistik

 

Das hat alles funktioniert. Sorgen bereitet Maik Ebert eher die Situation auf der Baustelle in Frankfurt. Sehr beengt geht es dort zu, da alle Häuser parallel gebaut werden. „Logistisch ist das eine große Herausforderung.“ Den Firmen werden für ihre Gewerke nur kurze Zeitfenster zugeteilt. Da darf nichts schiefgehen. Ebert lässt deshalb die gesamte Fachwerk-Konstruktion schon einmal probeweise in der Halle in Lemgo aufbauen.

Mehrere der insgesamt zwölf Wände stehen bereits, derzeit werden Zierelemente wie Kreuze zugeschnitten. „Wir müssen sichergehen, dass alles ganz exakt passt“, sagt der Zimmerer. Vier Mitarbeiter sind ständig mit der Goldenen Waage beschäftigt. Sie haben nur wenige Maschinen zur Unterstützung, vertrauen in erster Linie den alten Handwerkstechniken, die schon beim ursprünglichen Bau der Goldenen Waage im 17. Jahrhundert angewandt wurden.

Für den Transport ins 350 Kilometer entfernte Frankfurt werden die Wände wieder zerlegt. An Ort und Stelle werden dann die Balken auf das massive Erdgeschoss der Goldenen Waage aufgesetzt. Im Juni geht es los, im November soll die Fachwerkkonstruktion fertig sein. Parallel dazu beginnen die Mitarbeiter von Kramp & Kramp mit dem Rebstockhof, der im Januar 2016 im Rohbau stehen soll.

Die Gefache zwischen den Balken werden mit Lehm gefüllt. Dieser Baustoff, erläutert Ebert, ist weicher als Mineralmörtel und reißt deshalb nicht, wenn sich die Holzkonstruktion – typisch für Fachwerk – im Lauf der Zeit leicht bewegt. Bei der Römerberg-Ostzeile hatte eine falsche Technik im Lauf der Jahre zu Bauschäden geführt. Das soll sich in der neuen Altstadt nicht wiederholen.

Mit 7500 Arbeitsstunden kalkuliert Ebert allein für die Zimmererarbeiten der Goldenen Waage. 20 bis 25 Prozent davon entfallen auf die Optik, die prachtvollen Verzierungen. Dafür ist Wolfgang Koch (61) zuständig. Eine Fläche von 70 Quadratmetern (das entspricht vier Fußballtoren) muss der Holzbildhauer händisch mit Knüppel und Beitel bearbeiten. Für sämtliche Figuren und Ornamente hat er auf der Basis alter Fotos Bleistift-Zeichnungen im Maßstab 1:1 angefertigt, die ihm jetzt als Vorlage dienen.

 

Filigrane Ornamente

 

Sein erstes Werk war die Kopie des Eckständers, der im Original noch erhalten ist. 65 Stunden hat er an den Reliefen gearbeitet, die manchmal reine Zierde sind, manchmal aber auch kleine Geschichten erzählen. An einer Stelle ist eine Hinrichtungsszene zu sehen, bei der ein Engel dem Scharfrichter ins Schwert greift. Jetzt gerade arbeitet er an einem ungefähr einen Quadratmeter großen Relief, das später einmal am Zwerchhaus auf dem Dach der Goldenen Waage angebracht wird. 40 Stunden, schätzt Koch, braucht er für die filigranen Trauben und Blätter aus dem Holz herauszuarbeiten. Für den erfahrenen Bildhauer ist das kein Problem: „Ich mache das seit 45 Jahren, mich bringt nichts mehr ins Schwitzen.“ Und auch wenn er Kopien anfertigt, sei seine persönliche Handschrift immer zu erkennen.

Guido Kramp hat für den Altstadt-Auftrag extra eine neue Halle angemietet, im Stamm-Betrieb wäre zu wenig Platz gewesen. „Die Herausforderung ist die Größenordnung“, sagt er. Und er ist sich bewusst, dass er einen einmaligen Auftrag an Land gezogen hat. „Eine Rekonstruktion in dieser Größe wird es so schnell nicht wieder geben. Es macht uns natürlich viel Freude, dass wir daran mitwirken dürfen.“

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