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Der Rote Faden: Anne Bohnenkamp-Renken: Die Beherzte

Der Rote Faden Seit 15 Jahren leitet Anne Bohnenkamp-Renken das Freie Deutsche Hochstift mit seiner Kunstsammlung, dem wertvollen Handschriften-Archiv und dem Goethe-Haus. Derzeit entsteht nebenan ein Romantik-Museum, das 2020 eröffnen soll. Ihr widmen wir die Folge 269 unserer Serie „Der Rote Faden“. Von Dierk Wolters
Wenn es um Goethe geht, laufen alle Fäden in Frankfurt bei Anne Bohnenkamp-Renken zusammen. Foto: Salome Roessler Wenn es um Goethe geht, laufen alle Fäden in Frankfurt bei Anne Bohnenkamp-Renken zusammen.

Wer eine so ehrwürdig-hochgeistige Institution wie das Freie Deutsche Hochstift mit dem angeschlossenen Goethe-Haus leitet, könnte man meinen, der vergräbt sich gern im Archiv und schwebt ansonsten in höheren Sphären. Bemerkenswerterweise ist bei Anne Bohnenkamp-Renken, die diese Aufgabe seit 2003 innehat, nichts von beidem zu spüren. Vielleicht hat das mit ihrer Kindheit zu tun, in der Literatur immer Lebenselixier, nie aber lästige Bildungspflicht war. 1960 geboren und in Meerbusch bei Düsseldorf aufgewachsen, erinnert sich die Direktorin an Sonntagsfrühstücke in ihrer Kindheit, in denen die Familie beisammensaß und der Vater aus dem „West-östlichen Divan“ vorlas – so wie „bei anderen gebetet wurde“. „Ich wusste nicht, dass es Goethe ist“, sagt sie heute. Auch über ihrem Kinderbett gab’s Goethe: ein Bild zu den „Talisman“-Gedichten aus dem „Divan“.

Bohnenkamps Mutter war Säuglingsschwester, später ließ sie sich zur Lehrerin ausbilden. Der Vater war Physiker und Mathematiker und als Metallforscher im nahen Max-Planck-Institut beschäftigt. Es muss lebhaft zugegangen sein in der Familie. „Wir waren viel draußen mit meinem Vater“, erinnert sie sich. Wir, das sind auch zwei jüngere Brüder. Am Wochenende ziehen sie in den nahen Wald und klettern „auf morsche Bäume über irgendwelchen Gräben“. Oft legt es der Vater darauf an, „dass wir wippten, bis alle im Wasser lagen“.

Eine starke Liebe zur Natur prägt Anne Bohnenkamp bis heute. Bergsteigen zählt sie zu ihren Hobbys, am liebsten gemeinsam mit Sohn Malte, und das Schwimmen in Seen und Flüssen. Da sei ihr Goethe nahe mit seiner pantheistischen Grundeinstellung, der die Zweiteilung in Natur und Kultur nicht mitmacht. Der Idealzustand: „Auf dem Rücken in einem See treiben und nichts tun.“

Einen großen Raum allerdings nimmt das Nichtstun in ihrem Leben nicht ein. Sie ist immer in Bewegung, auch geistig. Im Elternhaus wird eifrig philosophiert, der Vater schätzt Kant. Der Großvater war Pädagogik-Professor in Osnabrück, sagt die Hochstift-Chefin. Was sie für sich behält: dass es jener hochangesehene Pädagoge war, von dem der spätere SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt erzählte, er habe ihn Demokratie gelehrt und ihn „zum Sozi gemacht“.

