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Bahnhofsviertel Frankfurt: Anneliese Keppeler: Das Rotlichtviertel ist ihr Kiez

Die 94-jährige Anneliese Keppeler ist die älteste Hausbesitzerin im Bahnhofsviertel. Ihr Eigentum in der Taunusstraße hat Bombenangriffe überlebt, drei Kinder hat sie dort großgezogen. Daher würde Keppeler ihr Haus für kein Geld der Welt verkaufen.
Trotz Drogenkriminalität oder Taschendieben fühlt sich Anneliese Keppeler sicher im Bahnhofsviertel. Ihr Haus in der Taunusstraße würde sie nie verkaufen, obwohl sich schon mehrfach die Gelegenheit bot. Trotz Drogenkriminalität oder Taschendieben fühlt sich Anneliese Keppeler sicher im Bahnhofsviertel. Ihr Haus in der Taunusstraße würde sie nie verkaufen, obwohl sich schon mehrfach die Gelegenheit bot.
Bahnhofsviertel. 

Behutsam, aber entschlossen schiebt die ältere Dame ihren Rollator über den Bürgersteig in der Taunusstraße. Gegenüber schlendern Mittagskunden aus den Freudenhäusern des Bahnhofsviertels, zwielichtige Gestalten mustern die Straßenfluchten. Man sorgt sich ein wenig um die gebrechliche Dame, die dennoch mehr Schlagfertigkeit ausstrahlt wie manch andere Passanten.

Anneliese Keppeler (94) hat die meiste Zeit ihres Lebens im Bahnhofsviertel gelebt. Sie ist die älteste Hausbesitzerin des Stadtteils, seit über hundert Jahren ist das fünfstöckige, im Jahr 1893 errichtete Gründerzeitgebäude in der Münchener Straße 37 Eigentum ihrer Familie.

Während das Bahnhofsviertel vielerorts der Gentrifizierung preisgegeben ist, also Investoren Häuser kaufen, um diese teuer zu vermieten, wenn die alten Mieter sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten können, hat Keppeler sich dagegen stets verwehrt. In der Taunusstraße 37 leben seit vielen Jahren die gleichen Mieter, teilweise seit Jahrzehnten. Das Erdgeschoss des Hauses, in dem ihre Großeltern einst ein Café und eine Bäckerei betrieben, hat Keppeler seit vielen Jahren an einen türkischen Friseur vermietet, bei dem sie Stammkundin ist.

Sie lässt durchblicken, dass sich ihr oft die Gelegenheit für einen Wandel im Haus und somit auch für Mehreinnahmen geboten habe. Sie hätte längst auch alles verkaufen oder nach Jahren mal wieder die Miete erhöhen können. „Aber von mir aus kann man mir alles Geld der Welt bieten. Mehr als essen kann ich damit nicht“, sagt die Hausbesitzerin.

Ein Glückshaus

Die 94-Jährige ist ein bescheidener Mensch. Ihre Weigerung, das Haus zu verkaufen, hat jedoch weniger mit Genügsamkeit als vielmehr mit der Geschichte des fünf Jahre vor dem Bau des Frankfurter Hauptbahnhofs errichteten Gebäudes in der Taunusstraße 37 zu tun. Dass es noch steht, grenzt an ein Wunder: Schwere Bombenangriffe während des Zweiten Weltkriegs auf die Innenstadt hatten Ende März 1944 ebenso weite Teile des Bahnhofsviertels beschädigt. Auch das Haus der Familie Keppeler fing Feuer.

„Eine Menschenkette bildete sich damals in der Taunusstraße. Eimer wurden einander gereicht und unser Haus wurde vor den Flammen gerettet“, erzählt Keppeler. Zwar bewohnten seinerzeit nicht alle damaligen Mieter das Haus, weil einige von ihnen im Krieg dienten. Über dessen Rettung durften sich jedoch alle freuen, denn sämtliche Bewohner der Taunusstraße 37 überlebten den Krieg. „Es ist halt ein Glückshaus. Und so etwas verkauft man doch nicht. Auch meinen Kindern habe ich das schon eingeimpft“, sagt die Eigentümerin.

Zweckbauten errichtet

Jene Mentalität könnte auch dazu beigetragen haben, dass das Haus die im Bahnhofsviertel verbreitete Geringschätzung für historische Gebäude in den Nachkriegsjahren überlebte. Gründerzeitbauten wichen in jener Zeit Zweckbauten. Auch wich der bisherige gutbürgerliche Charakter des Stadtteils den verruchten Eigenschaften, die das Bahnhofsviertel bis zum heutigen Tag prägen.

Befördert durch die Präsenz der amerikanischen Besatzungstruppen und deren Bedürfnis nach weltlichen Freuden entstanden im Stadtteil verstärkt Laufhäuser und Table-Dance-Bars. Damals wie heute blickt Anneliese Keppeler pragmatisch und mit dem für sie typischen verschmitzten Lächeln auf jene Entwicklung: „Die Soldaten wollten ihren Spaß haben. Und Mädchen gab es hier schon immer auf den Straßen.“

Den Frankfurter Kiez fürchtete Keppeler schon vor Jahrzehnten so wenig, dass sie im Viertel drei Töchter großzog und sich dabei nicht von Schutz und Finanzen der Männer abhängig machte. Sie heiratete keinen der drei unterschiedlichen Männer, von denen die Töchter stammten. „Die Herren hab’ ich immer gleich abgeschoben, die hab’ ich nicht gebraucht“, sagt sie. Schließlich habe es damals schon „schwere Jungs“ in der Straße gegeben, die die Töchter kannten und dafür sorgten, dass sich keiner an sie heranwagte.

Goldene Zeiten

An einem solch idyllischen Ort wie ihre Mutter Anneliese wuchsen die Töchter allerdings nicht auf: Wenn Keppeler vom Bahnhofsviertel vor dem Krieg erzählt, dann funkeln ihren Augen. Sie erinnert sich an Weinstuben und das Schumann-Theater, wo die jungen Damen aus dem Viertel in den 1930er-Jahren ihre Freizeit verbrachten, an den Prachtboulevard Kaiserstraße und das vornehme Kaiser-Hotel Kyffhäuser.

Dass all dies Geschichte ist, war jedoch nicht der Beweggrund für Keppeler, das Bahnhofsviertel vor ein paar Jahren zu verlassen, um ins Nordend zu ziehen. „Meine Wohnung wurde mir zu groß, daher zog ich aus“, erklärt sie. Drogenhandel, Taschendiebe oder Zuhälter waren jedenfalls nicht der Grund. Jenen Merkmalen des Bahnhofsviertels trotzt Keppeler bis heute und betritt den Stadtteil, wenn es sein muss, auch nach Einbruch der Dunkelheit: „Was soll mir hier denn passieren? Im Westend ist die Gefahr größer, weil dort nachts keiner auf der Gasse ist“.

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