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Viel Literatur, ein bisschen Therapie: Alle Seiten des Lebens

„Shared Reading“ heißt der Trend aus England. Zwei Berliner gründen bundesweit Gruppen, die sich gegenseitig vorlesen. Der Andrang ist enorm, auch in Frankfurt. Warum nur? Leidenschaftliche Vorleser erzählen.
Begeisterte Vorleserin: Grundschullehrerin Biggi Maart (50) leitet die Gruppe im Literaturhaus. Foto: Andreas Arnold (dpa) Begeisterte Vorleserin: Grundschullehrerin Biggi Maart (50) leitet die Gruppe im Literaturhaus.
Frankfurt. 

Sechs Frauen und drei Männer sitzen bei Tee und Keksen um einen Tisch, in der Hand ein Stapel Blätter. Eineinhalb Stunden lang lesen sie sich gegenseitig vor, wöchentlich donnerstags um 17 Uhr. Nach jedem Abschnitt wird diskutiert. „Shared Reading“ heißt das Konzept, das aus Großbritannien kommt und sich nun in Deutschland etabliert.

Organisiert werden die Zirkel von den „Literarischen Unternehmungen“ zweier Berliner Literaturvermittler, Thomas Böhm und Carsten Sommerfeldt. In der Hauptstadt gibt es schon sieben solcher Gruppen, zwei englischsprachige kommen gerade dazu. Nach Berlin und Frankfurt sind laut Sommerfeldt „Shared Reading“-Gruppen auch in Bremen, Heidelberg, Köln und Hamburg geplant.

Für Biggi Maart (50) bietet die Donnerstagsgruppe im Frankfurter Literaturhaus im Ostend „ein neues Leseerlebnis“. Statt still, alleine und zügig zu lesen, gilt hier das Gegenteil: Man liest laut, abwechselnd, bewusst langsam und spricht miteinander über das Gelesene. Am Ende habe sie „zehn Versionen dieses einen Textes“ gelesen, sagt die Grundschullehrerin, die auch an anderen Literaturkreisen teilnimmt: „wie eine Reihe von Dominosteinen aus Bildern und Gedanken, die sich gegenseitig anstoßen.“

Heute hat Sommerfeldt einen Text von Sylvia Plath ausgewählt, in der ein Kind zu Unrecht beschuldigt wird. Die Geschichte spielt zu Beginn des Zweiten Weltkriegs – die Diskussion aber kommt schnell im Heute an, es geht um Fake-News und die Mordfälle von Herne. Sommerfeldt kommentiert jeden Beitrag mit einem schwärmerisch-singenden „Jaaaaa!“

Beim „Shared Reading“ gehe es darum, „von sich zu sprechen“, erklärt Sommerfeldt: „das eigene Leben, das eigene Verhalten, die eigenen Gefühle mit dem Erzählten in Verbindung bringen“. Gerade erfahrenen Viellesern falle das oft schwer, sagt der 49-Jährige, der früher Pressechef bei mehreren Verlagen war. Durch das gemeinsame Lesen könne man „ganz tief und ganz nah“ bei der Literatur sein.

In Frankfurt sind das Literaturhaus und die Stadtbücherei Gastgeber für „Shared Reading“. Neben der am Donnerstag gibt es noch eine Gruppe für ältere Menschen und, in Zusammenarbeit mit dem Heilig-Geist-Spital neben dem Literaturhaus, eine für Menschen mit psychischen Problemen. Denn „Shared Reading“ will mehr sein als ein Lesezirkel. Es ist auch ein therapeutisches Projekt.

Für den Gesundheitsaspekt interessiert sich auch die Wissenschaft. Die Veranstalter verweisen auf den britischen National Health Service, der nachgewiesen haben will, dass gemeinsames Lesen das Wohlbefinden und die Kommunikationsfähigkeit steigere. Vor allem Burnout-Patienten, Demente und psychisch Kranke könnten profitieren. In Berlin begleitet das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung die Gruppen mit älteren Teilnehmern, um herauszufinden, welche Effekte das gemeinsame Lesen hat.

Die Nachfrage ist jedenfalls enorm: In Frankfurt stehen 60 Nachrücker auf der Warteliste „und täglich kommen neue dazu“, wie Benno Henning von Lange vom Literaturhaus berichtet. Künftig wird er selbst als „Fascilitator“, also als Moderator die Donnerstagsgruppe leiten. Ab Mitte Mai bietet das Literaturhaus eine weitere „Shared Reading“-Gruppe an. Die Gruppenleiter werden vor Beginn speziell geschult. Auch dafür gibt es nach Angaben der „Literarischen Unternehmungen“ mehr Nachfragen als freie Plätze.

In Großbritannien gibt es „Shared Reading“ schon seit 20 Jahren. Entstanden ist die Idee in Liverpool. Eine der Initiatorinnen, Jane Davis, berichtete im vergangenen Jahr auf der Buchmesse in Leipzig über ihre Beweggründe. Ihre Mutter sei am Alkohol gestorben, notierte danach das „Börsenblatt“, sie sei in Pubs aufgewachsen unter Leuten, die lieber miteinander tranken als redeten. „Zusammen lesen, ist ein wundervoller Weg, verbunden zu sein mit anderen Menschen.“

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