Nach dem Abitur zieht sie als Au-pair-Mädchen nach London in den kinderlosen Haushalt einer Psychoanalytikerin in Hampstead. Annes Aufgabe ist es, „morgens wach zu sein und den Patienten die Tür zu öffnen“. Sie hat die Kissentücher für die Analysecouch zu bügeln und ist zuständig für „kleine Aufgaben im Haushalt, die ich wahrscheinlich ziemlich schlecht gemacht habe“. Finden abends Empfänge statt, lässt sie sich lieber auf inspirierende Gespräche mit den Gästen ein, als zu bedienen. Zum Haushalt gehören auch der Ehemann der Psychologin, ein Mathematiker, Philosoph und „exzellenter Koch“, den man nachts Novalis lesend auf der Treppe treffen kann, und ein Philosophie-Student, der Gedichte schreibt. Einer Freundin von Anne Bohnenkamp ist das Haus „unheimlich“. Sie selber findet es anregend und „literarisch pittoresk“. Sie schreibt ebenfalls Gedichte. Sie wisse allerdings nicht mehr, wo die seien, sagt sie heute, und spricht über lyrische Impulse in der Teenager-Zeit: Sarah Kirsch nennt sie, Georg Trakl, Gottfried Benn. „Den Einfluss von Kirsch wird man meinen Gedichten angemerkt haben“, setzt sie hinzu.

Es ist eine Zeit, in der sich Anne Bohnenkamps Neugier in alle Richtungen entwickelt. Die große Frage nach England lautet: Was studieren? Germanistik liegt nahe – ein wenig zu nahe vielleicht, findet die junge Frau, liebäugelt mit Jura, an die Mathematik traut sie sich nicht heran, und macht erst einmal eine Uni-Tour durch Deutschland. Sich für ein Fach entscheiden? Findet sie irgendwie „unangemessen“. In Bielefeld gefällt ihr das Konzept für Psychologie, doch versehentlich gerät sie in die psychologische Beratung. Als sie dem Berater eine Viertelstunde lang erzählt, „was ich alles vorhabe“, bekommt sie zu hören, sie würde sich „sowieso umbringen“, bevor sie 30 wäre.

Aufenthalte im Osten

Letztlich fällt die Wahl auf Germanistik – und auf Göttingen, „mehr der hübschen roten Altstadtdächer wegen“. Dort lehrt die Goethe-Koryphäe Albrecht Schöne. „Als ich im Zug saß, dachte ich: Jetzt lies mal den ,Faust‘. Du kannst nicht Germanistik studieren, ohne den ,Faust‘ gelesen zu haben.“ Aus der Schule kannte sie Goethes Großwerk nicht – „ich war ja in Nordrhein-Westfalen, da stand eher die Bild-Zeitung auf dem Programm“. Als sie Jahre später in Weimar für ihre Doktorarbeit über die „Paralipomena“ des „Faust“ recherchiert, werden Bilder wach von Aufenthalten im Osten als Kind: Bohnenkamps Mutter stammt aus Jena, als 14-Jährige war Anne mit ihr dort und in der Dichterstadt. An schöne Sommer erinnert sie sich ebenso wie an die braunkohlenschwere Luft im DDR-Winter.

www.fnp.de

Alle Folgen der Serie „Der Rote Faden“ können Sie im Internet nachlesen.

Immer wieder sorgen Reisen für intensive Momente. Als 16-Jährige zieht es sie für einige Wochen nach Rom – dort leben Onkel und Tante in der Wohnung der Hertziana-Bibliothekare im Palazzo Zuccari. Von der Dachterrasse blickt sie auf die Spanische Treppe. Intensiv studiert sie die romanischen Kirchen. Im Wintersemester 1982/83 kehrt sie nach Italien zurück. Aber nicht nach Rom, sondern nach Florenz. Mit ihrem Freund, der heute ihr Mann ist, verbringt sie zwei Nächte auf Parkbänken – dann findet sie eine Wohnung mit Blick auf den Arno, für sich und ihre beiden Freundinnen aus der Göttinger WG. Ihr Freund darf sie ab und zu besuchen.

Neugierig, zielstrebig und bereit für Abenteuer – immer wieder erlebt sie „Epiphanien“: verdichtete Momente intensiven Erlebens in der Kunst oder in der Natur. „Ich kannte die Erfahrung schon, bevor ich den Begriff bei Joyce kennenlernte“, sagt sie. Wieder ist es die bildende Kunst, die sie in Florenz in ihren Bann schlägt. Dass Giuseppe Bevilacqua, Doyen der italienischen Germanistik, ausgerechnet ein Wagner-Seminar anbietet, erscheint ihr für ihre Florentiner Monate doch zu absurd. Also nutzt sie die Chance und stürzt sich in Malerei und Architektur. Der Weg in die Uni führt sie durch die Uffizien. Noch Jahrzehnte später erinnert sie sich an ihr Glück in dieser Zeit.

