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An Widerstandskämpfer erinnern

Von Peter und Ettie Gingold kämpften im Widerstand gegen das Hitler-Regime und setzten sich Zeit ihres Lebens gegen Rassismus und Faschismus ein. Eine Bürgerinitiative fordert, dem Ehepaar endlich einen öffentlichen Ort zu widmen.
Jürgen Lamprecht, Willi van Ooyen, Doris Fisch und Peter Christian Walther (v.l.) setzen sich für einen Ort ein, der an das Ehepaar erinnert. Bilder > Foto: Salome Roessler Jürgen Lamprecht, Willi van Ooyen, Doris Fisch und Peter Christian Walther (v.l.) setzen sich für einen Ort ein, der an das Ehepaar erinnert.
Innenstadt. 

„Was mich besonders beeindruckt hat, war sein Auftreten als Zeitzeuge“, erzählt Peter Christian Walther über Peter Gingold, den überzeugten Widerstandskämpfer gegen das Hitler-Regime: „Er hatte eine unorthodoxe Art des Sprechens: Der ganze Mensch hat vibriert, hinterher gab es auch von jungen Leuten stehende Ovationen“, erinnert sich Walther.

Mit Vehemenz und Leidenschaft habe sich Gingold bis ins hohe Alter gegen Rassismus und Faschismus engagiert, ebenso seine Frau Ettie. Deshalb fordert die „Ettie und Peter Gingold Erinnerungsinitiative“, deren Sprecher Peter Christian Walther ist, bereits seit 2013 die Benennung eines öffentlichen Ortes nach dem Ehepaar.

Nicht verabschiedet

Im Club Voltaire, einem Ort, an dem alternatives und ideologiekritisches Denken eine lange Tradition hat, berichteten Walther und weitere Mitglieder der Initiative gestern nun, dass ein entsprechender Antrag im Ortsbeirat 5 (Sachsenhausen, Niederrad) vor drei Jahren zwar formuliert, aber nie verabschiedet worden sei. Als Ort erkor die Initiative einen kleinen Platz zwischen der Niederräder Reichsforststraße, wo die Gingolds nach 1945 gewohnt hatten, und der Neuwiesenstraße. „Als es dann spruchreif wurde, zog sich die CDU plötzlich zurück. Offenbar hatte es einen amtlichen Hinweis gegeben, dass der Platz nicht geeignet sei“, sagt Jürgen Lamprecht, Vorsitzender der Naturfreunde Hessen: „Für uns war das allerdings nicht nachzuvollziehen“.

Nach Paris geflohen

Dies vor allem, weil die Lebensgeschichte der Gingolds Bände spricht: Peter Gingold, 1916 in Aschaffenburg als Sohn jüdisch-polnischer Immigranten geboren, beteiligte sich schon 1933 am Widerstand gegen den aufstrebenden Hitler. Während seine Familie nach Frankreich auswanderte, wurde er von der „Geheimen Staatspolizei“ (Gestapo) für mehrere Monate inhaftiert. Im Herbst 1933 floh er nach Paris, wo er in den folgenden Jahren Ettie Stein-Haller (1913 geboren in Österreich-Ungarn) traf und heiratete. Beide traten in die Kommunistische Partei ein und schlossen sich dem französischen Widerstand an – allerdings nicht mit der Waffe in der Hand: „Sie waren organisatorisch tätig, fungierten als Kuriere und Dolmetscher“, sagt Peter Christian Walther. Die Hauptaufgabe sahen beide darin, Flugblätter herzustellen und zu verteilen, insbesondere um deutsche Soldaten zum Desertieren oder zur Zusammenarbeit zu bewegen.

Aufgrund dieser Tätigkeit landete Peter Gingold 1943 erneut in einem Gestapo-Gefängnis, wo er gefoltert wurde, seine Ansichten aber nicht änderte: Den Aufstand zur Befreiung von Paris erlebte er 1944 direkt vor Ort, das Kriegsende 1945 unter Partisanen in Norditalien. Später engagierte sich Gingold in der Deutschen Kommunistischen Partei, der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“ und gründete das noch immer agierende Auschwitzkomitee mit. Ettie Gingold tat sich später unter anderem durch ihre Aktivität gegen den NATO-Doppelbeschluss hervor, indem sie zahlreiche Unterschriften gegen die Stationierung von Atomsprengköpfen in Westeuropa sammelte. Beide starben in Frankfurt: Ettie Gingold 2001, Peter Gingold 2006.

40 Unterstützer

Von der Stadt Frankfurt erhielt das Ehepaar 1991 die Johanna-Kirchner-Medaille, die man zwischen 1991 und 1995 an noch lebende Menschen verlieh, die zu Zeiten des Nationalsozialismus Widerstand leisteten. Die Initiative um Peter Christian Walther, die sich aus über 40 Sympathisanten verschiedener politischer Richtungen und Kulturen zusammensetzt, betont nun in einem offenen Brief, dass dem Ehepaar weitere Anerkennung zukommen solle – zumal sich Peter Gingold insbesondere durch unermüdliches Engagement als Zeitzeuge und Redner in Schulen um die Mainmetropole verdient gemacht habe: „Er war sehr wichtig für die Aufklärung über die Nazi-Zeit“, befindet Lamprecht. Ein Ort mit dem Namen Gingold sei gerade heutzutage ein Zeichen „gegen die Rechtsentwicklung der Gesellschaft durch AfD oder Pegida“.

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