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Nahverkehr: Andreas Herrmann verbringt Silvester auf dem U-Bahn-Fahrersitz

Von Wenn in der Nacht von Sonntag auf Montag in den Kneipen die Sektkorken und auf der Straße die Raketen knallen, bleibt Andreas Herrmann ganz ruhig sitzen. Denn er ist einer von 100 U- und Straßenbahnfahrern in Frankfurt, die in der Silvesternacht arbeiten müssen und die Partygäste sicher durch die Nacht bringen.
Während Frankfurt das neue Jahr begrüßt, sitzt Andreas Herrmann auf dem Fahrersitz der U-Bahn-Linie U 5. Bis 3.30 Uhr steuert er die Bahn durch die Nacht. Foto: Heike Lyding Foto: Heike Lyding Während Frankfurt das neue Jahr begrüßt, sitzt Andreas Herrmann auf dem Fahrersitz der U-Bahn-Linie U 5. Bis 3.30 Uhr steuert er die Bahn durch die Nacht. Foto: Heike Lyding
Frankfurt. 

In der Silvesternacht arbeiten ist für Andreas Herrmann Normalität. Rund 20 Mal, rechnet er nach, habe er in den vergangenen 30 Jahren nicht im heimischen Wohnzimmer oder bei Freunden gefeiert. Stattdessen saß er in der Fahrerkabine einer U- oder Straßenbahn. Allein. Wie auch in diesem Jahr.

Denn der 52-Jährige gehört zu den 100 Schienenbahnfahrern, die in der Nacht vom 31. Dezember 2017 zum 1. Januar 2018 die Bahnen der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) steuern. „Freiwillig mache ich das nicht, es ist ein normaler Dienst, für den ich eingeteilt wurde. Aber das ist schon okay“, hat er sich längst damit abgefunden, dass die anderen feiern können, während er arbeiten muss.

Von 19 bis 3.30 Uhr ist Herrmann morgen Nacht auf Frankfurts Schienen unterwegs, fahren wird er einen Zug der U-Bahn-Linie U 5. Keine seiner Lieblingslinien, aber „okay“. Ohnehin ist der Ginnheimer froh, wenn er U-Bahn statt Straßenbahn fahren kann. „Sie greift nicht in den Straßenverkehr ein, man muss weniger auf Fahrrad- und Autofahrer oder Fußgänger achten. Es ist schlichtweg deutlich entspannter“, sagt er.

Andreas Herrmann fährt an Silvester durch – abgesehen von seinen Pausen. Auch um Mitternacht hält er nicht an. Es sei denn, er muss. Das könne den Kollegen passieren, die auf der A-Strecke auf der Eschersheimer Landstraße unterwegs seien. „Wenn dort die ersten Feuerwerke in die Luft gejagt werden, sieht man keine zehn Meter mehr weit. Das habe ich schon selber erlebt, da geht nichts mehr“, sagt er.

So fahren Busse und Bahnen in der Silvesternacht

Die Linien S 1 (Wiesbaden – Ober-Roden), S 3 (Darmstadt – Frankfurt Süd), S 4 (Kronberg – Frankfurt Hauptbahnhof), S 5 (Friedrichsdorf – Frankfurt Hauptbahnhof) und S 8 (Wiesbaden –

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Die entspannteste Zeit sei definitiv zwischen 23.30 und 0.30 Uhr. Da sei er quasi alleine in der Bahn und habe genug Zeit, sich auf das vorzubereiten, was dann folgt. Denn das sei teilweise weniger schön. 95 Prozent der Fahrgäste, betont er, seien gut drauf und wollten einfach nur Spaß haben. Allerdings gebe es aber auch die fünf Prozent der Feierwütigen, die zu viel Alkohol getrunken hätten und die Bahnen nicht sauber hinterließen. „Besonders schlimm sind die Fahrgäste, die ihre Körperflüssigkeiten nicht mehr bei sich behalten können. Das stinkt unglaublich“, sagt Herrmann und weist darauf hin, dass die kleinen silberfarbenen Papierkörbe, die man in den Frankfurter Bahnen findet, eine Tüte nicht ersetzen könnten. „Sie sind einfach für solche Fälle nicht gemacht“, sagt er.

Viermal habe er einmal in einer Silvesternacht seine Bahn „umtauschen“ müssen. In einem der drei Betriebshöfe in Frankfurt. Denn weiterfahren könne man damit nicht. „Das geht nicht. Nicht für mich und nicht für die Fahrgäste“, erklärt er zugleich, dass dieser Austausch von seiner Pause abgezogen wird.

Feiern im Tunnel

Und die kann man vor allem in der Silvesternacht sicher anders verbringen, weiß Andreas Herrmann. So war er vor einigen Jahren der einzige unter seinen befreundeten Kollegen, der „ran musste“. In der Wendeschleife am Südbahnhof hätten sie auf ihn gewartet, mit alkoholfreiem Sekt stießen sie auf das neue Jahr an. Im Tunnel. Nicht selten kam es auch vor, dass Herrmanns Frau und Sohn ihn begleiteten. „Das war immer schön, zumal mein Sohn genauso gerne Bahn fährt wie ich“, sagt Herrmann, den diese Leidenschaft bereits mit acht Jahren packte.

Im Verkehrsgarten im Grüneburgpark steuerte er 1973 das erste Mal eine Bahn, sofort stand sein Berufswunsch fest. „Ich war aus dieser Bahn nicht mehr hinaus zu bekommen“, erinnert sich der heute 52-Jährige. Nach der Ausbildung zum KfZ-Mechaniker und zwei Jahren bei der Bundeswehr stieß er auf die Ausschreibung der VGF. Damals wie heute wurden dort Schienenbahnfahrer gesucht. Herrmann fing an und blieb – bis heute. „Ich habe nicht nur einen sicheren Arbeitgeber, ich liebe das schienengebundene Fahren, das Gefühl, nicht ausweichen zu können“, beschreibt er seine Leidenschaft.

Regen und Schnee

Nach 30 Jahren auf Frankfurts Schienen hat Andreas Herrmann freilich auch eine Lieblingsbahn: die Linie U 3, die zwischen Frankfurt-Süd und Oberursel-Hohemark verkehrt. „Man fährt vom Regen in der Stadt in den Schnee im Taunus. Toll“, sagt er. Am wenigsten möge er die Straßenbahnlinie 11. Die sei nicht nur „unglaublich lang“, sondern man müsse sich auch sehr konzentrieren. „Das sind acht Stunden unter Hochspannung. Da freue ich mich doch über die U 5 in der Silvesternacht. Das wird entspannt“, ist er überzeugt.

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