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Nachkommen ehemaliger jüdischer Einwohner Frankfurts: Auf Spurensuche am Main

Es ist ein Besuch, der zur Achterbahn der Gefühle werden kann: Kinder und Enkel ehemaliger jüdischer Einwohner Frankfurts auf der Suche nach Spuren der Familiengeschichte. Da können alte Wunden aufgerissen werden – aber auch heilen.
Der im US-Bundesstaat New Jersey lebende Frank Felsenstein steht vor dem Franz Volhard-Hörsaal der Universitätsklinik. Volhard, das war der Internist und Professor, bei dem auch seine Mutter als Medizinstudentin in den Vorlesungen saß. Foto: Eva-Maria Krafczyk (dpa) Der im US-Bundesstaat New Jersey lebende Frank Felsenstein steht vor dem Franz Volhard-Hörsaal der Universitätsklinik. Volhard, das war der Internist und Professor, bei dem auch seine Mutter als Medizinstudentin in den Vorlesungen saß.
Frankfurt. 

Für Frank Felsenstein schließt sich gewissermaßen der Kreis, als er auf dem Gelände der Frankfurter Universitätsklinik vor der Tür des Franz Volhard-Hörsaals steht. „Das ist jetzt schon ein sehr zwiespältiges Gefühl“, sagt der weißhaarige Literaturwissenschaftler aus dem US-Bundesstaat New Jersey. Franz Volhard, das war der Internist und Professor, bei dem auch Felsensteins Mutter Vera Hirsch als Medizinstudentin in den Vorlesungen saß.

Zum Abschluss des Studiums fehlte ihr nur noch ein Jahr, als sich bei einem klinischen Praktikum eine Patientin erbost beschwerte: Von einer Jüdin wolle sie sich nicht behandeln lassen. Statt zu der Studentin zu stehen, ergriffen die Ärzte Partei für die Patientin.

Vera Hirschs Traum von der Zukunft als Ärztin war zerplatzt, noch ehe sie das Studium abschließen konnte. Die Erfahrung machte ihr ebenfalls bewusst: Für Menschen wie sie wurde es nun in Deutschland schwierig. Sie emigrierte nach England – und auch wenn sie schnell fließend Englisch sprach, musste sie im neuen Land ganz von vorne anfangen.

Einen Stein niederlegen

„Statt bei Professor Volhard in der Vorlesung zu sitzen, stehe ich nun mit rotgeschminkten Lippen im Geschäft und versuche, Hüte zu verkaufen.“ Diesen Satz seiner Mutter fand Felsenstein Jahrzehnte später in einem ihrer Briefe. Nun ist er dort, wo Vera Hirsch studierte, hat das Elternhaus seiner Mutter besucht und will einen Stein am Grab seiner Urgroßeltern niederlegen. Zusammen mit seiner Frau Carol, Sohn Kenny – der selbst ein Medizinstudium abgeschlossen hat – und Tochter Joanna will der 1944 in Großbritannien geborene Felsenstein auf Spurensuche gehen. Er ist Teilnehmer des „Frankfurter Besuchsprogramms“ für ehemalige jüdische Einwohner Frankfurts, die eine Woche lang die Heimatstadt ihrer Eltern oder Großeltern kennenlernen. „Wir sind die erste und zweite Generation nach Frankfurt“, sagt er. „Ich finde es sehr großzügig von der Stadt, dass die Einladung auch auf uns ausgedehnt wurde.“

Das Programm existiert seit 1980 – „eine gute Tradition“, wie der Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) bei der Begrüßung der Teilnehmer meint. Noch immer haben bei der Organisation der Besuche, an denen sich auch das Projekt Jüdisches Leben Frankfurt beteiligt, die in Frankfurt geborenen Zeitzeugen Priorität. Doch mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist ihre Zahl stark zurückgegangen. Diejenigen, die noch leben, trauen sich häufig die weite Reise aus den USA, aus Israel und anderen Staaten nicht mehr zu.

Wenn nun die Nachfolge-Generationen für gut eine Woche zusammenkommen, dann bedeutet das auch, „neue Punkte zu verknüpfen“, wie Felsenstein sagt. Die unterschiedlichen Wege und Erfahrungen von Emigranten und Holocaust-Überlebenden, die aus Frankfurt in alle Welt führten, finden in den Erzählungen wieder zusammen, wo einst alles begann. Teilnehmer des Besuchsprogramms, wie die Felsensteins, übernehmen auch die Aufgabe, an Stelle der Zeitzeugen an Frankfurter Schulen zu berichten, wie Juden im nationalsozialistischen Deutschland plötzlich ausgegrenzt, verfolgt und schließlich verschleppt und ermordet wurden.

