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Als der Tod vom Himmel fiel

Von Es sollte ein Familienausflug werden - doch er endete in einer Katastrophe: Heute vor 30 Jahren stürzte ein Düsenjet in der Nähe des Waldstadions während einer Flugschau ab und tötete Pfarrer Martin Jürges sowie seine Familie.
Brannte komplett aus: Das am 22. Mai 1983 von Wrackteilen getroffene Auto der Pfarrersfamilie Jürges. 	Fotos: Christian Christes/ Archiv Brannte komplett aus: Das am 22. Mai 1983 von Wrackteilen getroffene Auto der Pfarrersfamilie Jürges. Fotos: Christian Christes/ Archiv
Frankfurt. 

Die Sonne scheint. Der Himmel ist strahlend blau an jenem 22. Mai 1983. Bilderbuchwetter. Feiertag. Pfingstsonntag. Alle haben frei. Nach dem Gottesdienst in der Gutleutkirche macht sich Pfarrer Martin Jürges (40) gemeinsam mit seiner Frau Irmtraud (38), seinem Sohn Jan (11), seiner Tochter Katharina (1), seiner Mutter Erna (77) und der 19-jährigen Nichte Gesine Wagner auf den Weg in den Odenwald. Einen Tag im Grünen will man verbringen.

81 Tage überlebt

Währenddessen vergnügen sich bereits Tausende auf dem Wäldchestag im Stadtwald. Und nur wenige Kilometer weiter, auf der US-Airbase am Frankfurter Flughafen, tummeln sich 400 000 Menschen. Sie sind gekommen, um die Flugschau der kanadischen Düsenjäger vom Typ Starfighter zu bewundern. Und dann passiert das Unfassbare: Einer der Militärjets stürzt ab - direkt auf den Autobahnzubringer Süd im Stadtwald. Die Trümmerteile treffen den Kombi der Familie Jürges. Alle sterben - bis auf Gesine. Sie erliegt erst 81 Tage später ihren schweren Verbrennungen in einer Offenbacher Spezialklinik. Der Pilot, der 27 Jahre alte Captain Alan Stephenson, konnte sich mit dem Schleudersitz retten. Das geschah heute vor 30 Jahren.

Martin Jürges (links) mit Sohn Jan und seiner Frau Irmtraud.
INFO   Gedenken an die Pfarrersfamilie

Die Erinnerung an die Familie Jürges lebt auch heute noch weiter. Niemand kann so recht den Stadtjugendpfarrer und Gemeindepfarrer im Gutleutviertel, Martin Jürges, vergessen.

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Volker von Loewenich, heute 76 Jahre alt, hat den Absturz beobachtet. Er fuhr in dem Wagen direkt hinter der Familie Jürges auf der Mörfelder Landstraße. Der damalige Leiter der Neugeborenenmedizin an der Uniklinik war auf dem Weg nach Hause zu seiner Familie in Schwanheim. „Ich habe den Starfighter kommen sehen“, erzählt von Loewenich. „Aber ich dachte sofort: ,Da stimmt was nicht.‘“ Viel zu tief sei der Militärjet geflogen, berührte fast die Bäume. Dann senkte sich die Nase des Flugzeuges. „Da wusste ich: ,Jetzt kommt er runter.‘“ Er selbst sei auf die Bremse getreten. Nach dem Absturz seien große Brocken durch die Luft geflogen. Ein Knall. Feuer. Bäume brannten. Ein schwarzer Rauchpilz. „Dann habe ich den Piloten mit seinem Fallschirm landen sehen“, so von Loewenich. Er habe seinen Notfallkoffer aus dem Kofferraum geholt und sei hingeeilt. Der Pilot war aber nicht verletzt. „Allerdings ist noch eine schwer verletzte Frau umhergeirrt.“ Gesine. Das ganze Gesicht sei verbrannt gewesen. Er habe die Erstversorgung gemacht, Infusionen gelegt. Ein Rettungshubschrauber habe die 19-Jährige dann in eine Klinik gebracht.

Von Loewenich ist ebenfalls zurück in die Kinderklinik gefahren, hat seine Frau Katharina (71) angerufen. „Ich rieche nach Kerosin“, habe er ihr am Telefon gesagt und dann von seinem Erlebnis berichtet. Und noch heute sagt seine Frau mit Tränen in den Augen. „Gott hat seine Hand schützend über uns gehalten.“

Der Friedensaktivist

Freunde der Familie: Marion und Kurt-Helmuth Eimuth. Bild-Zoom
Freunde der Familie: Marion und Kurt-Helmuth Eimuth.

Das können die Freunde der Familie Jürges nicht behaupten. Doch Gott anprangern liegt dem gläubigen befreundeten Ehepaar Kurt-Helmuth (58) und Marion Eimuth (59) fern. „Gott hat dies nicht gewollt“, sagt Kurt-Helmuth Eimuth heute. Immerhin hätte die Maschine auch nur wenige Meter weiter über dem Wäldchestag abstürzen können. „Es war der Willen der Menschen, die mit Starfightern über unsere Köpfe hinweg fliegen mussten.“ Kurt-Helmuth und Marion Eimuth kannten die Pfarrersfamilie seit Jahren. Sie standen sich nah, feierten Geburtstage zusammen. Kirche und Glaube verbanden sie miteinander.

Die bittere Ironie des Schicksals: Der evangelische Pfarrer Martin Jürges engagierte sich Zeit seines Lebens für den Frieden in der Welt. Sein Markenzeichen seien karierte Hemden und sein Bart gewesen. Der Schalk habe ihm stets im Nacken gesessen. „Er konnte einen krähenden Hahn nachmachen wie kein anderer. Da wussten immer alle, dass er da ist“, erzählt Marion Eimuth.

Als Stadtjugendpfarrer habe er die Kirche den Jugendlichen nahe gebracht. In seiner kurzen Zeit als Gemeindepfarrer im Gutleutviertel habe er „der Gemeinde und dem Viertel etwas von seinem Mut, seinem Optimismus und seinen Visionen vermittelt“. Er wandte sich den Menschen, in dem damals sehr heruntergekommen Viertel, in dem niemand freiwillig wohnen wollte, zu. Und das habe bis heute niemand vergessen. Die Erinnerungen an ihn leben auch nach 30 Jahren weiter. Ein kleiner Platz vor dem Finanzamt wurde nach der Familie benannt. Kurt-Helmuth Eimuth sagt: „Die Geschichte lebt ein Stück mitten in der Stadt weiter. Das ist schön zu sehen.“

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