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Unistart: Asta-Vorstände erzählen von den Problemen, mit denen Studis zu kämpfen haben

Fast 48 000 Studenten hat die Goethe-Universität im kommenden Semester. Redakteur Thomas J. Schmidt hat mit dem Asta-Vorstand über das Studium gesprochen. Alexander Knodt und Juri Ghofrani Azar sind Asta-Vorstände. Knodt studiert Philosophie, seine Vorlesungen beginnen am 16. Oktober, Ghofrani Azar will Arzt werden und hat heute den ersten Tag im neuen Semester.
Die Asta-Vorstände Alexander Knodt (links) und Juri Ghofrani Azar setzen sich für die Belange der Studierenden ein. Bilder > Foto: Salome Roessler Die Asta-Vorstände Alexander Knodt (links) und Juri Ghofrani Azar setzen sich für die Belange der Studierenden ein.

Es gibt wieder eine Rekordzahl von Studenten. Schafft die Universität das?

ALEXANDER KNODT: Wir gehen stark davon aus, sie muss. Die Universität wächst, es werden neue Plätze in den Studiengängen geschaffen, und man sieht ja auch, der Bau des IG-Farben-Campus ist noch nicht abgeschlossen, da werden weitere Gebäude folgen, die dann nach dem endgültigen Umzug mehr Platz bieten.

Was wird das größte Problem neuer Studenten in Frankfurt?

Info: Rekordzahl von 47 700 Studenten

Alexander Knodt (23) und Juri Ghofrani Azar (27) bilden zusammen mit Anna Yeliz Schentke (Grüne) den Vorstand des Allgemeinen Studierenden-Ausschusses (Asta) der Goethe-Universität Frankfurt.

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JURI GHOFRANI AZAR: Ich glaube, das größte Problem ist wie jedes Jahr die Wohnsituation. Wir haben mehr als 60 000 Studierende in Frankfurt, aber weniger als 4500 Wohnheimplätze, das reicht nicht einmal für acht Prozent der Studierenden. Wie jedes Jahr bieten wir mit unserem Indoor-Camp „Mieten? Ja wat denn!“ Studierenden vom 9. bis 13. Oktober eine Übernachtungsmöglichkeit. Wir haben bisher etwa 100 Anmeldungen, es wird jedes Jahr mehr.

Was sind das für Studenten, die bei Ihnen übernachten?

GHOFRANI AZAR: Es sind Studierende aus ganz verschiedenen Studiengängen, die sehr glücklich sind, einen Studienplatz in Frankfurt gefunden zu haben und die in der ersten Woche des Studiums verzweifelt auf der Suche nach einem Zimmer sind. Sie schlafen so lange bei uns.

Wo gehen die Studenten denn nach dieser Woche hin?

GHOFRANI AZAR: Manche kommen zwischenzeitlich bei Kommilitonen unter, andere finden ein Zimmer in der WG. Einige müssen auch länger als eine Woche hier bleiben. Die Wohnungssituation ist sehr schwierig. Im Schnitt zahlt ein Student in Frankfurt 450 Euro für ein Zimmer, doch die Wohnungspauschale im Bafög beträgt nur 250 Euro. Das heißt, wenn man vom maximalen Bafög-Satz von 730 Euro ausgeht, ist mehr als die Hälfte davon nur für die Miete.

Was bedeutet das für das Studium?

GHOFRANI AZAR: Es ist sehr schwierig, erfolgreich zu studieren und nebenher zu jobben. Und es kommt vor, dass Studierende ihr Studium aus finanziellen Gründen verlängern oder abbrechen müssen. Das darf nicht sein. Aus diesem Grund hat das Studentenwerk Frankfurt einen Nothilfefond eingerichtet, den der AStA mit 10 000 Euro unterstützt.

KNODT: Das wirkt sich im Studium so aus, dass es ein starkes Interesse gibt, sich politisch zu engagieren – doch die Zeit dafür fehlt einfach. Wenn wir sagen, wir arbeiten 20 Stunden, dazu kommt vielleicht noch etwas von den Eltern, man will noch etwas Freizeit haben. Dann bleibt außerhalb des Studiums keine Zeit mehr für etwas anderes.

Zumal ja die Studiengänge so verschult sind durch das Bologna-System, dass die Studenten noch weniger Zeit haben als früher.

GHOFRANI AZAR: Was früher eine große Stärke des Studiums war, nämlich dass man wählen konnte, frei war, das fehlt heute. Die Leute sind gezwungen, zu Veranstaltungen zu gehen, ganz gleich, wie sinnvoll es ist.