Wechselbad der Gefühle

„Als Kind war es für mich immer unverständlich, wie das alles zusammenpasste“, sagt Carol Felsenstein. „Meine Großväter haben doch im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft, es gibt ein Foto meines Opas mit Pickelhaube“, erzählt sie. „Ihre Eltern hatten alle diese guten Erinnerungen an Kinderjahre in Deutschland – und dann diese Barbarei.“ Auch wenn der Kauf deutscher Produkte in ihrer Familie verpönt gewesen sei – zum Geburtstag ihres Vaters habe es stets deftige deutsche Kost gegeben. „Er liebte vor allem Kartoffelsuppe. Oder Krautwickel.“

Das Wechselbad der Gefühle ist auch bei Besichtigungstouren und auf den Spaziergängen in Frankfurt immer wieder da. „Vorhin war in der Straßenbahn diese Gruppe super artiger Grundschulkinder“, erzählt Carol Felsenstein, deren Eltern aus Berlin stammten. „Und ich dachte mir, in den 1930er Jahren lebten bestimmt ebenso niedliche nette Kinder. Wie konnte es zu diesem Hass auf Juden kommen?“

Die Felsensteins betonen, keinen Hass gegen die heutigen Deutschen zu hegen. „Die jungen Leute, die Menschen, die nach dem Krieg geboren wurden, die kann man doch nicht dämonisieren. Da sollte man auch nicht von Schuld reden. Aber ein Bewusstsein für das, was passieren kann – das sollte jeder haben“, sagt Carol Felsenstein.

Von gemischten Gefühlen sprachen auch Naomi Danon und Dani Hirschberg bei ihrem Besuch in Frankfurt vor wenigen Wochen, als sie in Sachsenhausen an der Einweihung des Dreidel-Denkmals teilnahmen. Ein Dreidel, das ist ein kleiner hölzerner Kreisel, mit dem sich Kinder traditionell während des jüdischen Lichterfestes Chanukka die Zeit vertreiben. In Frankfurt erinnert ein großer Bronze-Dreidel an die Kinder des jüdischen Kinderhauses. Die meisten von ihnen wurden deportiert, starben in Theresienstadt, in Auschwitz und anderen Lagern.

Die Namen von Toten

Naomi Danons Mutter Lola war eine von denen, die Glück hatten: Sie konnte als Zwölfjährige kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges mit einem der sogenannten Kindertransporte nach Großbritannien ausreisen. „Sie war im letzten Transport“, erzählt Danon. Die beiden älteren Schwestern wurden deportiert und ermordet. „Ich trage den Namen einer meiner Tanten“, sagt Naomi Danon. Sie wusste schon als Kind, dass sie mit dem Namen einer Toten durchs Leben geht.

In Frankfurt an dem Ort zu stehen, der für ihre Tanten gewissermaßen zur Todesfalle wurde, das war für Naomi Danon und ihre Schwester Esther Mendelsohn nicht leicht. Dennoch gab es einen Moment unerwarteter Freude: Inge Grünberg-Ariel, die als Kind in dem Heim lebte, kam aus Israel nach Frankfurt – und im mitgebrachten Poesiealbum war auch ein Eintrag von Lola. „Wir haben immer gedacht, keines der Kinder hat überlebt“, sagt Danon. Die Begegnung in Frankfurt sei daher „ziemlich überwältigend.“

„Es ist sehr aufregend und sehr aufwühlend“, sagte auch Daniel Ariel über den Frankfurt-Besuch mit seiner Mutter und zwei Söhnen. „Wir wollten diese Erfahrung auch mit der nächsten Generation teilen.“ An dem Denkmal stört ihn nur eines: „Es sollte an alle Kinder und die Erzieherinnen namentlich erinnert werden, nicht nur an die 43 der letzten Deportation.“

Bei dieser Deportation begleitete auch Dani Hirschbergs Großmutter Goldina Hirschberg die Kinder. Sie hatte die Leitung des Heims nach der Festnahme ihrer Schwester Frida Amram übernommen. Ihre eigenen Kinder konnte sie noch in Sicherheit schicken, Hirschbergs Vater gelangte als 16-Jähriger ins damalige Britisch-Palästina. Die Schützlinge im jüdischen Kinderhaus wollte und konnte Goldina Hirschberg nicht im Stich lassen.

„Unbeschreiblich. Mir fehlen die Worte“, sagte Hirschberg nach der Denkmaleinweihung, zu der er mit 16 Familienangehörigen aus Israel gekommen war. Auf dem Platz mit dem Dreidel, so schien es, kamen Leben und Tod aus der Familiengeschichte gleichermaßen zusammen. Denn: „Die Familien Hirschberg und Amram haben heute 160 Nachkommen.“

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