Bahnbrechende Ausgabe

Nach dem Ende ihres Studiums stellt Albrecht Schöne sie ein, um jene Textpassagen zu erforschen, die der Dichter nicht in den „Faust“ aufnahm. Schöne ist der Herausgeber von Goethes Drama in der bahnbrechenden Frankfurter Ausgabe, Darüber wurde sie 1994 promoviert. Dann lenkt Schönes Empfehlung ihren Weg nach München. Dort lehrt sie Vergleichende Literaturwissenschaften. Eine neue Herausforderung, denn Komparatistik hat die Germanistin ja bislang nicht betrieben. Sie entdeckt ihre Leidenschaft für den Sprachvergleich, veranstaltet Übersetzer-Seminare. In ihrer Münchner Zeit bekommt sie ihre zwei Kinder.

Ihr Mann und sie sind beide berufstätig. Die Erziehung des Nachwuchses teilen sie sich. Die Doppelexistenz als Wissenschaftlerin und Mutter bewältigt sie mit der ihr eigenen zupackenden Art: „Wenn ich von der Wissenschaft die Nase voll hatte, habe ich mich von den Kindern erholt. Wenn mir die Kinder zu viel wurden, zog ich mich an meinen Schreibtisch zurück.“

Als Frankfurt sie 2003 ans Hochstift holte, erzählt Bohnenkamp mit Hochachtung, hängte ihr Mann, ein Biologe, seinen Job als Programmierer an den Nagel.
Hochstift-Vorgänger Christoph Perels hatte die Anzeige für den vakanten Posten nach München geschickt – versehen mit einem handschriftlichen Schiller-Zitat: „Es wächst der Mensch mit seinen höhern Zwecken.“ Sie sagt: „Das fand ich schön.“ Heute ist Sohn Malte 25 und hat an der TU Berlin eine Doktorarbeit in Mathematik begonnen. Lisa ist 21 und zum Studium nach Bayern zurückgekehrt. Ihr sei der Abschied damals am schwersten gefallen, erinnert sich die Mutter.

Auch ihr Mann, mit dem sie „die Freude an der literarischen Sprache“ teilt, ist fürs Hochstift tätig: Ehrenamtlich setzt er die Handschrift für das digitale „Faust“-Projekt um. Damals, nach dem Umzug, war es sein Part, sich um Haus und Kinder zu kümmern. Seine Bedingung: „Ein altes Haus kaufen, dass er aufmöbeln kann.“ Dies fand die Familie bald: die katholische Grundschule in Bad Vilbel – „ungefähr so alt wie das Hochstift und ordentlich marode“, sagt sie lächelnd. Und schildert, wie die Kinder ihre ersten hessischen Jahre nach der Schule auf einer Baustelle verbrachten. Während in Bad Vilbel Wände herausgebrochen werden, ist sie tagsüber am Hochstift. Sie erinnert sich, wie „großartig“ es für sie nach den Münchener Uni-Jahren war, „so viele unterschiedliche Menschen kennenzulernen – Künstler und Musiker, Banker und Juristen, Dichter und Übersetzer“. Das Gespräch ist ihr wichtig – mit Studenten, Hochstift-Mitgliedern, jenseits des akademischen Elfenbeinturms. An der Goethe-Universität lehrt sie seit 2004. 2012 wurde sie zur ordentlichen Professorin berufen, 2013 als „Hochschullehrerin des Jahres“ ausgezeichnet. Sie ist nicht nur Direktorin des Hochstifts, sondern auch Vizepräsidentin der Goethe-Gesellschaft in Weimar.