KNODT: Und mit einem Job mit festen Schichtzeiten ist dieses System auch nicht vereinbar, jedenfalls nicht in der Regelstudienzeit. Denn wenn man ein Seminar, das um 12 Uhr beginnt, nicht besuchen kann, weil man an dem Tag ab 10 Uhr arbeiten muss, dann muss man oft ein Semester dranhängen.

Wie ist denn das Essen in der Mensa? Ich habe den Eindruck, das ist manchmal schon richtig gut...

GHOFRANI AZAR: Kommt auf den Campus an.

KNODT: Und auf den Preis. Es macht einen Unterschied, ob ich für 2,50 Euro Nudeln mit Tomatensoße kaufe und mir sage, ich muss sparen, oder ob ich mir für 6,50 Euro einen Burger mit einer Cola hole. Es gibt ja noch eine kleine Mensa über der Casino-Mensa, die sehr gut ist, aber auch teuer.

GHOFRANI AZAR: Es gibt unterschiedliche Campi und unterschiedliche Mensen. Im Westend und auf dem Campus Riedberg ist es sehr gut. Es wird frisch gekocht. Und es gibt den Campus Niederrad für die Medizinstudenten, der schon etwas nebenher läuft. Es ist die Betriebskantine für die Angestellten und orientiert sich an deren finanziellen Möglichkeiten. Dort kostet ein klassisches Menü fünf Euro. Viele Studenten essen nur zwei Beilagen, Pommes und Salat, um Geld zu sparen.

Man sieht oft die Bilder von überfüllten Hörsälen, es wird auch jetzt wieder so sein. Wie ist es denn in späteren Semestern? Entspannt es sich dann etwas? Was sind Ihre Erfahrungen als Studenten?

GHOFRANI AZAR: Ich kann hauptsächlich für das Medizinstudium sprechen. Da entspannt sich die Situation später, leider. Wenn das Studium mit 500 Leuten startet, kommen am Ende so 350 zum Ziel, wenn es gut läuft. Die Problematik ist, dass dies über Aussieben funktioniert. Und das geht über Druck, über Zeitnot, darüber, dass die Studierenden sehr viele Informationen in kurzer Zeit lernen müssen. Leider macht dies nicht unbedingt gute Ärzte aus, viel Wissen in kurzer Zeit auswendig lernen zu können. Dinge wie Empathie und Menschennähe bleiben auf der Strecke. Es gibt sogar Prüfer, die nachweislich Studierende aussieben. Kann es sinnvoll sein, möglichst viele Studenten aufzunehmen, um möglichst viele wieder rauszukegeln?

Wäre es nicht gerade im Medizinstudium sinnvoll, den Studenten zu helfen und möglichst viele durchzubringen? Denn wenn von 500 nur 350 fertig werden mit dem Studium, fehlen 150 Landärzte.

GHOFRANI AZAR: Genau. Aber sie sollten gut ausgebildet werden. Die größte Hürde ist ja vorher schon genommen, mit dem Numerus clausus.

Das gilt inzwischen für viele Studiengänge...

KNODT: Überall stellt sich wie in der Medizin die Frage, ob nicht gute Eingangsprüfungen die bessere Wahl wären als ein guter Abiturschnitt. Denn man muss kein schlechter Arzt werden, wenn man in der Schule nicht viel Spaß an Deutsch oder Mathe hatte. Es muss bessere Methoden geben als die Abi-Note oder lange Wartezeiten. Für das Medizinstudium muss man bis zu acht Jahren warten!

Wie lässt sich Studium mit Kindern und Familie vereinbaren?

GHOFRANI AZAR: Es ist schwierig. Wir vom Asta helfen, und ich möchte Werbung für unser Elternreferat machen, das ich in Familienreferat umbenennen würde. Die haben Räume im Studierendenhaus und können Hilfen leisten.

Das heißt für Sie, den Asta, geht es nicht nur, wie man oft glaubt, um hohe politische Ziele, sondern Sie machen auch konkrete Hilfsangebote – vom Elternreferat über das Sozialreferat und das Kümmern um die Wohnungsprobleme?

KNODT: Genau. Aber das gehört zusammen. Wir sind nicht nur eine elitäre Vereinigung, die eine Studierendenzeitschrift herausgibt und aktuelle politische Theoriedebatten führt, sondern wir sind realpolitisch für die Studierenden da. Beispielsweise veranstalten wir als Asta jetzt eine dreiteilige Vortragsreihe, in der es um die Verfolgung von Homosexuellen in Tschetschenien geht. Dort werden Leute ins Lager gesteckt, verschwinden, werden ermordet. Das ist für Studierende wichtig, um zu verstehen, was in der Welt passiert.

