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Frankfurt historisch: 78 Jahre nach ihrer Flucht: Wie Renata Harris sich Frankfurt zurückerobert hat

Die Jüdin Renata Harris erlebt eine glückliche Kindheit in Frankfurt, bis sie als zehnjähriges Mädchen vor den Nazis nach England flüchten muss. 73 Jahre lang hasst sie alles Deutsche – doch als sie 2012 wieder an der Hauptwache steht, kommt ihr Heimatgefühl zurück. Und lässt sie seitdem nicht mehr los.
Die Hauptwache – hier ein Bild aus dem Jahr 1938 – spielt in den Erinnerungen von Renata Harris eine große Rolle. Bilder > Die Hauptwache – hier ein Bild aus dem Jahr 1938 – spielt in den Erinnerungen von Renata Harris eine große Rolle.
Frankfurt. 

Wenn man die Kameras sieht, die ständig auf sie gerichtet werden, und all die Menschen, die mit ihr reden möchten, könnte man sie für eine Berühmtheit halten. Dabei sitzt Renata Harris nur im Haus am Dom bei einer Veranstaltung des Projekts Jüdisches Leben in Frankfurt und wartet auf ihren Auftritt. Ihr Auftritt ist ein Gespräch darüber, wie es war, 1939 als zehnjähriges jüdisches Mädchen mit einem Kindertransport nach England zu flüchten, sich dort ein neues Leben aufzubauen – und nach über siebzig Jahren wieder nach Frankfurt zu kommen. „Wissen Sie, was lustig ist?“, fragt sie das Publikum mit ihrem britisch-tirolischen Akzent. „In einem Moment bist du wie Freiwild, frei zum Abschuss. Und am nächsten Tag fühlen sie sich geehrt, wenn du zu Besuch kommst.“

Bilderstrecke Bilder nach dem Bombenhagel: Frankfurt und der Zweite Weltkrieg
70 Jahre Kriegsende in Frankfurt. Der Zweite Weltkrieg und der Bombenhagel haben die Stadt für immer verändert. Hier zu sehen: der zerstörte Römerberg mit beschädigter St. Nikolaikirche, 1944 vom Dom aus fotografiert.Luftbild Dom und Römerberg vor dem Krieg, ca. 1934.Nazi-Aufmarsch in Triebstraße, 1936.

Ganz so schnell ging dieser Wandel allerdings nicht vonstatten. 73 Jahre hat sie zuerst in England, dann in England und Tirol gelebt, und als Stewardess und Reiseleiterin gearbeitet, bevor sie Frankfurt zum ersten Mal wieder besuchte. „Von einem auf den anderen Tag war Deutschland weg, ich habe nichts, nichts, nichts damit zu tun gehabt“, sagt sie. „Frankfurt hat für mich nicht existiert.“

„Alles Deutsche verhasst“

Es war zuerst ein Inserat in der Zeitung und dann eine Einladung der damaligen Oberbürgermeisterin Petra Roth, die sie dazu brachte, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. „Wie gesagt, alles Deutsche war für mich – verhasst ist kein Ausdruck“, erzählt sie von ihrem ersten Besuch in Frankfurt. „Aber da stand ich dann an der Hauptwache, und da waren weniger Bäume und keine Straßenbahnen mehr, aber es war die Hauptwache, und ich sagte mit besserem Akzent als Kennedy: Ich bin eine Frankfurterin.“ Mit ihrem Humor schafft es Renata Harris, ihre Zuhörer trotz des traurigen Themas immer wieder zum Lachen zu bringen, und öfters beendet sie ihre Antwort auf eine Frage mit einem selbstironischen „So, habe ich jetzt genug Schmarrn geredet?“

„Denkmal für die Mütter“

Hört man ihr zu, ist man hin- und hergerissen zwischen dem Schmunzeln über Kindheitsanekdoten wie dem Schlittschuhlaufen in Filzpantoffeln über den Boden des Rathaussaals und Entsetzen über die tragische Weise, auf die ihre glückliche Kindheit in Frankfurt endete. Als sie 1939 in den Zug nach England stieg, wusste sie nicht, dass sie ihre Mutter zum letzten Mal sehen würde. „Als Kind verstehst du zwar, etwas stimmt vorne und hinten nicht“, sagt sie, „Aber du hast nicht gewusst, wie tödlich das ist.“ Ihre Mutter, Adelheid Adler, wurde 1942 deportiert und ermordet.

Bei den acht Besuchen, die Renata Harris seit 2012 nach Frankfurt unternommen hat, redete sie nicht nur mit Schulklassen und trat als Zeitzeugin auf, sondern gab auch den Anstoß für die Errichtung eines Denkmals am Hauptbahnhof, das an die Kindertransporte erinnern soll (siehe Info-Kasten). „Das mit dem Denkmal für die Kinder, die mit dem Kindertransport flüchten konnten, ist eine gute Sache. Aber wir“, sagt sie und legt die Hand auf ihre Brust, „wir leben.“ Für einen Moment bricht selbst der humorvollen, energischen Renata Harris die Stimme weg. „Scheiße.“ Sie blickt auf ihre Hände, bis sie weitersprechen kann. „Den Müttern, denen gehört ein Denkmal.“

Obwohl sie eigentlich erkältet ist und eine lange Anreise hinter sich hat, wendet sie sich auch eine halbe Stunde nach Ende der Veranstaltung noch jedem geduldig zu, der mit ihr sprechen möchte, nimmt seine Hand und hört aufmerksam zu. Für junge Menschen hat sie einen besonderen Rat. „Reist, so viel wie möglich. Und seht jeden Menschen einzeln als den, der er ist.“ So könne man Hass und Vorurteilen am ehesten entgegenwirken.

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