2010 holen die „höhern Zwecke“ die Direktorin mit Wucht ein: Dass Anne Bohnenkamp-Renken in die Geschichte des Hochstifts eingehen wird als Erbauerin eines Romantik-Museums gleich neben dem Goethe-Haus, hätte sie sich nie träumen lassen. Aber als die Situation da ist, greift sie beherzt zu. Weil die nachbarlichen Goethehöfe abgerissen werden sollten, klopfte die Stadt bei der Hochstift-Direktorin an: Welche Nachbarn könntet ihr euch vorstellen? „Nachbarn gut und schön, aber viel besser wäre es, wenn wir endlich unsere im Archiv verborgenen romantischen Schätze zeigen könnten“, war sofort ihr Gedanke. Er kam ihr, weil sie gerade an einem Vortrag zu Ernst Beutlers 50. Todestag arbeitete. Beutler war 1925 Leiter des Goethe-Hauses geworden und nach 1945 die treibende Kraft für den Wiederaufbau des zerbombten Hauses. Schon vor dem Krieg hatte er die Idee eines Romantik-Museums gehabt. Mit dem frei werdenden Areal direkt neben Goethes Wohnhaus bot sich diese Chance nun von Neuem. Eine einmalige Gelegenheit. Anne Bohnenkamp-Renken suchte Gesinnungsgenossen. Sie fand sie überall: zuerst in der Stadt, dann beim Land Hessen und beim Bund. Die Pläne nahmen Form an.

Dass es ausgerechnet die Stadtverordneten waren, die ihr Anfang 2013 mit einer Absage in den Rücken fielen und die mit dem Land Hessen und dem Bund ausgetüftelte Drittel-Finanzierung zurückzogen, war für sie wie ein Schock: „Ohne die Unterstützung der Stadt hätte ich das ja gar nicht angefangen“, sagt die Direktorin.

Viele Kraftquellen

Sie habe ein paar Tage gebraucht – Tage, die sie auf einer Dienstreise in Indien verbrachte – und dann entschieden: „Wir probieren es trotzdem.“ Ihre Mitarbeiter seien ihr eine Kraftquelle gewesen, lobt sie, auch der Rückhalt des Vorstands und vieler Hochstift-Mitglieder waren wichtig. Und doch ist klar: Letztlich war sie es, die Chefin, die die Losung zum Weitermachen ausgab. Wie ein „Jetzt erst recht“ war der Ruck in der ganzen Stadt spürbar. Neue Sponsoren wurden gesucht (und gefunden), Ex-Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) und ihr Nachfolger Peter Feldmann (SPD) traten im Schulterschluss auf, und die romantische Sache nahm neue Fahrt auf.

Seitdem ist Anne Bohnenkamp-Renken rastlos für das RomantikMuseum tätig, eine unermüdliche Überzeugungstäterin im Dienste Goethes und seiner romantischen Zeitgenossen. Mit Engelszungen redet sie einem erweiterten Epochen-Verständnis das Wort, wie es in Europa gepflegt wird und anders als in Deutschland den „Klassiker“ Goethe und die Romantiker nicht säuberlich getrennt halten will. Dass Anne Bohnenkamp-Renkens „Expertise“ im Editionswesen liegt und weder im Bauen von Museen noch in der Gestaltung von Ausstellungen, weiß sie sehr wohl, aber es gehört offenbar zu ihrem Charakter, solche Herausforderungen anzunehmen, statt ihnen auszuweichen: Wahrscheinlich ist es eine ihrer großen Stärken, dass sie über ihre möglichen Schwächen sehr klar und offen reflektieren kann. Hinzu kommt: Auch ihre Brüder haben ihr Mut zugeredet – sie habe doch schon als Kind immer Museum gespielt.

Die neue Aufgabe ist aber auch eine Belastung. Oft schläft sie schlecht. Einen „Trick“ allerdings hat sie mittlerweile: Nachts hört sie Podcasts. Das hindert sie, übers Romantik-Museum nachzudenken. In mancher Nacht seien es „viele“. Dem Druck der großen Aufgabe setzt Anne Bohnenkamp-Renken Neugierde, den Teamgeist des Hochstifts und eine schier unermüdliche Tatkraft entgegen: Die Widersprüchlichkeit, eine Dauerausstellung über eine Epoche zu konzipieren, deren Kennzeichen die Flüchtigkeit ist, ist ihr bewusst. Aber gerade das scheint sie – welch romantischer Gedanke! – anzuspornen, bis 2020 das Unmögliche möglich zu machen. Bei den Besuchern des Museums sollte das im Idealfall zu epiphanischen Momenten glückseliger Erkenntnis führen.

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