Wie unterstützt Sie denn die Hochschulleitung? Wie ist das Verhältnis zum Präsidium?

GHOFRANI AZAR: Wir kommen sehr gut zurecht, wir begegnen uns professionell. Einmal im Monat ist ein Gesprächstermin, der Jour Fix. Zuletzt haben wir viel über die Fahrradwerkstatt verhandelt...

Die Sie auf dem Campus Westend als Teil des neuen Studierendenhauses haben möchten und die Sie jetzt schon vorziehen wollen, denn das Studierendenhaus steht ja noch nicht...

KNODT: Genau. Das Präsidium unterstützt uns, hat uns 30 000 Euro zur Verfügung gestellt für den Container. Ich glaube, wir haben zum Präsidium eine professionelle Beziehung. Wir sind keine Freunde und keine Feinde, wir begegnen uns auf Augenhöhe und arbeiten an gemeinsamen Zielen. Wir gehören ja dazu zur Körperschaft Universität. Wenn das klar ist, können wir über alles reden.

Wann kommen Sie denn mit dem Studierendenhaus endlich in die Pötte? Wann rollen die Bagger?

KNODT: Es hätte schon vor einem Jahr fertiggestellt sein sollen. Aber es hat sich verzögert.

Zuletzt wegen eines Streits um die Gestaltung der Fassade?

GHOFRANI AZAR: Genau. Wir sind zu einer Einigung gelangt. Architektonisch ist viel passiert, unsere Baukoordinatorin Ebru Celtikli hat ganze Arbeit geleistet. Das Studierendenhaus ist die Voraussetzung, dass die Studierenden auf dem Campus ankommen. Das Studierendenhaus mit all seinen Referaten ist in Bockenheim, die Studenten im Westend. Dort gibt es keine Anlaufstelle. Und jetzt klagen Nachbarn gegen die Stadt wegen der Baugenehmigung...

Und so lange kann der Bau nicht beginnen?

KNODT: Es ist schade. Aber vor 2020 wird das neue Studierendenhaus nicht in Betrieb gehen.

Sie sprechen vom IG-Farben-Haus, manchmal vom IG-Farben-Campus, die Universität vom Hauptgebäude, vom Campus Westend. Woher kommt diese Uneinigkeit?

KNODT: Die Universität beschäftigt sich nur unzureichend mit der Geschichte dieses Orts. Es gibt nur zwei Gedenkstätten, einmal sehr abgeschieden das Norbert-Wollheim-Memorial, dann aber gibt es eine Gedenktafel auf dem Boden, eingelassen vor dem Eingang des IG-Farben-Hauses zum Gedenken an die Ermordeten und Internierten des IG-Farben-Lagers. Eingelassen in den Boden! Die Geschichte ist dunkel, taugt nicht zum Hochglanz-Marketing. Aber ich sehe die Gefahr, dass Teile der Universität einen Schuld-Kult darin sieht, angemessen an die Vergangenheit des Orts zu erinnern.

Der normale Student, der von Vorlesung zu Vorlesung hetzt, hat der überhaupt einen Kopf für so etwas? Ist es nicht wirklich eine winzige Minderheit, die sich damit beschäftigt?

KNODT: Das ist sicher richtig. Aber ich halte es für fatal, wenn man in diesem Vorbeihuschen auf diese Gedenktafel treten kann. Das ist ein Symbolbild für den Umgang mit der Vergangenheit des Campus.

Müsste man dann nicht auch die Stolpersteine in den Städten entfernen?

KNODT: Die Gedenktafel müsste auf Augenhöhe angebracht sein, die Stolpersteine sind dazu da, über sie zu stolpern. Es kommt darauf an, den Studierenden auch humanistische Bildung beizubringen, sie sensibel zu machen für die Vergangenheit, sie zu kritischem Denken anzuleiten.

Ich möchte zurückkommen zum Start des Semesters. Was wünschen und empfehlen Sie Erstsemestern?

GHOFRANI AZAR: Wir wünschen einen guten Start ins Studium, neue Freunde, neue Anregungen und empfehlen unsere Erstsemester-Party. Die Party steigt am 12. Oktober auf dem Campus Westend. Wir empfehlen zudem, die Angebote zu nutzen, die unser Kultur-Ticket bietet. Es bietet freien Eintritt in den Palmengarten und Museen.

Info: Rekordzahl von 47 700 Studenten

Alexander Knodt (23) und Juri Ghofrani Azar (27) bilden zusammen mit Anna Yeliz Schentke (Grüne) den Vorstand des Allgemeinen Studierenden-Ausschusses (Asta) der Goethe-Universität Frankfurt.

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