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Lokal-Problem: Apfelweinwirtschaften in Frankfurt boomen - Aber Sorge um die «Sonne»

Eigentlich läuft für die Frankfurter Apfelweinwirtschaften derzeit alles glatt: Die Besinnung auf Regionales beschert ihnen einen Boom und das warme Wetter füllt die Biergärten schon früh im Jahr mit Besuchern. Doch die «Sonne» macht Lokalpatrioten Sorgen.
Ein vorbeifahrendes Auto erzeugt Lichtspuren vor dem bekannten Apfelweinlokal "Zur Sonne" im Frankfurter Stadtteil Bornheim. Foto: Arne Dedert (dpa) Ein vorbeifahrendes Auto erzeugt Lichtspuren vor dem bekannten Apfelweinlokal "Zur Sonne" im Frankfurter Stadtteil Bornheim.
Frankfurt. 

An einem Tisch stillt eine an Armen und Oberkörper tätowierte Mutter ihr Baby. Ihr nicht weniger dekorierter Partner mit Hipster-Bart und Dutt auf dem Kopf schneidet ihr derweil die Kartoffeln und Eier für die Grünen Soße klein. Eine Bierbank weiter sitzen gesetztere ältere Damen mit Perlenohrringen und Föhnfrisuren vor der Speisekarte, am Eingang versuchen englischsprachige Touristen, noch einen Tisch zu ergattern.

«Hier hast du was, wo alle hingehen», sagt die 38-jährige Sibylle Ries. Sie ist mit einer Gruppe Freundinnen aus dem Taunus in eine Frankfurter Wirtschaft gekommen und genießt die ersten Sonnenstrahlen. In der Bankenstadt Frankfurt ist die Kluft zwischen verschiedenen Schichten oft groß. Doch auf der Bierbank beim Bembel vereint sich nach Beobachtung von Betreibern und Besuchern noch Arm und Reich, Alt und Jung. Umso größer ist derzeit die Aufregung darüber, dass eine der bekanntesten Apfelweinwirtschaften «Zur Sonne» zum Verkauf steht - und womöglich einem Wohnblock weichen soll.

Eine Online-Petition zum Erhalt der traditionsreichen Gaststätte im Stadtteil Bornheim hatte am Montag bereits 3000 Unterstützer. Der Fall wird in sozialen Netzwerken und unter Anwohnern der Berger Straße heiß diskutiert. Mit einem Crowdinvestment-Projekt will der Initiator der Petition, Thomas Achim Becker, erreichen, dass die Frankfurter ihre «Sonne» selbst übernehmen.

Am Wochenende meldete sich gar Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) via «Facebook» zu dem Fall zu Wort: «Ich bin begeistert von Eurem Engagement. Solche gastronomischen Kleinodien gehören für mich zu Frankfurt wie Apfelwein und Handkäs», wendet er sich an die Frankfurter. Die Stadt sei informiert und werde die aktuellen Pächter bei der Suche nach einem geeigneten Nachfolger nach Kräften unterstützen. Die Aktion kommt gut an, in den Kommentaren erhält der Politiker viel Lob.

Für die Besitzer der «Sonne», die eigentlich nur ihr Eigentum verkaufen wollten und nun Anfeindungen ausgesetzt sind, ist das alles unverständlich. «Es hat sich vorher nie jemand um uns gekümmert, wir arbeiten uns in der Gastronomie fast zu Tode», sagt Besitzerin Uli Lorz. Sie und ihr Mann Gustav-Adolf sind beide über 60 und nach eigenen Angaben zu alt und zu erschöpft, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. An Sonntagen arbeiteten sie beispielsweise von 10 Uhr morgens bis 2 Uhr nachts.

Erst sollte der Sohn die Wirtschaft übernehmen, nach dessen Tod der Geschäftsführer. Als dieser dann im Juli vergangenen Jahres ging, sei der Entschluss zum Verkauf gefallen. «Das ist eine ganz private Sache.» An den Oberbürgermeister als Gast können sie sich nicht erinnern, auch habe er vor seinem Facebook-Posting keinen Kontakt mit ihnen aufgenommen.

Auch der Betreiber der Online-Petition hatte bisher keinen persönlichen Kontakt mit den Besitzern. Ihm geht es um Traditionserhalt und Persönliches: «Ich fände es sehr schade, wenn die Bäume da gefällt werden um irgendwelche Wohnblöcke hochzuziehen», sagt Becker. Als Nachbar habe er einen schönen Blick auf den Biergarten und dort auch immer die Fußball-Weltmeisterschaft geschaut. «Irgendwann war jeder Frankfurter schon mal irgendwann in der "Sonne".» Momentan sucht der gebürtige Bremer und Wahl-Frankfurter nach einer geeigneten Plattform, um über ein Crowdinvestment die 2,5 Millionen Euro geforderten Verkaufspreis aufzubringen.

Besitzer Lorz ist für jede Lösung offen. «Natürlich ist unsere Präferenz, dass das weiterbetrieben wird. Wir haben das ja mit Herzblut gemacht», sagt er. Aber auch eine Bebauung des Biergartens, der 280 Tage des Jahres leer stehe, will er nicht ausschließen. Schließlich habe er in den 1970er Jahren das Grundstück mit dieser Option gekauft.

Für die Vereinigung der Äpfelweinwirte mit rund 60 Gaststätten ist der Fall «Sonne» nicht typisch. Generell gebe es keine Nachwuchssorgen, das Geschäft boome. «Wir treffen momentan den Nerv der Zeit», sagt Sprecher und Besitzer der «Homburger Hofs», Andreas Kimmel. Regionales, Traditionelles und möglichst Naturbelassenes sei gefragt, da passten die Wirtschaften mit ihrem Apfelwein gut in den Trend. Auf die Frage, wer denn die Hauptkunden sind, antwortet er schlicht: «Jeder.» Ob Jung, Alt, Tourist oder Nachbar: «Das verschmilzt alles in einer Apfelweinwirtschaft und das ist ja das Schöne.» Wer sich nicht mit Handkäs' oder Rippchen mit Kraut anfreunden kann bekommt bei ihm auch eine vegane Gemüselasagne.

Die Freundinnen-Gruppe im Biergarten hat sich auch überwiegend für Grüne Soße statt Schlachtplatte und Bier statt Äppler entschieden. «Wir trinken hinterher alle noch ein Mispelchen», sagt Ries und freut sich auf die regionale Calvados-Spezialität. Das gute Preis-Leistungsverhältnis und die Gemütlichkeit seien für sie Gründe, immer wieder in Apfelweinwirtschaften zu gehen. «Für den Äppler habe ich dann Magentabletten dabei», scherzt ihre Freundin Yvonne Herzog.

(dpa)

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